Im Gebiet der Tiger


Es war einmal: Im Gebiet der Tiger 

Von T.E. Narasimhan im indischen Business Standard vom 21. Januar 2012

Fast drei Jahre nachdem die LTTE den Krieg verloren hat, besucht T.E. Narasimhan den Norden Sri Lankas; ein Land hinkt in die Normalität zurück.

Die Straßen hier sind robust und sauber. Japanische Autos und Motorräder – Nissan, Toyota, Honda, Yamaha und andere – fahren auf ihnen mit hoher Geschwindigkeit. Die Gebäude aus der Kolonialzeit sind großartig. Mit 152 Metern Höhe, ist das World Trade Center das höchste Bauwerk im Inselstaat. Die Einkaufszentren sind die Heimat von Marken wie Nike, Marks & Spencer und Hermes. Die Hotels gehören ein Aman, ein Taj, ein Hilton und ein Interconti. Die vier Kasinos (MGM, Bellagio, Bally und Stardust, ihre Namen sind aus Las Vegas kopiert) werben für Roulette, Poker, Blackjack und Baccarat. Es gibt Discos für die Jungen und Energtischen. Die Stadt schläft wenig. Dies ist Colombo, die Hauptstadt von Sri Lanka.

Aber nur ein paar Stunden Fahrt entfernt, in den nördlichen Teilen des Landes macht alles dicht nach 20:00 Uhr. Es gibt nur wenige Plakate in diesen Städten, die meisten machen Werbung für Mobilfunkdienste wie Mobitel und Dialog. Die Straßen, außer in Städten Trincomalee und Jaffna, sind ein heilloses Durcheinander. Indische Auto-Rikschas und Zweirädern (TVS und Bajaj) rumpeln über diese Straßen. Große Teile des Gebietes sind noch nicht elektrifiziert. Ein preisgekrönter Dokumentarfilm von bekannten Filmemacher Vinodth zeigt einen sechs Jahre alten Jungen, der überrascht ist, eine Glühbirne in einem Geschäft zu sehen. „Wie funktioniert das mit dem Licht, das zur Erde reist“, fragt er seine Mutter. Alles, was er in seinen jungen Jahren gesehen hat, ist der Docht in Lampen, die ein schwaches Leuchten gen Himmel senden. Offensichtlich hatte der junge Mann keine Ahnung, was Elektrizität überhaupt ist.

Dies ist der hohe Preis, den Menschen für die separatistische Bewegung durch die Liberation Tigers of Tamil Eelam, LTTE, gezahlt haben – im Jahr 1976 ins Leben gerufen unter Velupillai Prabhakaran für die Tamilen im Norden Sri Lankas. Der Konflikt endete im Mai 2009 nachdem Prabhakaran getötet wurde. In all den Jahren dazwischen Jahren zogen die gut situierten Bewohner des nördlichen Sri Lanka, Tamilen wie Singhalesen, in westliche Länder wie die USA, Kanada, Frankreich und Großbritannien. Wieder andere gingen nach Westasien. Diejenigen, die es sich nicht leisten konnten, ins Ausland zu gehen, landete in Flüchtlingslagern in Sri Lanka. Insgesamt 80.000 bis 100.000 Menschen starben Berichten zufolge in dem Konflikt und etwa 395.000 wurden vertrieben.

Mehr als zwei-und-ein-halb Jahre nach Kriegsende sind die Zeichen der Verwüstung noch immer krass sichtbar. Die Fahrt über 100 km von Nagadeep nach Jaffna ist wunderschön, mit viel Grün auf beiden Seiten. Es gibt ordentlichen Reihen von schönen Häusern – rund 5.000 an der Zahl. Ein genauerer Blick aber zeigt die Einschüsse an den Wänden. Die Häuser sind leer, die Fenster sind zerbrochen und die Böden sind zerstört. Die Bewohner, die den Konflikt Zone geflohen sind nicht wiedergekommen, um ihr Eigentum zurückzufordern. V Muruganathan, einer der wenigen, die zurückgekehrt sind, verkauft eine Kokosnuss für 125 Sri Lanka Rupien (knapp 1 Euro) in der Nähe von Nagadeep, was mehr als doppelt soviel ist, was sie in Colombo kosten würde und dreimal so hoch, wie in Tamil Nadu. „Was soll ich tun“, sagt er, wenn man gegen den hohen Preis protestiert. „Es gibt kaum einen erwachsenen Baum hier, der nicht von Kugeln durchsiebt ist.“

