Gordon Weiss


„Ich wurde durch Sri Lanka und seine Stellvertreter in Australien verdammt“

Ein Interview von G. Pramod Kumar für „First Post“ vom 17. Januar 2012

Elf Monate nach dem ende des blutigen Krieges in Sri Lanka, der die vollständige Niederlage der LTTE inmitten intensiver Leiden der Zivilbevölkerung bewirkte, rüttelte ein großes Stück Journalismus das Gewissen der Welt wach: „The Cage“, von Gordon Weiss verfasst, der UN-Sprecher in Sri Lanka zu der Zeit war.

Rasant geschrieben und mit ebenso klarem Stil wie seine Zielsetzung, widerlegt „The Cage“ eindeutig die Behauptungen der srilankischen Regierung, dass es keine zivilen Todesopfer in den letzten Tagen des Krieges gegeben habe. Neben der lebendigen Beschreibung der Endphase des Krieges mit unfassbaren Details über Brutalität, Leid und Tod, zeit das Buch eine deutliche Perspektive der Entstehung, Evolution und des Höhepunkts der tief verwurzelten Kluft zwischen den tamilischen und singhalesischen Befindlichkeiten in Sri Lanka, die ihren heftigsten Ausdruck im jahrzehntelangen Bürgerkrieg fanden.

Die umfangreichen Referenzen, die sorgfältige Dokumentation, die kühne Art und Weise der direkten Benennung von Tatsachen und Tätern – wie die Rajapaksas – und die rückhatlose Schilderung der einzigartigen Instrumente der Unterdrückung in Sri Lanka machen das Buch zu einer spannenden, aber auch quälenden Erfahrung.

Es war „The Cage“, zusammen mit dem sensationellen Channel Four Dokumentarfilm („Sri Lanka’s Killing Fields“), die den Schleier der Geheimhaltung des Kriegsgeschehens lüfteten. Das Buch stellt den Kontext für den UN Panel-Bericht dar und es ist allgemein als zuverlässiger Bericht darübe akzeptiert, was genau passiert in den letzten Tagen des Krieges im Jahr 2009, als ein winziges Stückchen Land im Norden von Sri Lanka unter Belagerung staatlicher Streitkräfte stand. An vielen Universitäten wird es als Lesestoff zum Tehma empfohlen.

Weiss hat als Journalist sowie mit internationalen Organisationen gearbeitet, vor allem in mehreren Konflikt- und Katastrophen-Gebieten seit über zwei Jahrzehnten. Einem überparteilichem Standpunkt stets verpflichtet, ist er ebenso streng in seinen Ansichten über die LTTE. So sehr, dass ein tamilische nationalistische Gruppe vor kurzem die Veröffentlichung der tamilischen Version seines Buches in Chennai zu stören versuchte – woraufhin Arundhati Roy, die bei der Veranstaltung anwesend war, nur sagte: „Die Unterdrückung der Debatte bedeutet die Vernichtung der Politik.“

Firstpost sprach mit Gordon Weiss in Sidney in der vergangenen Woche.

Auszüge aus dem Interview:

Frage: Es sind nun 7 Monate seit „The Cage“ veröffentlicht wurde. Was waren die Folgen des Buches? Was passierte in diesen sieben Monaten?

Weiss: Das Buch wurde einen Monat nach dem Bericht des UN-Gremiums veröffentlichten. Das Buch konnte so die breitere Beschreibung des gesamten Konflikts in Sri Lanka liefern auf der der Bericht fußte. Der UN-Bericht war ein technischer Bericht. Seitdem wurde das Buch in Australien und Großbritannien veröffentlicht und auch in Sri Lanka und Indien ausgeliefert. Es gibt jetzt eine tamilische Version in Indien. Nächstes Jahr geht es in eine Vintage Edition in Großbritannien, eine US / Kanada Auflage und so weiter. Das Buch wude vielfach besprochen. Dementsprechend sagen eine Reihe von Leuten, die ich gesprochen habe, das es eine allgemein akzeptierte Version der Geschehnisse in Sri Lanka ist. Das war meine Absicht – dass dieser Entwurf der Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt vorgelegt werden kann.

Frage: Gab es eine formelle oder informelle Reaktion aus Sri Lanka?

