Amarnath Amarasingam


Erinnerungen an den Schwarzen Juli 1983

Von Amarnath Amarasingam am 23. Juli 2011

„Schieß! Ich sage dir, schieß! Schieß und lauf!“ brüllte Seelan. Seelan verlangte, daß Aruna, sein Freund aus Kindertagen ihn töten und dann fliehen solle. Aruna sah Tränen in Seelans Augen; Aruna richtete die Waffe auf Seelan und feuerte. Seelan brach tot zusammen.

Ein plötzlicher Tod in dem kleinen Dorf Messalai im Norden Sri Lankas sollte der Katalysator für das werden, was zu einem der gefährlichsten und gewalttätigsten Zeitabschnitte in Sri Lankas Geschichte wurde. Seelan und Aruna waren beide Tamil Tiger Kader und wurden von Regierungstruppen verfolgt, als Seelan verlangte, dass er geopfert werde. Seelan war einer der engsten Freunde von Tiger Führer Velupillai Prabhakaran.

Diesen Monat markiert den 28. Jahrestag von dem, was bekannt werden sollte als „Black July“. Die Unruhen vom Juli 1983 in Sri Lanka haben den Lauf der ethnischen Spannungen im Land für immer verändern, und führte dazu, dass Tausende von Tamilen Sri Lanka verließen und in Ländern wie Kanada auswanderten – in dramatischen zunehmenden  Zahlen. Die Unruhen markierte auch einen entscheidenden Wandel im Lauf der ethnischen Politik des Landes, als die gewaltfreie Ansätze der tamilischen Militanz wichen.

Als Prabhakaran die Nachricht von Seelans Tod erhielt, wurde er still und plante Rache. Es wurde ein Plan ausgeheckt, einen militärischen Konvoi auf einer schmalen Straße in Tinneveli einen Hinterhalt zu legen. In der Nacht des 23. Juli verließ eine eine 15-Mann-Patrouille, Codename „Four Four Bravo“ , ihre Kaserne und näherte sich Tinneveli. Minen waren gelegt worden und die Tigers nahmen letzte Handgriffe an den Zündern vor, als sich die Patrouille dem Ort näherte. Als sie näher kamen, jagte eine schwere Explosion ihren Jeep in die Luft und die Tiger Kader eröffneten das Feuer und töteten dreizehn der fünfzehn Soldaten, als sie versuchten, sich aus dem brennenden LKW zu retten.

Sri Lankas Präsident J.R. Jayewardene versucht, die Beerdigung für die toten Soldaten nicht in eine politische Demonstration zu verwandeln. Allerdings sollten seine Pläne nicht reibungslos vonstatten gehen. Die Ankunft der Leichen aus Jaffna nach Colombo am 24. Juli wurde um mehrere Stunden verzögert, und die Beerdigung mussten abgesagt werden. In der Zwischenzeit hatte sich eine große Gruppe von Menschen auf dem Friedhof versammelt. Als Stunden vergingen, wuchs die Aufregung der Menge immer mehr. Dann, gegen 10.00 Uhr, brach die Gewalt aus.

Die Ausschreitungen in dieser Nacht dauerte eine Woche. Hunderte von Tamilen und indischen Unternehmuungen wurden verbrannt, Häuser wurden zerstört, und viele Tamilen wurden geschlagen, erschossen oder lebendig verbrannt in ihren Häusern oder Fahrzeugen. Viele Frauen wurden vergewaltigt oder gezwungen, sich vor dem rasenden Mob nackt zu zeigen.Zu einem berüchtigten Vorfall kam es imWelikade Hochsicherheitsgefängnis, etwa vier Meilen nördlich von Colombo gelegen. Am Nachmittag des 25. Juli konnten singhalesischen Gefangene in die Flügel des Gefängnisses eindringen, wo die tamilischen politischen Gefangenen gehalten wurden. Sie töteten 37 von ihnen mit Messern und Keulen während die Wachen untätig dabei zusahen.

Die Schätzungen über die Zahl der Getöteten gehen von 200 bis 2000, vor allem Tamilen. Zusätzlich zu denen, die ihr Leben verloren, haben die Ereignisse des Juli 1983 rund 100.000 Tamilen in Flüchtlingslager gezwungen, weil ihre Häuser, ihre Fahrzeuge, ihre Geschäfte und ihr Eigentum zerstört worden waren. Rund 30.000 Menschen wurden arbeitslos, weil ihr Arbeitlatz vom Mob zerstört worden war. Ein zentrales Element in der Geschichte vieler Überlebender sind die zufälligen Akt der Güte von einigen in der Singhalesen. Wie sich ein Singhalese erst kürzlich erinnerte: „Ich war für Monate völlig erschüttert (ich wurde sogar wegen der Erschöpfung im Krankenhaus behandelt) – nachdem ich meine Freunde sowie mir unbekannte, Tamil-sprachige Familien an sichere Orte Ort transportiert hatte. Wir brachten mindestens 15 Leute allein in unserem Hausunter…“

