Dr. Dayan Jayatilleka


„Ein Stillstand im Dialog zwischen Regierung und TNA muss unbedingt vermieden werden, um einen Zusammenbruch zu verhindern“

von Dayan Jayatilleke vom 8. August 2011

Ein Stillstand im Dialog zwischen der Tamil National Alliance (TNA) und der Regierung von Sri Lanka droht: es besteht die Gefahr des Zusammenbruchs des Dialogs. Das aber ist völlig unnötig, weil der tote Punkt, den man erreicht hat, ohnehin nicht zur Diskussion steht.

Die TNA behauptet, dass die Regierung ausweichend reagiert in Bezug auf drei Bereiche, die von der TNA identifiziert wurden. Nach Angaben der TNA sind die Steine des Anstoßes 1) die Vermeidung der Regeirung einer schriftlichen Antwort auf gestellte Fragen; 2) Die Struktur des (künftigen) Regierens, also die Aufteilung der Themen und Aufgaben zwischen dem Zentrum und den dezentralen Einheiten sowie 3) Steuerliche und finanzielle Zuständigkeiten. Die TNA hat nach eine Antwort der Regierung von Sri Lanka verlangt „innerhalb einer Frist von 2 Wochen …“.

Dies ist eine Haltung, die dieTNA gegenüber Chandrika Bandaranaike Kumaratunga hätte einnehmen sollen, als es noch ein relatives strategisches Gleichgewicht gab, nicht aber gegenüber Mahinda Rajapakse und heute. Darüber hinaus muss eine solche Haltung von einer Partei kommen, die der stärkere Verhandlungspartner ist. Das jedoch entspricht nicht den Tatsachen. Die TNA ist bei weitem nicht stärker als der gesamte srilankische Staat.

Wie kann dann der Stillstand überwunden werden? Viel hängt davon ab, wie das Verständnis von politischer Versöhnung ist. Wenn dies, wie ich es vorschlagen würde, es als ein Prozess verstanden werden sollte, dann muss man auch begreifen, dass ein Prozess verschiedene Stufen und Phasen hat; das ist inkrementell. Was als erreichbar gilt in einer weiteren Stufe wird es nicht unbedingt sein in einer der vorherigen.

Heute leben wir in der Nachkriegszeit. Der Krieg endete nicht in einer Sackgasse noch wurde er in einer Verhandlungslösung beendet. Während die TNA durchaus ihre Quellen der Legitimität und Stärke inne hat, so hat sie auch ihre Quellen der Illegitimität und der Schwäche. Die TNA unterstützt die falsche Seite, in zwei wichtigen Punkten.

Es war die falsche Seite in einem moralisch-ethischen Sinne (die Tiger waren nicht nur Separatisten, sondern was schlimmer ist, Terroristen und totalitäre Faschisten). Es war die falsche Seite, auch, weil diese Seite einen langen Krieg ganz und gar verloren hat.

Wenn ein Krieg verloren geht, in einem Patt oder einem Verhandlungsverfahren endet, zeigen sich Ergebnisse eines bestimmten Typs. Japan beispielsweise bekam eine brandneue und sehr andere Verfassung, ebenso wie Südafrika. Der srilankische Staat hat den Krieg gegen die Sezession gewonnen und braucht deshalb genauso wenig eine neue Verfassung wie die USA, nachdem die Union die Oberhand über die Konföderation gewonnen hatte.

Es besteht keine Notwendigkeit für einen Stillstand wegen den eingereichten Antworten auf die Fragen der TNA , weil diese Fragen bereits als beantwortet betrachtet werden können. Die Antworten sind in der srilankischen Verfassung verankert.

Ein Realist, ob mit neorealistischem Ansatz oder auch ein „konstruktivistisch-Realist“ begreift schnell, dass der Krieg, das Ergebnis und die Dimensionen und Grenzen dieses Ergebnisses weder eine Revision der Verfassung nach oben noch nach unten zulassen, sondern, dass dessen vollständige Umsetzung nun erfolgen muss, was unmöglich war wegen der Existenz der LTTE.