Weiss: Es gab keine offizielle Reaktion. Es gab nur eine informelle Reaktion in dem Sinne, dass ich in der Regel durch Einrichtung in Sri Lanka und seine Stellvertreter in Australien verdammt werde. Das vorauszusehen, es gibt keine Überraschung darüber.

Frage: Sie hatten mir vorher gesagt, dass dieses Buch ursprünglich mit einem schmalen Zweck der Umwälzung der falschen Vorstellung gestartet wurde, dass keine Zivilisten in der Endphase des Krieges geschädigt wurden. Das Buch etabliert den Fakt, dass es Tode von unschuldiger Menschen gab. Sind Sie zufrieden mit den Auswirkungen des Berichtes des UN-Gremiums, Ihrem Buch und den Channel Four Dokumentarfilm? Sind Sie zufrieden mit den Bemühungen der Wiedergutmachung seitens der internationalen Gemeinschaft?

Weiss: Es war eine Sache, klarzustellen, dass sehr wohl Menschen gestorben sind, oder zumindest zu widerlegen, dass die Regierung nicht verantwortlich sei dafür. Aber eine andere Sache war, sich vorzustellen, was die Zukunft von Sri Lanka ist, und wie dem vielleicht am besten gedient werden kann. Denn die Alternative, die die Regierungs Version war, nämlich zu verneinen, dass es schweren Leiden der Zivilisten in Sri Lanka gab, ist definitiv kein Rezept für das weitere Vorgehen. Das ist meine persönliche und berufliche Meinung dazu.

Dass sehr viele Menschen starben, dieser Fakt ist zumindest ein Grundlage für Rekonstruktion und Heilung und um Sri Lanka nach vorne gehen zu lassen. Viele Organisationen und Beobachter Sri Lankas haben das Verfahren der Gelernte Lektionen- und Versöhnungskommission (LLRC) kritisiert und gesagt, dass das ganze effektiv nur dünne Tünche ist, obwohl vieles scheinbar gut begründet wird. Aber das, was der nächste Schritt wäird, bleibt abzuwarten. Ich bin mir jedoch sicher bei der Tatsache, dass dieses Buch deshalb erfolgreich ist, weil es einem auf den Kopf zusagt, dass die irrige Vorstellung, dass nur wenige Zivilisten gestorben sind, völlig falsch ist und dass die Regierung verantwortlich ist für viele dieser Todesfälle.

Frage: Glauben Sie, es wird einen unabhängigen, internationale Prozess geben, der sich damit befassen wird? Sri Lanka hat bislang dem widersprochen, während sie gleichzeitig sagen, dass sie kompetent genug seien, um dies zu verarbeiten.

Weiss: Ich denke, es wäre töricht, eine Wette auf das setzen, was als nächstes passieren könnte. Ich denke, der Boden für eine internationale Untersuchung besteht eindeutig, auch dass das mit der gebotenen Fairness und Gleichwertigkeit und im Vergleich mit anderen ähnlichen internationalen Situationen laufen könnte, aber ich denke, es wäre töricht, ein Wette abzuschließen, dass es dazu kommt. Ich sage dies, weil internationale Angelegenheiten von Natur aus politisch sind, und noch viel mehr, weil es sich um die inneren Angelegenheiten des Landes handelt. Internationale gerichtliche Verfahren sind eine viel zu unzuverlässiger Kreatur im Vergleich zu jedem inländischen juristischen Prozess. Ich denke, es wäre töricht zu wetten, was passieren wird in den nächsten sechs Monaten oder in einem Jahr oder in zwei Jahren.

Frage: Sie referieren in dem Buch über die Aufzeichnung des UN Human Rights Council zum Thema. Nichts ist in dem Rat geschehen – allem wegen China, Indien und den Ländern, die Sri Lanka freundlich gesonnen sind. Glauben Sie, dass alles hätte anders gemacht vorangetrieben werden müssen oder dass etwas jetzt noch passieren kann?

