Amjad Mohamed Saleem


Die Auswirkungen der Dokumentation „Killing Fields of Sri Lanka“

Von Amjad Mohamed Saleem am 15. Juni 2011 in Groundviews

Die kürzlich ausgestrahlte Dokumentation von Channel 4 über die „Killing Fields of Sri Lanka“ wirft kein neues Licht auf bahnbrechende Nachweise, über die Vorfälle im Zusammenhang mit dem Ende des Krieges in Sri Lanka – trotz gegenteiliger Behauptungen. Wenn überhaupt, wird sie bereits ausgehärteten Haltungen zusätzlich verschanzen und eine Verringerung des ohnehin reduzierten Raums für Dialog und Versöhnung erreichen.

Von der Regierungs-Perspektive aus, wird diese versuchen, den Dokumentarfilm als Machwerk zu diskreditieren, wie sie sich in der Unsicherheit nährt, mit der sie sich umgibt, einer Wahrnehmung, die im Westen durch eine sehr erfolgreiche Pro-LTTE-Lobby beeinflusst wurde. Das Endergebnis wird der Versuch der Sicherung der eigenen „Glaubwürdigkeit“ sein – vor allem sich als „Opfer eines externen Verschwörung“ darzustellen, was konsequenterweise in aufgewiegelten Demonstrationen endet um für Volkes Sympathie zu werben, wodurch jeder echte Versuch, die srilankische Regierung zur Verantwortung zu ziehen, fruchtlos bleiben wird.

Für die andere Seite, die Pro-LTTE-Lobby (vor allem durch ihre Unterstützer in Großbritannien, den USA und Kanada vertreten), wird diese Dokumentation eine „Rechtfertigung“ ihrer Forderungen in Bezug auf die Regierung und deren Kriegsführung werden, wodurch ihre eigenen Bewegung Zulauf und Unterstützung erhält – unter Nichtberücksichtigung der eigenen Rolle im Krieg und der Tatsache, dass sie Leute um Geld erpressten und eine terroristische Gruppe unterstützen. Dies wurde sogar noch unterstützt durch sympathisierende Medien (die noch immer verärgert darüber sind, von der Front von der srilankischen Regierung ausgeschlossen worden zu sein). Was bisher dazu führte, dass die Medien sich bislang eher auf die Rolle der Regierung beim Ende des Krieges fokusierten denn auf die LTTE-Vertreter im Westen, die mit verantwortlich sind für die begangenen Verbrechen der LTTE.

Es ist dieses Schrumpfen des Raum für gegenseitiges Verständnis, das im Herzen der meisten Menschen Missbilligung hervorruft bei Filmen wie der von Channel 4 oder aber bei den Vereinten Nationen, die über Kriegsverbrechen reden wollen.

Am Ende des Tages werden die Auswirkungen davon nicht von der Diaspora noch von der Regierung gespürt. Es werden die einfachen Menschen in Sri Lanka sein, die mit den Konsequenzen leben müssen. Für diejenigen von uns, die aktiv versuchen, in der Nachkriegszeit auf eine Versöhnung hin zu arbeiten, geht es nicht um die Verteidigung des Unhaltbaren. Wir sind nicht hier, um zu leugnen oder um Missbräuche zu rechtfertigen. Der Krieg ist nie gerecht oder zivilisiert, auch wenn er gegen eine verbotene terroristische Organisation geführt wird. Es gibt keine Entschuldigung und keinen Freibrief für Menschenrechtsverletzungen. Aber die Frage bleibt: wie, bei wem und wann sollte Rechenschaftspflicht stattfinden?

Sollte diese Rechenschaftspflicht stattfinden, wenn die Wunden noch frisch sind, oder ist es besser, wenn genügend Zeit für die Heilung vergangen ist?

Auch das muss klar sein: wenn Verantwortlichkeit verlangt wird, dann von allen Verantwortlichen und für alle Verbrechen. Während Schuld ist sehr oft lautstark vor die Füße der srilankischen Regierung geschoben wird, wird nichts von derselben Intenistät über die Gräueltaten und ethnische Säuberung der LTTE von 100.000 Muslime aus dem Norden gesagt – die leben noch immer in Lagern im Nordwesten Sri Lankas und niemand kümmert sich um sie.