Die Befreiung des Nordens und des Ostens durch die srilankischen Streitkräfte und die Wiederherstellung der territorialen Einheit des Landes haben erst möglich gemacht, dass die fast automatische Wiederbelebung der Mehrparteien-Wahl einer Demokratie in diesen Bereichen einsetzte. Der Krieg und seine Ergebnisse müssen in die fast automatische Erneuerung und Wiederbelebung der Verfassung führen – mit und in allen ihren Aspekten und Vorschriften.

Unsere Geschichte ist nicht nur das, was rein indigenen ist. Es ist das Produkt der Wechselwirkung des Äußeren und des Inneren, die Synthese der dialektischen Wechselwirkung von uns mit den anderen. Keine Bestimmung Sri Lankas Verfassung sollte auf der Grundlage zurückgewiesen werden, dass sie nicht ganz indigen sei, noch weniger die parlamentarische Demokratie, das Mehrparteiensystem, das Rechtssystem sowie ein großer Teil unserer demokratischen Rechte und Strukturen – nichts davon sollte einfach beiseite gefegt werden, nur weil sie von externen Herkunft sind.

Jegliche Änderungen in der einen oder anderen Richtung muss ausgewogen sein und beruhen auf gegenseitigen Kompromissen. Jede Öffnung der grundlegenden Fragen, von der Art, wie sie in der dreifachen Anfrage der TNA enthalten ist, sind in diesem Stadium (der Verhandlungen) kann zu einer Art der Aufschlüsselung werden, die vorgebildet ist durch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in Sachen Fusion.

Die lächerliche Einbringung von „Bedingungen“ seitens der TNA, einer Partei, die eine verschwindende Minderheit und einmal mit der Seite der Verlierer eines separatistischen Krieg verbunden, könnten in ein langes Schweigen im politischen Dialog münden, ein Einfrieren des politischen Prozesses und zur Selbst- Marginalisierung dieser Partei, die bereitwillig in die Kälte zurückgekehrt ist. Während dies eine bleibende Vorliebe für die interne Exil- und Emigrations-Politik demonstrieren würde, wäre es doch auch gleichbedeutend mit der Abdankung des TNA in der Verantwortung ihrer Wähler gegenüber.

Ein Einfrieren oder ein Unterbrechen des politischen Prozesses könnte bedeuten, dass die überwältigende Mehrheit im ‚Süden‘ sich mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt. Eine eventuelle Wiederaufnahme des politischen Dialogs im Rahmen dieser oder einer anderen Dispensation erfolgte dann bei einer niedrigeren Ausgangsbasis, mit darin enthaltenen Veränderungen, die inzwischen einfach durchgesetzt wurden.

Diese neue „Fakten“ würden sich als wahltechnisch irreversible herausstellen, auch für eine eventuelle Alternative zur jetzigen, demokratisch gewählten Regierung. Die TNA und ihre westlichen Sympathisanten sollten sich darüber Gedanken machen, dass viele der asiatischen Staaten in unserer strategisch sensiblen Peripherie, darunter auch die in unserer unittelbaren Region Südasien (insbesondere auf dem Subkontinent) konstituiert sind als stark verbriefte Sub-Systeme mit gefrorenen oder unruhigen politischen Prozesses.

Ist das etwa die Zukunft, die die TNA sich für den Norden und seine Bewohner wünscht?

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Bärendienste mit der Tiger-Flagge

Übersetzt aus TransCurrents

Vom 28. Mai 2011 von Dr. Dayan Jayatilleka

Es ist wahrlich schade, dass die srilankischen Medien nicht die Fotos von den Demonstrationen von Teilen der tamilischen Diaspora gezeigt haben, welche diese in der Woche vom 12. bis 19. Mai in verschiedenen westlichen Hauptstädten inszeniert haben. Dies war als Protest und als Trauer für die letzte Kriegswoche gedacht, die auch die letzte Woche von Prabhakarans destruktivem Leben war.