Weiss: Absolut! Und ich denke sehr klar dabei an die Menschen, die sagten, vor eineinhalb Jahre, dass nichts los sei, ohne Indien oder China. Es ist jetzt sehr deutlich geworden für die meisten Menschen, dass diese Positionen, din Wahrheit politischen Entwicklungen sind. Indien hat ganz klar seine Position verschoben. Es wurde ganz deutlich gesagt, dass es jetzt echte Fortschritte in Sri Lanka geben sollte bei der expliziten Prüfung dessen, was passiert ist. Es gibt auch eine Menge Evolution in China. China möchte gerne als ein staatsmännisch verantwortlicher Global Player gesehen werden und ein Teil dieser Staatskunst ist sicherlich die Rolle und Funktion in internationalen Krisenherden. Wir haben diese Entwicklung in Chinas Position beim Arabischen Frühling gesehen. China zeigt also seit geraumer Zeit schon Anzeichen dafür, dass diejenigen Menschen, die seine historische Position der Nichteinmischung als monolithisch und unbeweglich sehen, sich irren, denn es gibt viel Raum für Entwicklung in China. Es wird auch einen Domino-Effekt auf Sri Lanka haben.

Frage: Das ist eine interessante Beobachtung. Können wir also erwarten, dass etwas Positives passiert im Menschenrechtsrat?

Weiss: Ich denke schon. Ich denke, dass dies der nächste mögliche Schritt ist. Ich denke, dass die Menschen darauf warten. Meine persönliche Sicht war, wals ich Sri Lanka verließ, dass jeder Prozess jeglicher Art eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen würde. Also ich glaube, es gibt eine Menge Angst von vielen Seiten aus, wie schnell dieser Prozess zustande kommen kann, wenn es überhaupt ein Verfahren gibt. Ich habe nie gedacht, dass ein solcher Prozess schnell einsetzen würde. Ich dachte immer, dass, wenn es um eine international geführte Untersuchung in Sri Lanka ging, dass es zwischen fünf und zehn Jahren dauern würde. Also halte ich weiterhin an dieser Position fest.

Ich war eher überrascht, wie schnell die Dinge sich in einem gewissen Sinne bewegen. Der Channel Four Dokumentarfilm („Sri Lanka’s Killing Fields“) hat mich selbst überrascht. Channel Four hat ganz offensichtlich beträchtliche Ressourcen in die Durchführung der sorgfältiger Prüfung der zur Verfügung stehenden Beweise gesetzt. Ich hatte das nicht erwartet, als ich anfing mein Buch zu schreiben. Als ich Sri Lanka verließ, gab es große Verwirrung darüber, was genau bei der Belagerung der ’sicheren Zonen‘ im Jahr 2009 passiert war. Nun, eineinhalb später, nach der Veröffentlichung meines Buches, wenn ich nun Zeitungsberichte lese, sehe ich, dass es allgemein akzeptiert wird, dass es eine sehr hohe Zahl ziviler Tote gab.

Frage: Sie haben gesagt, es gibt politische Entwicklung, und selbst China ist im Wandel. Können Sie das ein wenig näher erläutern, da Sri Lankas wirtschaftliche und politische Beziehungen zu China sehr stark sind. Indien, obwohl langfristiger Verbündeter Sri Lanka, kämpft, um aufzuholen, mit dem wachsenden chinesischen Einfluss.

Weiss: Ich kann nur versuchen, Anzeichen für eine Bewegung zu erkennen. Was ich versuchte in dem Buch zu skizzieren, waren die Einflüsse, die diese Bewegung in die eine oder anderen trieben. Die Beispiele von Beijings, seinen Consensus auszuspielen werden nicht aufhören. Aber ich denke, jeder, der glaubt, dass das, was passiert ist im Jahr 2009, wegen Chinas Rolle in Sri Lanka war, und dass somit eine offene Prüfung daliegt, schief gewickelt ist, weil ich glaube,dass China ständig alles überprüfen und ihr Scheckheft nicht ständig geöffnet, aber eben auch nie leer ist. Es ist immer an Bedingungen geknüpft. Und es ist immer eine Frage, wo Chinas Interessen zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade liegen.

So wird ist jede mögliche Untersuchung von Sri Lanka in Bezug auf den Interessen anderer fußen. Und wessen das sind, das ist eine sehr komplexe Berechnung, um das herauszufinden. Diese Bewegungen und Veränderungen im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen finden die ganze Zeit statt – der Ball wechselt nicht nur zwischen den Spielern die ganze Zeit sondern es ändert sich auch das Spielfeld entsprechend der Entwicklung der einzelnenen Länder. Indien ist eine Demokratie, doch seine Position basiert auf dem, was im Inland passiert.