Oder die Morde der LTTE an den wichtigsten politischen und geistigen Führer (aus allen ethnischen Gruppen) oder die gewaltsame Rekrutierung von Kindersoldaten durch die Tiger. Die Berichte beinhalten keine Diskussion darüber, wie die LTTE-Kämpfer, die sich unter die Zivilisten mischten und sie zwangsrekrutiert in der Endphase des Kampf, wie dies in einem Interview mit einem ehemaligen Abgeordneten der Tamil National Alliance deutlich wurde, der in der Kriegszone in dieser Zeit gefangen war. Das ehemalige Mitglied des Parlaments sagte, dass er gesehen hat, wie Menschen von der LTTE getötet wurden. Keine Erklärung gibt es seitens der LTTE-Apologeten über die Tatsache, dass während der schwersten Kämpfe, die LTTE ihre schwere Artillerie Stellungen in der Nähe der Krankenhäuser und der „No-Fire-Zones“ verschob und von dort aus feuerte.

Die Tamilen, die diesen Schritt beanstandeten wurden brutal erschossen, wie durch die Opfer des Krieges und sogar von ehemalige LTTE-Kader bestätigt wurde – das kann sogar auf You Tube angesehen werden. Auch wird das Phänomen nicht diskutiert, das Mark Meadow in seinem 2010 erschienen Buch „Tea Time mit Terroristen„, beschrieb; wie ihm ehemalige LTTE-Kämpfer LTTE Taktiken erklärten, wie beispielsweise „LTTE-Kader sich Uniformen der Sri Lankan Armee Uniformen anzogen, dann auf unbewaffnete Zivilisten schoßen um die Schuld daran dann der srilankischen Armee zuzuschieben.

Die Wahrheit an der ganzen der Sache ist, dass der Konflikt in Sri Lanka weder Schwarz und Weiß war. Die Wahrheit ist etwas dazwischen, etwas fließendes. Leider ist in der Mitte dieser Flut von Interessen über das, was passiert ist in Sri Lanka im Jahr 2009, die wirkliche Diskussion untergegangen, denn während es wichtig ist, in die Vergangenheit schauen, ist es noch wichtiger, ein Auge auf die Zukunft zu haben – auf allen Ebenen, nicht nur der politischen.

Wie kann Sri Lanka aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, als Minderheiten ins Abseits gedrängt wurden und damit der Tod von Hunderttausenden von Zivilisten asugelöst wurde? Aufeinanderfolgende Regierungen haben immer unter dem Vorwand versucht, den Krieg zu gewinnen und den Sieg über die LTTE militärisch zu ereichen – ohne Auseinandersetzung mit den eigentlichen, grundlegenden Schlüsselfragen in Bezug auf Minderheiten. Jetzt, nach der Niederlage der LTTE, gibt es eine echte Chance, die berechtigten Beschwerden der Minderheiten zu adressieren, um sicherzustellen, dass das Land nicht einer Wiederholung des Konflikts unterliegt.

Die Fragen wird sein: wie kann Sri Lanka, trotz mehr als 60 Jahren der Unabhängigkeit, einen verfassungsrechtlichen Rahmen entwickeln, der die Wünsche aller seiner Bürger gerecht wird und gleichzeitig ein Umfeld des Friedens und der Harmonie liefert? Außerdem, wie können die Menschen auf kommunaler Ebene zur Versöhnung zwischen polarisierten Gemeinden kommen (die zunehmend misstrauisch gegenüber jedem anderen sind, gefördert druch nach innen gerichteten Klan-Tendenzen). Wie können Arbeit und ein Umfeld des Friedens erzeugt werden, ein Umfeld der Recht- und Billigkeit, in dem Politiker zur Verantwortung für gute Regierungsführung gezogen werden können.

Man kann es mögen oder auch nicht, es ist diese Basis-Ebene, in der Ideologien Wurzeln schlagen und entweder gedeihen oder vor sich hin eitern, und diese Basis-Ebene ist es auch, wo die Folgen zu spüren sind, so oder so.