Ich sah die Demonstration in Paris und die folgende Versammlung im Trocadero, der in einer Sicht zum Eiffelturm liegt.

Ein paar Telefonanrufe, die ich empfing, sagten mir, dass die Demonstrationen in New York, London, Genf und Toronto die gleichen gewesen wären und dass Paris keine Ausnahme war.

Die Demonstrationen waren verräterisch und nur jene, die nicht sehen wollen – egal, aus welchem Grund – können die visuellen Beweise anzweifeln.

Die sichtbarste Fahne und die einzige, abgesehen von schwarzen Fahnen und dem Standard des Gastlandes oder des Kontinents (d.h. z.B. der EU) war die von den Befreiungstigern von Tamil Eelam (LTTE). Darauf sind ein brüllender Tiger, 33 Kugeln und gekreuzte Gewehre mit aufgepflanztem Bayonetten zu sehen.

Das war die einzige politische Fahne; die einzige bekannte, erkennbar politische oder organisatorische Identitätsfahne. Ein offener Lastwagen mit einem Mann, der als der verstorbene Prabhakaran gekleidet oder vielmehr teilweise gekleidet und ausgekleidet war, war Teil der Parade der LTTE in Paris.

In London gab es rote und gelbe Fahnen, aber die offenkundigste war die Tiger Standardflagge, die in den Reihen der Demonstranten getragen wurde. Eine Tiger-Fahne war sogar an einer Ecke der Nationalgalerie aufgehängt worden, die gegenüber dem Trafalgar Platz liegt.

Deijenigen, die behaupten, dass die Tiger-Fahne die “tamilische nationale Fahne” sei (und Prabhakaran “der nationale Führer der Tamilen”), leisten der tamilischen Gemeinschaft einen Bärendienst, denn damit werden die Tamilen kollektiv mit dem Banner einer terroristischen, sezessionistischen und faschistischen Bewegung identifiziert, die unter anderen Nehrus Enkel mit einem Selbstmordattentat bei einer Wahlversammlung getötet hat.

Das heißt natürlich, nur, wenn diese Behauptung falsch ist. Wenn nicht, ist die Angelegenheiten noch schlimmer.

Die Fotos aus New York zeigen, wie die Tiger-Fahnen geschwenkt werden und auch Plakate, auf denen stand: „Libyen und die Elfenbeinküste heute: Warum nicht Sri Lanka morgen?“

Für den srilankischen Staat und die Mehrheit seiner Bürger sollten die Angelegenheiten so klar sein, wie sie es für mich in der letzten Woche in Europa waren. Das Spiel wird zu einem Nullsummen-Spiel – wieder einmal.

Ich hätte es verstehen können, wäre das Datum zum Betrauern der Toten und zum Protest hinsichtlich der tamilischen Situation der 23. Juli oder der 29. gewesen. Das wäre dann ein Gedenken an die anti-tamilischen Gewalttätigkeiten vom Juli 1983 gewesen. Der 18. und 19. Mai aber markiert das Ende eines Krieges, der die Mehrheit der Bürger quälte. Jene, die trauern, ziehen den 18. und 19. Mai dem 23. bis 29. Juli vor, weil sie vor allem die Niederlage im Krieg, die Zerstörung der Streitkräfte der Tiger und den Tod von Velupillai Prabhakaran bedauern und betrauern.

Ich hätte es verstehen können, wenn die Fahnen jene der Tamilischen Nationalen Allianz, der TNA, gewesen wären, der hauptsächlichen parlamentarischen Partei der Tamilen im Norden, oder von einer Koalition von tamilischen politischen Parteien. Die reine Allgegenwärtigkeit und das Monopol der Tiger Fahne zeigt uns jedoch, woher diese Demonstranten kommen und was ihre Ziele und ihre Wünsche sind. In einigen Ländern wurden die Demonstrationen von der TGTE organisiert, der sogenannten Transnationalen Regierung von Tamil Eelam. In Paris war es das Tamilische Koordinationskomitee (TCC), die alle LTTE Splittergruppen zusammenbrachte. In London waren die Organisatoren das britische tamilische Forum (BTF), dessen Suren Surendiran in letzter Zeit eine Menge herumgekommen ist. Er ist sogar zu wichtigen Adressen jenseits des Atlantiks gereist.