Frage: In Bezug auf die Heilung und Versöhnung, dist doch der Kern des Problems dieser Teufelskreis aus Ideologie und die berauschende Mischung aus Religion, Politik, Nationalismus, irrationaler Angst und Fremdenfeindlichkeit. Ihrer Meinung nach: wie ist der Prozess der Versöhnung und Heilung in Bewegung zu setzen? Wird es eine faire Versöhnung geben können?

Weiss: Ich sehe nicht, dass die Dinge sich in Sri Lanka kurz- bis mittelfristig ändern werden. Ich denke, dass meine Prognose für Tamilen eine recht düstere ist. Vieles hat sich sowohl in Bezug auf die Sicherheitslage und die wirtschaftlichen Kolonisierung des Nordens getan, was den Umgang zwischen Tamilen und Singhalesen und ihren Beziehungen erschwert. Zur gleichen Zeit, zumindest nach dem, was ich gelesen habe, gibt es eine nachweisbar Akzeptanz bei einem breiteren Segment der denkenden Singhalesen, dass die Regierungs-Version, dessen, was da vor sich ging, nicht die genaue Version ist oder gar die Wahrheit.

Es gibt eine Menge sehr anständige Leute in diesem Segment, von denen ich glaube, dass sie die eigentlichne Kosten dieser letzte Phase des Krieges hinterfragen, oder zumindest erraten, was die Kosten für die letzte Phase des Krieges sein werden. Es gibt einen sehr breiten öffentlichen Raum, in dem Heilung stattfinden muss. Diese Art der monolithischen Erzählung von der großen Eroberung dieser schrecklichen terroristischen Vereinigung von 2009 – mit fast keinem Blut, das vergossen wurde, und mit der angehängten Mär vom der größte Flüchtlings-Rettungsaktion in der Geschichte – das ist schon so gut wie aus dem Fenster geworfen. Doch das schafft zumindest eine bessere Grundlage für welcher Form der Heilung und der Versöhnung in welcher Form auch immer für Sri Lanka. Nicht ideal, aber zumindest eine bessere Grundlage. Aber, das ist alles Spekulation in einem gewissen Sinn, weil ich nicht in Sri Lanka war seit 2009. Es ist nur das, was ich aus der Ferne zu lesen bekomme. Es ist im Wesentlichen unwahrscheinlich, dass sich in den nächsten 5-10 Jahren etwas grundlegend ändern wird.

Frage: Ich habe Berichte von „Heterogenisierung“ der tamilischen Gebieten gehört, vielleicht um die Demographie zu verändern…?

Weiss: Das ist eines der Dinge, die ich in meinem Buch eher erraten habe. Dass es nämlich eine Menge Militarisierung des Nordens geben werde, was sie getan haben, und dass sie es fördern, vor allem mit Familien von Militärangehörigen, sich zu in den Norden zu bewegen. Eine Überprüfen dieser Art von subtilen Veränderungen in Grundbesitz, der Ansiedlung von Unternehmen, dem Einflusses des wirtschaftlichen Lebens und die Kontrolle der öffentlichen Dienstleistungen, das ist sehr schwierig. Sie können die Komplexität an der israelisch-palästinensischen Situation sehen. Meine Vermutung ist, dass diese „Sinhalisation“ vor sich geht, und ja, das wird es kurzfristig sehr schwierig für die Tamilen machen, zu einem erhöhten politischen Einfluss zu kommen.

Frage: Ihre fundierten Auffassung darüber, wie sollte die internationale Gemeinschaft im Hinblick auf eine glaubwürdige Untersuchung der angeblichen Kriegsverbrechen in Sri Lanka weiter vorgehen?

Weiss: Ich denke, die LLRC hat die Antwort selbst gegeben, als sie sich eingestanden, dass die keine Rückschlüsse auf einige der wichtigsten Aspekte der Endphase des Krieges ziehen konnten. Die Aspekte sind es, über die es noch immer die große Fragezeichen gibt. So haben nicht gesagt, dass sie nicht in der Lage waren zu einem Abschluss zu kommen. Stattdessen haben sie argumentiert, dass Beweise einfach verschwunden sind. Ich denke, eine Reihe von außenstehenden Beobachtern wird sagen, dass es immer noch merh als genug Beweise gibt. Es ist nur so, dass internationale Anfragen in Sri Lanka zu einer langen, unrühmlichen Geschichte von internen Untersuchungen werden, die nirgendwo hinführen, zumal es keinen Zeugenschutz in Sri Lanka gibt.