Vor dem Schwarzen Juli, sympathisierten viele Tamilen mit der Idee des Separatismus, wollten aber keinen bewaffneten Kampf gegen die Regierung Sri Lankas. Die meisten militanten Bewegungen in den frühen 1980er Jahren waren kleine und unbedeutende Unternehmen. In den frühen Tagen waren die Tamil Tigers ziemlich selektiv in ihrer Rekrutierung von neuen Kadern. Ein ehemaliger LTTE-Kader mit dem ich in Toronto sprach, erzählten mir, dass zu diesem Zeitpunkt die „LTTE sehr vorsichtig war in der Aufnahme von Neulingen. Sie keineswegs jeden genommen. Sie studierten die Bewerber, überprüften ihren Hintergrund… Sie hielten die Aspiranten lange hin, bevor sie sich entschieden, sie zu rekrutieren.“ Nach dem Schwarzen Juli gab es einen deutlichen Anstieg der Mitgliederzahlen bei allen militanten Tamilen-Gruppen in Sri Lanka.

Die Reaktion der srilankische Regierung auf Schwarz die Vorfälle des Schwarzen Juli war trostlos. Wie A.J. Wilson argumentiert: „Präsident Jayewardene war der Aufgabe nicht gewachsen. Anfangs schien er betäubt und unfähig, der Krise zu begegnen, dann beging er Fehler auf Fehler. Er trat am 26. Juli 1983 im Fernsehen auf mit dem Zweck der Besänftigung der Ängste und Hysterie der Singhalesen; er äußerte aber kein Wort des Bedauerns zu der großen Zahl von toten und verletzten Tamilen, die von singhalesischen Mordbuben, deren Treiben von nationalistischen Eifer maskierten war, gelyncht worden waren.“

Was Wilson als Jayewardene „ultimative Fehler“ beschriebt, ist jedoch war die Verabschiedung der Sechsten Änderung der Verfassung im August 1983. Die Änderung verboten die Unterstützung für einen eigenen Staat in Sri Lanka, und verlangte von allen Mitgliedern des Parlaments, einen Eid der Treue abzulegen, „den einheitlichen Staat von Sri Lanka“ zu schützen.

Die Tamil United Liberation Front (TULF), eine separatistische Partei, weigerte sich, diesen Eid zu leisten. Asoka Bandarage sieht es so: „Die TULF fühlte sich dem Separatismus verpflichtet, aber sie war auch die größte Oppositionspartei im Parlament und die einzige demokratische politische Stimme der Tamilen.“ Nach ihrer weigerung diesen Eid abzulegen, blieb der TULF-Führung nichts anderes übrig, als das Land zu verlassen; sie gingen nach Tamil Nadu. Als die TULF weg war, begannen die bewaffneten tamilischen Gruppen das entstandene Machtvakuum zu füllen. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte trieb Sri Lanka unaufhaltsam in einen langwierigen Bürgerkrieg – einer der blutigsten in der jüngeren Geschichte

Die Geschichte des Schwarzen Juli läuft auch als wichtiger Roter Faden durch tamilisch-kanadischen Geschichte. Der kanadische Tamil Congress (CTC) hat eine bewundernswerte akribische Arbeit geleistet bei der Erhebung einiger persönlicher Zeugnisse von Überlebenden, die heute in Kanada leben. Ihre Website, „Black July 83“ , wurde am 25. Jahrestag des Schwarzen Juli 2008 gegründet. Wie ein CTC-Mitglied zu mir sagte: „Wir wollten, dass es eine Online-Museum für den ‚Schwarzen Juli‘ gibt, wo diese Zeugnisse über hinweg Jahre gesammelt werden. Wir denken, dass diese Zeugnisse ein integraler Bestandteil der Geschichte kandischer Tamilen ist, da es dieser Vorfall ist, der eine große Anzahl von Tamilen dazu brachte, in Länder wie Kanada zu fliehen.“

Die meisten Tamilen in Kanada haben eine Geschichte über den Schwarze Juli zu erzählen; davon wie sie sich aus Angst vor den Singhalesen-Mobs verstecken mussten bis hin zu Geschichten von Schutz und Unterkunft von Singhalesen; Fremde, die halfen und denen sie nie danken werden können.

Fast drei Jahrzehnte später, dient die Erinnerung an die Unruhen des Schwarzen Juli auch als eine Erinnerung an die Belange der Tamilen und auch als ein starkes Symbol für die politische Mobilisierung.

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Amarnath Amarasingam schließt derzeit seine Dissertation über „Sri Lankas Tamilischen Nationalismus“ an der kanadischen Wilfrid Laurier University ab.

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