Zeigt uns die klare Vorherrschaft der Tiger Fahne nicht deutlich, dass die TGTE und BTF zunehmend als Tarnorganisationen für und als Mitreisende der Tamil Tiger dienen?

Die Bilder von Politikern verschiedener Parteien in einigen Ländern, die mit den Tiger-Fahne schwenkenden Demonstranten redeten, enthüllen, dass es in einigen westlichen Demokratien politische Elemente gibt, die entweder mit dem Charakter der Tiger sympathisieren oder den Tigern unkritisch gegenüber stehen.

Sie brauchen sich vielleicht nicht darum zu kümmern. Aber wir Srilanker müssen es. Einige oder sogar die meisten im Westen können sich blind gegenüber der wahren Identität und des Charakters des Phänomens erweisen. Wir Srilanker können uns das aber nicht leisten.

Dies ist keine Bewegung einer marginalisierten Minderheit, die Gerechtigkeit und Autonomie sucht. Dies ist der gleiche alte faschistisch-separatistische Feind, dem wir uns seit Jahrzehnten gegenüber sahen und den wir bekämpft haben. Dies ist die gleiche terroristische Bewegung, einschließlich deren Unterstützer, Sympathisanten und Handlangern, die eine Krieg mit Gewehren gegen uns führte – und verloren hat.

Sie führen jetzt einen Kalten Krieg gegen uns. Dabei haben sie die gleichen alten Ziele, aber neue Verbündete oder Verbündete, die mit dem Darusman-Kommissionsbericht aus dem Schrank gekrochen kommen. Ihr Modell ist nach den Slogans in der letzten Woche offenkundig: Libyen und die Elfenbeinküste. Das bedeutet eine militärische Intervention durch Länder, in denen die LTTE-Freunde einflussreiche Gemeinschaften bilden.

Sie haben ihre Ziel nie aufgegeben – es gab lediglich eine taktisches Aussetzen der Methode oder deren Aufgabe, weil sie nicht funktionierte.

Es gibt keine Selbstkritik. Der tamilische Diaspora-Markt hat die Tiger-Marke nicht zurückgewiesen.

Die Bühne des Trafalgar Platzes hatte inmitten von umgebenden LTTE-Fahnen eine Papp-Gefängniszelle mit einer lebensgroßen Puppe auf der „Kriegsverbrecher“ stand, die Präsident Mahinda Rajapaksa hinter Gittern darstellen sollte, während eine junge Dame in Schwarz gekleidet aus dem UN-Kommissions-Bericht vorlas. Der Bericht ist eine geladene Waffe, die der pro-Tiger tamilischen Diaspora übergeben wurde. Er dient auch als „Schmiermittel“, ist wie ein Pass oder ein Passwort, um Zugang zu vielen politischen und Regierungskreisen zu bekommen, die hauptsächlich, aber nicht exklusiv im Westen sind.

Wenn die Tiger auf dieser Seite sind, dann muss ich und werde ich auf der anderen Seite bleiben.

So lange – und genau weil – die anti-srilankischen Demonstranten außerhalb des Landes die Tiger unterstützen, muss und wird die Mehrheit der srilankischen Bürger im Land den Staat, ihren Staat unterstützen und das machen sie auch.

Aber es ist nicht gut genug, nur fest zu stehen – und ein ideologischer Rückschritt ist überhaupt nicht gut. Wir müssen es richtig verstehen. Dieser Kalte Krieg kann nicht durch „knallharte Macht“ gewonnen werden, sondern durch das, was Professor Joe Nye (der damit vielleicht ohne es zu wollen die Konzeption von Hegemonie von Antonio Gramsci popularisierte und bekannt machte) bekannterweise eine „kluge Macht“ nannte, d.h. die Kombination von sanfter und harter Macht.