Das eine ist, was dort geschieht, und die zweite Sache ist der Fortschritt des internationalen rechtlichen Rahmens, der die Regierungen davon abhält, einen ungehinderten Krieg gegen ihre eigene Bevölkerung zu führen. Das ist die stabile Gesundheit der internationalen Verträge rund um das Kriegs-Recht und das humanitäre Völkerrechts sowie des Römischen Statut, die den Internationalen Strafgerichtshof regieren.

Frage: Die letzten Tage des Krieges sind noch sehr im Unklaren. Sie sind auch in ihrem Buch nicht sonderlich darauf eingegangen. Nach dem Schreiben,oder auch während des Schreibens des Buches, konnte sie ein klareres Bild von dem bekommen, was in den letzten Tagen passierte? Ich bin sicher, dass einige der Menschen, nicht nur in Befehlslinien-Positionen, sondern auch außerhalb davon wussten, was passiert ist.

Weiss: Nun, das ist eine ist, was dem Großteil der Zivilbevölkerung zustieß, und ich stehe zu meiner Beschreibungen dessen, was wohl passiert ist, denn es wurde extrem hart gekämpft in einem sehr kleinen Bereich, wo es Dutzende von Tausendne von Zivilisten gab. Die zweite Sache ist, was mit Menschen während der so genannten „weißen Fahne Inzidenz“ geschah, und es scheint so zu sein, und es gibt Anzeichen dafür, dass es Hinrichtungen gab. Ich selbst habe unanfechtbare Beweise für Hinrichtungen gesehen. Also, ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, dass es Fehlverhalten in Bezug auf die Festnahme von einigen der leitenden Elemente der Tamil Tiger gab, und der fatalen Entsorgung dieser Menschen. Aber, es ist noch ein langer Weg, bis wir genügend Beweise für das vollständige Bild zusammen haben, von dem, was mit den Zivilisten in diesen Tagen geschah.

Frage: Es ist klar, dass es eine große Menge von zivilen Opfern gab. Es ist auch ziemlich klar, dass einige in der LTTE-Führung versuchten, sich zu ergeben, aber alle wurden hingerichtet. Wie Sie erwähnt haben, kann es sein, dass das nie herauskommt, es sei denn, jemand in der Regierung kommt mit Enthüllungen. Gibt es eine andere Chance, dass Beweise herauskommen?

Weiss: Ich weiß nicht. Wie ich schon sagte, ist der jüngste Beweis dafür, den ich sah, ein Video mit einem bestimmten Führer, lebend in Gewahrsam der Truppen und später tot, ein irgendwie unanfechtbaren Beweis, dass es zumindest ein falsches Spiel in Bezug auf einige Gefangene gab. Also, wenn man das dann erweitert um diese Geschichten, dass es Dutzenden gab, die sich ergeben haben und die dann exekutiert wurden, denke ich, dass es ist sehr überzeugende Indizien dafür gibt, dass ganau das passierte. Aber mit Beweisen ist das so eine Sache und damit diese Beweise vorgelegt, geprüft und beurteilt werden können, um eine ordnungsgemäßen gerichtliche Abschluss dieser Beweise zu erhalten, das ist eine ganz andere Sache.

Frage: Was wissen Sie über die Umgruppierung der extremen Tamil Elemente, die eine neue LTTE in verschiedenen Formen andenken? Wir können sehen, dies geschieht die ganze Zeit in verschiedenen Teilen der Welt und auch in Indien, zum Beispiel in Tamil Nadu, dort haben wir sehr starke Unterstützer der LTTE. Was denken Sie, gibt ist die Möglichkeit, dass diese Bewegung durch Umschichtung und der Annahme einer anderen Form weiterbestehen kann? Was denken Sie, ist die Zukunft der gesamten Ideologie, die hinter der LTTE steckte?