Wer professionell an der Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung beteiligt ist, wird oft über einen bestimmten Zeitraum der Heilung sprechen, damit eine Rechenschaftspflicht ihren Platz einnehmen kann. Die Anerkennung der Verfehlungen beim irischen „Bloody Sunday“ durch die britische Regierung nahm 38 Jahre in Anspruch – nach einer Untersuchung, die 12 Jahre andauerte. Polen und Deutschland haben noch immer angespannte Beziehungen, deren Ursprung während des Zweiten Weltkrieges zu finden ist. Die Zeit der Heilung für Sri Lanka befindet sich demnach noch in einem Baby-Stadium von 2 Jahren und Ja, es ist noch nicht angesprochen worden. Wie es aussieht, ist das Gefühl vorrangig, dass diese Bemühungen in der Tat eher die Anstrengungen beschädigen, die unternommen werden, um die Versöhnung zu erreichen.

Was entscheidend ist für Sri Lanka ist der Wiederaufbau des Vertrauens, das nur wieder aufgebaut werden kann, wenn Raum für einen wirksamen Dialog und Verständnis geschaffen wird. Bei der Wiederherstellung des Vertrauens geht es darum, die Einheit zu ehren die Vielfalt zu würdigen, es geht um das Hinarbeiten auf Gleichheit und Gerechtigkeit und die Beseitigung von sozialen Vorurteilen und den Aufbau einer kollektiven Identität. Sri Lanka braucht den Platz, den Raum und die Zeit damit dies passieren kann. Es braucht Zeit für seine Menschen, durch diesen Heilungsprozess zu gehen. Die Menschen müssen mit ihren eigenen lokal entwickelten Lösungen wachsen können.

Transparenz, Verantwortlichkeit und soziale Gerechtigkeit sind die Säulen einer reifen demokratischen Gesellschaft. Sri Lankas Reise ist noch nicht weit gediehen, dies zu erreichen – aber sie hat angefangen. Verantwortung wird mit der Zeit kommen, wenn die Menschen bereit dazu sind, nicht zu erlauben, dass die Vergangenheit zu einem Klotz am Bein auf dem Weg in die Zukunft wird.

Die Veröffentlichung dieses Dokumentar- und anderer Berichten ist eine ungerechtfertigte Ablenkung von den wesentlichen Themen, für die die Regierung (und jede andere Regierung in einem Post-Konflikt-Land) zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Als da wären: Schritte zur Aussöhnung, die Eindämmung der steigenden Lebenshaltungskosten, die Bekämpfung von grassierenden Korruption und dem ernsthaften Versuch, Recht und Ordnung zu gewährleisten.

Mit diesen Forderung von außerhalb, wird die Verantwortung von allen Beteiligten auf allen Ebenen innerhalb Sri Lanka aufgehoben, sicherzustellen, dass die richtigen Samen an der Basis gepflanzt werden, damit nicht ein weitere Konflikt zu schwelen beginnt. Dies ist möglicherweise der größte Bärendienst, den wir tun können, um die Menschen, die (auf beiden Seiten) des Konflikts für etwas starben, an was sie geglaubt haben oder durch andere Selbstsucht dazu gezwungen wurden.

***

Über den Autor: Amjad Saleem war vorher srilankische Landesdirektor des britischen NGO „Muslim Aid“, wo er für nach dem Tsunami den Wiederaufbau und nach dem Konflikt die Rehabilitation überwachte. Er war an vorderster Front der Hilfsmaßnahmen in der aktuelle Krise tätig, als es 300.000 Menschen als Kriegs-Vertriebenen zu betreuen gab.

Amjad berät derzeit den Kongress der Religionen und die Evangelisch-methodistische Kirche in Sri Lanka in einer interreligiösen Koalition für den Frieden, um praktischen Projekte mittels Spiritualität als Ressource für Versöhnung und Wiederaufbau zu schaffen.

Amjad arbeitet derzeit als Head of Communications für die Cordoba-Stiftung, eine unabhängiger Politik-, Forschungs- und Öffentlichkeitsarbeit Think Tank mit Sitz in London zur Förderung des interkulturellen Dialogs und der positiven Koexistenz zwischen den Zivilisationen.

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