Kein Land und keine Führung liefert ein so vollständigeres, ja schulbuchmäßiges Beispiel, so könnte man sagen, von der Verschmelzung von Realismus und Vernunft, indem es erfolgreich auf die vielfältigen, externen, tödlichen Bedrohungen antwortet, als das nachrevolutionäre Russland unter Lenin.

Lenin war charakteristisch hellsichtig hinsichtlich dessen, was getan werden musste: zu erhalten, zu verteidigen, und die schwer gewonnenen Gewinne, den Sieg der Revolution zu konsolidieren. Er ging von dem klassischen Fortschritt aus und benützte die vom I. Weltkrieg gelieferte Öffnung, um erfolgreich die Macht zu ergreifen und gegen die theoretische Weisheit der traditionellen europäischen Linken zu gehen. Er war nicht weniger hellsichtig, als er den historischen Sieg angesichts einer feindlichen äußeren Umwelt konsolidierte. Kompromisse und Konzessionen waren notwendig, und man musste einen Schritt zurückweichen, wenn es notwendig war, um zwei Schritte vorwärts zu gehen.

Nachdem Lenin die interventionistischen Armeen von über einem Dutzend imperialistischer Nationen abgewehrt und einen blutigen Bürgerkrieg bekämpft und gewonnen hatte, erkannte er gegen 1920 an, dass das internationale Gleichgewicht der Kräfte ungünstig war und so für eine gewisse Zeit bleiben würde. Er kehrte in Hinblick auf das radikale Programm der Revolution um und förderte sie mittels einer neuen ökonomischen Politik (NEP). Dies wurde von der extremen Linken als nichts anderes gesehen, als ein Verrat der Revolution und eine Wiederherstellung des Kapitalismus. Er wusste, dass nach dem I. Weltkrieg und dem Bürgerkrieg ein weiterer gewalttätiger Konflikt Russlands Wirtschaft ruinieren und ein Risiko für die Gewinne des revolutionären Sieges darstellen würde.

Die großen Kompromisse, die Lenin 1920 bis 1923 einging – sowohl intern als auch extern – zielten genau darauf ab, das Wesentliche zu verteidigen und zu erhalten, und darum, die russische Revolution zu gewinnen, sowie die Zeit und den Raum zu haben, um deren historischen, politisch-militärischen Sieg in einem ungünstigen internationalen Kontext zu konsolidieren, über den es keine Kontrolle gab.

Lenin sagte gern, dass „nichts radikaler ist, als die Realität selbst“. Er ließ niemals zu, dass ein falsches Bewusstsein oder alte Traditionen und Denkgewohnheiten ihn blendeten oder in die Irre führten, indem sie die Herausforderung der existierenden, entstehenden Realität verdunkelten. Und ihm mangelte es nie an der Waghalsigkeit für Reformen, an der Klarheit und am Mut zu Kurskorrekturen und Veränderung.

Wie steht es da mit uns?

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Frieden unter Druck

Vom 29. Mai 2011 von Dr. Dayan Jayatilleka

Jedes Bezirksbürgermeisteramt in Paris hat Tafeln angebracht, auf denen die Namen jener geschrieben stehen, die in den vielen Kriegen starben, die Frankreich kämpfte. Es gibt viele Kunstwerke in und in den ehrwürdigen Gebäuden in Paris, die jene Schlachten zeigen – von Jean d`Arc bis in die Neuzeit. Es gibt zur Erinnerung an die Schlachten der Vergangenheit häufig Militärparaden in Paris.

Dies trifft auf die meisten Länder zu, nicht nur auf die, die in der Mitte des aufklärerischen Denkens stehen. Vor kurzem feierte Russland mit seiner Parade auf dem Roten Platz den Sieg über den Nazi-Faschismus. So müssen wir hinsichtlich des Argumentes misstrauisch sein, dass Sri Lanka seinen Sieg über die terroristische separatistische Armee der LTTE angeblich nicht feiern darf. Es ist unser legitimes Recht, das wir über künftige Generationen hinweg wahrnehmen werden müssen.