Weiss: Der Ideologie wurde fruchtbarer Boden gegeben, als ein Ergebnis des Jahres 2009. Ich glaube nicht, dass die LTTE einfach weggeschmolzen wurde. Ich denke, genau die gleiche LTTE-Elemente spielen wieder mit in der Diaspora, nur noch viel wütender, viel mehr überzeugt von den Argumenten, die sie immer schon über den Genozid in Sri Lanka gebracht haben. Ich denke, es ist ein enorm erhöhtes Gefühl von Wut da draußen. Ihre Fähigkeit, einen Krieg in Sri Lanka anzuzetteln wurde absolut niedergeschlagen. Ich glaube nicht, dass sie diese Fähigkeit überhaupt noch haben.

Stattdessen stelle ich mir das vor, was sie jetzt machen, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf ‚weiche‘ Formen der Unterminierung der Regierung von Sri Lanka setzen. Eine Möglichkeit ist durch die Förderung der Forderungen nach einer internationalen Untersuchung und so genannte Kriegsverbrecherprozesse. Ein anderer Weg ist, mit der relativ hoch entwickelten Propaganda-Maschinerie, den Kontakt zu den Medien und Regierungsvertreter in Ländern zu suchen, in denen sie sich aufhalten. Und dies sollte keine Überraschung sein, nachdem was in Sri Lanka im Jahr 2009 geschah

Ich denke, dass eines der Argumente, die ich in dem Buch aufzähle, nämlich dass viele Wind aus den Segeln zu dieser Wiederbelebung hätte genommen werden können, wenn es eine Bestätigung dessen, was passiert am Ende des Krieges, gegeben hätte; wenn es eine offene Untersuchung gegeben hätte, die am Ende besagt hätte: Seht her, dies war ein schrecklicher Krieg, sehr blutig, das ist, was passierte, das ist, warum es passierte und das ist unsere Verteidigung dieser Position. Dies alles hätte zu einer Versöhnung wesentlich beigetragen.

Wenn es eine je eine wirklich gute Gelegenheit gegenben hat, die Unterschiede zwischen den Tamilen und den Singhalesen zu lösen, war der Moment 2009. Sie hätten sagen können: Eine Menge von Zivilisten sind in diesem unvermeidbaren Krieg gestorben, wir sind unglücklich, die Verantwortung dafür tragen zu müssen, das ist, was passiert ist. Wenn es eine umfassende und offene Diskussion in Sri Lanka darüber gegeben hätte, was passierte, hätte beider Position anders ausgewesen. Aber seit dem Ende des Krieges wurde eine konsistente, manchmal clevere und ziemlich zynische Vertuschung durch die Regierung versucht. Und das hat nur dazu gedient, die LTTE Reste zu erzürnen und es hat wiederdie tamilische Diaspora entzünden, die sie unterstützt. Ich glaube nicht, dass ich überrascht dadurch bin. Ich denke, dass macht nur den Fall stärker, für eine internationale Untersuchung zu sorgen.

Frage: Vor etwa sechs Monaten interviewte Firstpost Pathmanathan („K.P.“), der LTTE-Mann fürs Finanzielle und Waffenbeschaffung. Er schien zu Recht eine pro-Regierungshaltung einzunehmen und hatte gesagt: wir müssen uns nach vorne zu bewegen und die Vergangenheit vergessen etc. Hatten Sie zu irgendeinem Zeitpunkt eine Ahnung, was seine Rolle war und wie er wieder nach Sri Lanka gebracht wurde? Oder haben Sie eine Ahnung über seine derzeitige Rolle jetzt und was mit all dem Geld und den Vermögenswerte geschah, die er angeblich betreute?

Weiss: Ich habe keine Idee. Ich wünschte, ich wüsste es. Es ist eine interessante und ziemlich faszinierende Facette des Zusammenbruchs der LTTE, aber ich weiß es wirklich nicht.

Frage: Sie müssen auf einer großen Menge von Vermögenswerten gesessen haben…

Weiss: Ich stelle mir vor, so müssen sie auf einer Menge Geld gesessen haben, ebenso haben sie über viel Intelligenz verfügt und ein hohes Maß an Know-how, und ich denke, das war eine komplexe und sehr laufruhige Organisation. Aber es war alles um eine kleine Anzahl von sehr kompetenten Leuten geschart und mit dem Tod von der militärischen Führung und mit dem Hinwegfegen einiger Elemente in der Diaspora ist die ganze organisation stark geschwächt worden.

