David Blacker


305Sri Lankas Moment in der Geschichte ist jetzt

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion aus Colombo Telegraph vom 2. April 2013

Von David Blacker

Colombo – Ich denke, dass jede Generation ihre eigenen Herausforderungen hat, und die größten und bestimmenden sind diejenigen der Moral und Mut erfordern. Dieser Moment, wenn verpasst, verdammt die jeweilige Generation – und oft auch die vielen Generationen, die folgen – in einer Welt, die weit  unangenehmer und böser wäre, als wir es uns wünschten.

Für viele in der freien Welt kam dieser herausfordernde Moment in den späten 1930ern,  mit dem Überfall auf Polen und der Bombardierung von Pearl Harbour. Es war ein Moment, als meines Großvaters Generation zu entscheiden hatte, ob sie einfach an der Seitenlinie des Spieles stehen und zusehen oder gehen und für andere zu kämpfen. Zum Glück war für sie die Wahl einfach, ihren jeweiligen Regierungen nahmen die richtige Abzweigung, und Millionen von jungen Männern – mein Großvater inbegriffen – ging in die Wüste, in den Dschungel und über die Meere, um zu gewährleisten, dass Tyrannei und Rassismus nicht ihre Welt von morgen prägen würden. Für das America der 1960er, war dieser Moment des Schicksals in der Tat ein Ort – Vietnam – und eine moralische Wahl, die folgen musste. America fällte schließlich seine Entscheidung, wenn auch ein wenig spät für Millionen von Vietnamesen.

Als aber die Stunde des Schicksals vor dreißig Jahren für uns  in Sri Lanka schlug, da versagte die Generation unserer Eltern uns gegenüber. Jahrzehntelang sahen sie tatenlos zu, wie aus extremistische Rhetorik gegen die tamilische Gemeinschaft körperlicher Gewalt und Exzesse wurden.

Sie standen nicht auf, als unsere Verfassung geändert wurde, um den Schutz der Rechte der Minderheiten ein Recht per Gesetz zu entfernen. Sie hielten still, wie die Führung der Nation auch gegenüber dem Rassismus und dem Hass, der sie herum war. Sie taten nichts, als die von ihnen gewählten Politiker anstifteten zu Gewalt, die in der Angriffs-Orgie mit Mord, Vergewaltigung und Zerstörung ihren Höhepunkt, fand in dem, was als Schwarzer Juli bekannt wurde.

Seit dreißig Jahren haben wir uns immer wieder gefragt, wie unsere Eltern so unterwürfig, so kurzsichtig, so falsch in ihren Entscheidungen gewesen sein konnten. Wir haben gesehen, wie unser Land von Selbstmordattentätern und Kindersoldaten zerrissen wurde, von Panzern und Artillerie. Wir haben gesehen, wie Einhunderttausend der Unseren starben, weil unsere Eltern nicht „Stop!“ gesagt haben.

Dreißig Jahre später, zeigt die Uhr wieder fünf Minuten vor 12, mit Rassisten, die zur Gewalt aufrufen, weil dieses Land angeblich nur für singhalesischen Buddhisten ist. Diese Leute fordern eine winzige Minderheit ultimativ auf, ihre Lebensweise zu ändern oder abzuhauen. Sie fordern, dass diese Minderheit von ihrem Recht absieht, zu beten. Und sie sind drohen offen mit Gewalt, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was macht unsere Regierung? Bestenfalls hält sie still, im schlimmsten Fall ist sie Komplizin. Unsere Polizei sieht zu, während Muslime angegriffen werden. Es gibt keine Verhaftungen. Es gibt keine Verurteilung. Es gibt keine Gerechtigkeit.

Das letzte Mal, als so etwas passierte, war ich elf Jahre alt, ein verständnisloses Kind. Aufgewachsen bin ich mit der Frage, warum mein Vater sein Motorrad durch eine Mauer von Feuer fuhr, um mich nach Hause zu bringen in jenem  Juli – warum konnte er nicht stoppen, was den Tamilen, was meinem Land damals angetan wurde?

Hatte er Angst? Hat es ihn nicht gekümmert? Ich stelle mir die gleichen Fragen auch heute noch. Warum tue ich nichts, während mein Land wieder in Richtung der Flammen geht? Ich frage meine Freunden – vor allem die Buddhisten unter ihnen – meine Kollegen, meine Freundin. Keiner von euch ist Rassist, denke ich. Keiner von euch glaubt, dass Muslime verfolgt werden und schikaniert werden müssen. Warum regen wir uns nicht darüber auf? Warum  protestiert wir nicht? Was braucht es, wie lange wird es dauern, bis wir das tun? Oder gibt es wirklich nichts, was uns aus unseren Häusern und auf die Straßen treibt, um den Schlägern und dem Tränengas, den Wasserwerfern und den Kugeln zu trotzen?

Verdammt nochmal, schämen wir uns wirklich nicht?

Ich schäme mich jetzt; ich schäme mich wegen meiner Regierung; ich schäme mich wegen meiner Freunde, und ich schäme mich wegen meines Landes. Mehr als alles andere, schäme ich mich über mich selbst.

Ich habe noch nie so über mein Land gedacht, und ich hätte nie gedacht, dass ich es einmal würde, aber so fühle ich mich jetzt. Und ich hasse es, dieses Gefühl haben.

Als der Krieg am schlimmsten war, sagte ich mir, dass es ja nicht meine Schuld sei, dass ich nicht gewählt habe, diesen Krieg zu kämpfen.

Aber jetzt ist jetzt. Jetzt geht es um mich. Das sind wir. Es geht um uns. Dies ist unser Land und unser Moment des Schicksals ist da. Warum also tun wir nichts?

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