Ist es der Krieg wert, dass man ihn feiert? Die Antwort auf diese Frage liegt in der Antwort auf eine andere. Wie viele Bürger, in allen Zeitaltern, sterben jede Woche gewalttätig, verglichen mit der durchschnittlichen Opferzahl in den Kriegsjahren? Das schlaue Gegenargument lautet, dass das Töten während des Waffenstillstandes (CFA) aufgehört hatte. Dies ist natürlich eine offenkundige Lüge. Nicht nur wurde unser honoriger Außenminister, Lakshman Kadirgamar, in dieser Zeit getötet, es wurden auch ein altgedienter Polizist auf seiner Wache in Dehiwala, ein Armeeoberst in Polhengoda, sowie 48 Beamten des militärischen Geheimdienstes getötet – und bei allen zahlten die Tiger keinen Preis dafür und es wurde ihnen auch von der damaligen Regierung oder der sogenannten Internationalen Gemeinschaft keine Strafe auferlegt.

Kaum weniger trügerisch ist das Argument, das den chirurgischen Charakter der Tötung von Osama bin Ladens mit der Vernichtung der Tiger gleichstellt. Harter Fakt ist, dass die srilankischen Streitkräfte die Kommandostruktur der Tiger auf chirurgische Weise vernichteten, wobei sie mit sogenannten LRRP-Operation tief in LTTE-Teritorium eindrang, als der Premierminister der damaligen Zeit (der gegenwärtige Oppositionsführer) das Projekt aufgab, indem er ein schräges Waffenstillstandsabkommen unter dem Applaus des Westens unterzeichnete.

Nachdem man die „chirurgische“ Option zunächst aufgegeben hatte, musste beim nächsten Mal das Endspiel einen alt-testamentarischen Charakter annehmen. Was das Argument betrifft, dass die Fotos des toten Osama nicht gezeigt wurden – anders als die des toten Prabhakaran -, so ist die Antwort, dass die irrationale al-Qaida schnell den Tod ihres Führers zugab und dass darum der fotografische Beweis unnötig war, während die tamilische Diaspora, die für die Tamil Tiger waren und sind, eine größere Irrationalität und Täuschung demonstrierten, indem sie sich weigerten, den Tod ihres Führers zuzugeben. Darum war die Veröffentlichung der Fotos unabdingbar.

Ein weiteres Stück Propaganda, das sich als Argument verkleidet, ist, dass Sri Lanka nur das Territorium befreite oder wieder vereinte, aber dass das Volk wichtiger sei. In der ganzen Weltgeschichte, die auch die Geschichte von Kriegen, territorialer Kontrolle und dem Wiedergewinnen territorialer Kontrolle ist, war dies ein Ziel an und für sich. Noch wichtiger ist der primäre, existentielle Wunsch, sich vor einem Feind zu verteidigen, der das eigene Kollektiv, die eigene Gemeinschaft quält, und diesen Feind zu besiegen. Dies hat Sri Lanka getan. Dies allein gibt dem Krieg Wert und macht ihn legitim, und so ist es wert, den Sieg zu feiern. Alles in allem ist es der bedeutungsvollste Krieg unserer Generation, der dem jedes anderen gegenwärtigen in der ganzen Welt gleichkommt oder ihn sogar übertrifft.

Die Nachkriegsdebatte

Lassen Sie uns als die Demokratie, die wir sind, auf alle Fällle sogar stark hinsichtlich der Nachkriegspfade divergieren, die eingeschlagen werden oder eben nicht eingeschlagen werden sollten. Tatsächlich machen es die Debatten, an denen ich mich in der Presse beteiligt habe, interessant, im Licht der neuesten Entwicklungen und Aussichten dies noch einmal zu überdenken. Diese Debatten dürfen nicht zu einem Abweisen des Krieges und dessen Rechtmäßigkeit führen oder einer Neueinschätzung der Tiger oder jener, die im Krieg die Wahrheit verdrehten. Es bleibt eine legitime und wertvolle Debatte in Hinblick auf die Folgen eines gerechten, eines notwendigen Krieges und eines Sieges, der hart, aber glorreich war.