Aber ich glaube nicht, dass alle Mitteln einfach weg sind. Hier in Australien, schaue ich mir die Armenier an, die Assyrer, ich schaue ich mir die Palästinenser und die Juden und die Bosnier an. Jede Gruppe hat seine historischen Erinnerungen, und sie geben sie von Generation zu Generation weiter. Erinnerungen verblassen nicht einfach. Ich war auf einem Armenier-Treffen – und obwohl es fast 100 Jahre her ist, was mit ihnen passierte in der Türkei, für sie ist das damalige Fehlverhalten noch immer sehr frisch.

Es mag ja auch keine gute Sache gewesen sein. Es hätte eine wunderbare Sache sein können, wenn sie mit ihrem Leben vorangegangen und vergessen hätten, was man vor Jahren verändert hat. Aber die Realität ist, dass diese Erinnerungen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Also ich glaube nicht, dass diese erinnerungen weg gehen oder verschwinden für die tamilische Bevölkerung.

Ob dieser Umstand Auswirkungen auf Sri Lanka in der Zukunft haben wird, ist wirklich eine offene Frage. Ich denke, dass es nichtviel ausmachen wird, weil die Fakten auf dem Boden sich stark verändern, und sich auch weiterhin erheblich verändern. Aber ich bezweifle, dass die Wut, die in der tamilischen Gemeinschaft existiert, verschwinden wird; sie wird uns ncoh viele Jahre erhalten bleiben.

Das Buch zu schrieben, war eine sehr intensive Anstrengungen. Ich sammelte Material und schrieb zur gleichen Zeit. Ich konnte nicht viel daran arbeiten, als ich noch in Sri Lanka war; alles geschah, als ich dann in Australien war. So war es nur solide 11 Monate, bevor ich den endgültigen Text ablieferte, einschließlich 3 Monate für die Nachbearbeitung. Es war eine emotional und körperlich anspruchsvolle Zeit.

Ich hatte nicht den Wunsch, einfach nur ein Buch zu schreiben, aber ich muss sagen, dass, obwohl es ein sehr kostspieliges Unterfangen war und mich persönlich vor eine ganze Reihe von Fronten stellte, habe ich noch keinen Moment meine Entscheidung bereut, mich hinzusetzen und das Buch zu schreiben. Ich bin froh, dass ich das getan habe.

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„Man muss also feststellen, dass es eine lange und profunde Geschichte des Mangels an Verantwortlichkeit gibt…“

Gordon Weiss

 Von Radio Netherlands Worldwide vom 11. August 2011

In seinem kürzlich erschienenen Buch „The Cage“ verweist der ehemalige UN-Sprecher Gordon Weiss auf Belege dafür, dass die Regierung von Sri Lanka Kriegsverbrechen begangen hat – und er kritisiert die UNO.

Als UN-Sprecher in Sri Lanka während des Konflikts, erlebte er aus erster Hand, dass die UNO nicht in der Lage, ihre Aufgaben dort zu erfüllen war. RNW befragte Gordon Weiss nach der Rolle der UNO und dem Mangel an Rechenschaftspflicht in Sri Lanka.

Frage: Können Sie uns einen kurzen Bericht von dem geben, was passierte mit den Vereinten Nationen in der letzten Phase des Krieges in Sri Lanka?


Weiss: Als die letzte Phase des Krieges an Fahrt gewann, und als die Luftangriffe begannen auf die de facto Hauptstadt der Tamil Tigers (Kilinochchi) im Jahr 2008, warnte die Regierung die UN, dass sie ihre Mitarbeiter aus dem Norden abziehen möge. Die Luftangriff der Regierung kamen gefährlich nah heran an UN-Positionen in Kilinochchi. Unsere Mitarbeiter verbrachten viel Zeit damit, sich in Bunkern zu verstecken. Sie waren nicht wirklich in der Lage, effektiv ihre Aufgaben zu erfüllen, die sich weitgehend auf humanitäre Hilfe konzentrierte. Also kam die UNO der Aufforderung nach und ist abgezogen. Ab diesem Zeitpunkt gab es faktisch keine unabhängige internationale Präsenz mehr in der nördlichen Region, mit Ausnahme des Internationalen Roten Kreuzes.