Diese notwendige Debatte über die Nachkriegspolitik darf nicht mit der Rechtmäßigkeit unseres Sieges durcheinandergebracht werden oder ein Vorwand sein, ihn ungerecht zu nennen. Die Debatte darf den Kriegsgrund nicht unterminieren und zur Vergangenheit zurückkehren. Die Debatte über die Nachkriegsordnung ist genau für die Konsolidierung des militärischen Sieges notwendig. Die Diskussion muss die geänderte unterregionale, regionale und internationale Situation in Betracht ziehen, die unsere externe strategische Umgebung konstituiert.

Woher kommen diese Infragestellung dieses Sieges und wer treibt sie an? Am hervorstechensten sind die verbitterten Elemente der tamilischen Diaspora. Wie sollte man die Diaspora betrachten? Was sollte deren anerkannte Rolle sein und wie sollte sie von den Gastgesellschaften in denen sie lebt – hauptsächlich westlichen Demokratien – sowie der internationalen Staatengemeinschaft betrachtet werden?

Fred Halliday (1946-2010), Ehrenprofessor für internationale Beziehungen an der Londoner Wirtschaftsschule und Forschungsprofessor an der Universität von Barcelona, veröffentlichte einen Aufsatz auf der Webseite „Open Democracy“ (= “Offene Demokratie”) unter dem Titel “Die zwölf schlimmsten Idee der Welt”. Die schlimmste Idee Nummer Drei war, dass „Diasporen eine legitime Rolle in der nationalen und internationalen Politik spielen müssen“.

Er erklärte seinen Punkt weiter und sagte, dass “die Vorstellung, dass Emigranten- oder Diasporagemeinschaften einen besonderen Einblick in die Probleme ihrer Heimatländer hätten, oder auch einen besonderen moralischen oder politischen Status in Hinblick auf diese Länder hätten, ist völlig unbegründet. Emigrierte ethnische Gemeinschaften spielen fast immer eine negative, rückwärts gewandte, zugleich hysterische und behindernde Rolle bei der Lösung der Konflikte ihrer Ursprungsländer: Armenier und Türken, Juden und Araber, verschiedene Untergruppen von Iren, sind alles primäre Beispieler der interethnischen Front. Genauso sind es Exilanten in den Vereinigten Staaten in Hinblick auf die Lösung der Probleme von Kuba oder die Politik gegenüber den Iran.“

Besonders traurig ist das Phänomen, dass einige Elemente des srilankischen Staatswesens und der Intelligenz sich nach der tamilischen Diaspora zu richten scheinen, deren „hysterische“ (um Hallidays Adjektiv zu benutzen), wenn nicht sogar halluzinatorische Propaganda (Mahinda Rajapaksa als Adolf Hitler, das heutige Sri Lanka als Nazi Deutschland) verstärken und sich davon nicht unterscheiden.

Die Souveränität

Das gefährlichste Ding der Welt ist, laut Philosophen das “nicht eingestandenes Nicht-Wissen”. Der dominierende Diskurs hinsichtlich Sri Lanka – sowohl inner- als auch außerhalb der Insel – enthüllt genau so ein nicht eingestandenes Nicht-Wissen. Die polarisierte Debatte zwischen den Menschenrechten und der nationalen Souveränität ist ein hauptsächliches Symptom dieses Nicht-Wissens. Eine Seite behauptet, dass Menschenrechte vor allem Anderen kommen, und dass die nationale Souveränität ein reines Feigenblatt für die Unterdrückung durch den Staat ist. Die nationale Souveränität wird als eine Ideologie angesehen, die von engstirnigen ethnischen oder ethnisch-religiösen Chauvinisten hochgehalten wird. Die andere Seite behauptet, dass die nationale Souveränität sakrosankt ist und dass sich die Menschenrechte unterordnen müssen. Diese Elemente definieren die Nation in engen ethno-religiösen Ausdrücken. Nicht nur haben beide Seiten Unrecht, beide sind auch ignorant.

Wenige sind sich dessen bewusst, dass die intellektuelle Geschichte der Aufklärung, der Menschenrechte und Souveränität – genauer gesagt: der nationalen Souveränität – nicht voneinander trennbar sind, sondern, wie man beweisen kann, miteinander eng verwoben sind. Wenige wissen oder geben zu, dass das wichtigste Dokument über die Menschenrechte, die Erklärung der Menschenrechte und der Bürger, das der Marquis de Lafayette vorbereitet und vorgeschlagen hatte, und das von der nationalen konstituierenden Versammlung in Paris am 26. August 1789 als erste und universellste und universell machende Frucht der Französischen Revolution angenommen wurde, einen dritten Artikel besitzt, in dem die folgende unzweideutige Erklärung der Souveränität dargelegt wird: „Das Prinzip aller Souveränität liegt wesentlich bei der Nation. Keine Körperschaft und kein Individuum kann irgendeine Autorität ausüben, die nicht direkt von der Nation selbst kommt.“

Ungeachtet der eigenen Meinung darüber oder der des politischen Führers, der Partei oder Politik, erfordert die Verteidigung der historischen Gewinne des Krieges aber auch der Demokratie die Verteidigung des Prinzips der nationalen Souveränität.

La Luta Continua!

In dem Film “Der brennende Mann” sagt Denzel Washington mit bedächtigem Nachdruck und trennt die Worte durch lange Pausen voneinander, als er durch einen Tunnel in Mexico City geht, weg von einem Kerl, den er an einem Auto mit tickender Zeitbombe angekettet hat: “Ich… wünschte, dass… Sie… die… Zeit… hätten”. Ich wünschte, dass wir die Zeit hätten. Mit den neuen Entwicklungen in der Politik der Region müssen wir uns schnell aus den Verwicklungen befreien, weil die Uhr tickt.

Heute besteht die Gefahr, dass sich der äußere Druck aufbaut – bis hin zu Umzingelung und Belagerung. Wie kann man dem am besten widerstehen und es zurückschieben? Wie kann man Zeit und Raum für Sri Lanka sichern? Diese Lektionen könnten aus den Erfahrungen von Staaten in ähnlichen oder viel erdrückenderen Umständen in der gegenwärtigen Geschichte gelernt werden.

Jahrzehnte lang wurde Kuba belagert, ökonomisch von seinem riesigen nördlichen Nachbar blockiert. Kuba hat nicht nur überlebt, weil es die Unterstützung der UdSSR erhielt, sondern weil es trotz des Verschwindens der USSR sich den Respekt seiner benachbarten Region von Lateinamerika gewann und Unterstützung und Einfluss aufgebaut hat.

Als China sich vom Westen bedroht fühlte, neigte es sich der UdSSR zu (Maoisten nennen es “sich zu einer Seite lehnen”), und als es sich von beiden umschlungen fühlte, neutralisierte es eine Front, indem es sich mit dem Westen gegen die UdSSR verbündete. In der ganzen Zeit kultivierte es, was Mao die Zwischenzone der Dritt- und Zweit-Weltstaaten nannte.

Erst vor ein paar Jahren befand sich Zimbabwe international in einer misslichen Lage. Heute hört man kaum von dem Land. Das Geheimnis von Zimbabwes Erfolg ist die Pufferrolle, welche deren respektierter und einflussreicher Nachbar Südafrika spielt. Ohne dessen Schild wäre Zimbabwe für seine Feinde weit offen gewesen.

Wegen des unvernünftigen und sich steigernden externen Drucks, der auf uns ausgeübt wird, denken wir zurück an die Parole der afrikanischen Befreiungsbewegungen, welche gegen den (portugiesischen) Kolonialismus kämpften. Es ist für uns ausgesprochen passend: La Luta Continua! Der Kampf geht weiter!

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