Das Rote Kreuz aber hat sich zu eigen gemacht, nicht über das zu reden, was sie während ihre Arbeit hinter den Linien sieht. Fest steht aber, dass die UNO nicht mehr da  und so mit auch nicht fähig ist, darüber zu urteilen, was da los war. Danach musste sich die UNO auf die Regierung verlassen, und auch darauf, dass die Regierung allein für den Zugang zu den tamilischen Gebieten sorgte, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Ob die UN hätte bleiben sollen, trotz der Angriffe, ist ein strittiger Punkt, und etwas, dass eine interne Verantwortlichkeits-Untersuchung beantworten muss, nicht ich.

Frage: Hat die UNO versagt im letzten Teil des srilankischen Krieges versagt?


Weiss: Meine Position dazu ist, dass allein aufgrund der Zahl der Menschen, die angeblich getötet wurden, sowie aufgrund der Tatsache, dass die UNO vor Ort war, muss man sich das genauer ansehen und schon einmal feststellen, „gut, da ist etwas schief gelaufen“. Jetzt zu diskutieren, bis zu welchem Grad oder ob die UNO versagt hat, ist müssig. Ich denke, die UN hätten mehr tun können, hätte merh tun müsste. Aber natürlich liegt die letztendliche Verantwortung für das alles bei den kriegführenden Parteien, nicht bei der UNO.

Frage: Kann die UNO verantwortlich gemacht werden?


Weiss: Ich denke, die UN hat selbst Verantwortung die Antwort zu tragen für seine Aktivitäten in Sri Lanka und für die Art und Weise, wie sie verschiedene Ding anging. War es richtig für sie, abzuziehen, ihre humanitäre Operation im September 2008 aufzugeben, als sie durch die Regierung aufgefordert wurden zu gehen? War es richtig, nicht auf die Regierung von Sri Lanka öffentlich anzugehen, etwa wegen des Einsatzes von schweren Waffen? War es richtig oder falsch von der UN nichts nichts über die Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Krankenhäuser zu sagen, obwohl wir wussten, was da los war? Es gibt so viele Fragen, die noch offen sind. Die UN hat eine Untersuchung in diese Angelegenheit versprochen, darüber was passiert ist und wie die eigene Rolle dabei war. Wir werden noch sehen, ob der Generalsekretär dieses Versprechen umsetzt.

Frage: In Sri Lanka hat es nicht nur ein Krieg mit der tamilischen Minderheit gewgeben, sondern auch einen innerhalb der singhalesischen Bevölkerung. Gibt es Gerechtigkeit für die Opfer in Sri Lanka ?


Weiss: Ich denke, das ist ein Teil des Problems. Was im Jahr 2009 geschah in der Endphase des Tamilisch-Singhalesischen Krieges war vorhersehbar, weil es schon so große Anfälle von Gewalt gegen Menschen in Sri Lanka durch früheren Regierungen gegeben hatte. Es gibt also eine Geschichte von staatlicher Gewalt gegen seine Bürger und es gibt auch eine Historie eines Mangels an Verantwortlichkeit. Kaum jemand saß im Gefängnis für die Verbrechen, die 1971 oder bei dem Aufstand 1987-1990 begangen wurden, als Zehntausende von Singhalesen getötet wurden. Man muss also feststellen, dass es eine lange und profunde Geschichte des Mangels an Verantwortlichkeit gibt, ein Mangel an Rechtsstaatlichkeit und ein Mangel an Gerechtigkeit für die Verbrechen, die im Namen des Staates begangen wurden und werden.

Frage: Glauben Sie, dass einige Tamilen wieder zu den Waffen greifen werden?


Weiss: Die Ermordung von Tamilen während der Unruhen im Jahr 1983 löste die separatistsische Reaktion aus. So wird die Tötung von Tausende von Tamilen zum Kriegsende – und ich glaube dass so viele getötet wurden – wird nicht dabei helfen, die tamilischen Beschwerde zu heilen. Wenn ich Tamile wäre, wäre ich sehr pessimistisch, was die Aussichten auf eine wirkliche Zukunft in Sri Lanka. Aber ich denke, jede Art von bewaffneten Aufstand ziemlich sinnlos ist und ich bezweifle, dass das von irgend jemandem überlegt wird, der den Kopf aufgeschraubt hat.

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