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Nord Sri Lanka trägt weniger als 4 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Es ist nicht schwer zu sehen warum. Früher war dies eine gesunde Agrarwirtschaft. Aber das Ackerland wurde im Krieg verwüstet – dort, wo die mörderischen Schlachten zwischen LTTE und der srilankischen Armee tobten. Fast 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche und 40 Prozent der Küstengebiete waren unter Kontrolle der LTTE. Tretminen und LTTE-Bunker sind noch überall zu finden. Die Ausbeute der einst berühmten Jaffna-Mango ist um 75 bis 80 Prozent gesunken. Im Mai 2009, als LTTE ihre Niederlage akzeptierte, stiegen die Preise von landwirtschaftlichen Produkten, sowie andere Rohstoffe wie Benzin, in den Himmel. Die Preise sind seither um fast 50 Prozent gesunken, aber immer noch höher als anderswo im Land, sagt Exporteur Somi Hazari, Gründungspräsident der Indien-Sri-Lanka-Handelskammer. (Das lukrativste Geschäft während des Krieges war der Verkauf von Medikamenten, auf dem Luftweg befördert, und zu astronomischen Preisen. Nun, sind die Preise die gleichen wie in Colombo.)

Jaffna, in den Vorkriegsjahren, war berühmt für den „Export“ von ganzen Heerscharen von Anwälten und Akademikern. Es war auch bekannt für seine koloniale Architektur (Portugiesen und Briten). Aber all das ist lange her. Die LTTE hatte in Jaffna ihre kulturelle und politische Heimat, und so wurde die Stadt im Krieg stark beschädigt. Menschen lagern noch immer in der zerbombten Hülle dessen, was einst Jaffnas Wahrzeichen- Bahnhof war. Einige Bauern haben damit begonnen, die fruchtbaren roten Böden ihrer Felder zu bebauen. Es bilden sich kleine Schlangen an Lebensmittelnständen. Dazu gehören Sir Lankas Soldaten, die sehr höflich sind. Allerdings gibt es nicht viele Hotels in der Stadt. Die Leute vermieten ihre Häuser, auch Garagen, an Touristen.

Der Tourismus ist die nächste große Sache, die Menschen hier fühlen, dass die Touristen sie aus der Armut ziehen werden. Die srilankische Regierung sagt, dass 850.000 Touristen ins Land kamen im Jahr 2011, was zu einem Gewinn von $ 800.000.000 führte. (Die Projektion für 2012 ist eine Million Touristen und $ 1.200.000.000 in das Ergebnis.) Aber nur wenige Touristen aus dem Ausland kommen in den Norden Sri Lankas. In meinen drei Tage hier vor Ort, sah ich nur vier oder fünf westliche Touristen in Trincomalee (113 km südlich von Jaffna), das einer der schönsten Strände des Landes hat, und eine Handvoll Inder, die kommen, um die Tempel zu sehen. Aber es gibt durchaus ein paar Touristen aus anderen Teilen von Sri Lanka.

Prakasham, 90, entspannt auf einem Sessel vor dem blauen Meer bei Trincomalee. Seine Augen folgen seiner zwei Jahre alten Ur-Enkelin, wie sie Fahrradfahren übt. Früher war er Reinigungskraft bei der srilankischen Eisenbahn, Prakasham besitzt nun ein kleines Hotel am Strand namens French Garden, das wohl ein paar hunderttausend Dollar wert ist. Das Resort ist spartanisch, aber sehr sauber. Die Aussicht ist atemberaubend. Dies ist das angestammten Land der Familie. Aber Prakasham musste es verlassen, als der Krieg begann. Sein Land und Besitz wurde von LTTE als Strand-Bunker benutzt und sogar als Gasthaus für die Indian Peace Keeping Force (Indische Friedenstruppen) in den 1980er Jahren verwendet. Nach dem Krieg kehrte Prakasham zurück und richtete sich neu ein. Trotz des neu gewonnenen Reichtums, findet Prakasham es schwierig, die Schrecken des 30-jährigen Krieg zu vergessen. „Das waren schreckliche Zeiten, doch jetzt sind die Dinge gut.“

Samanthas Geschichte ist nicht anders. Ein Fischer, er zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern aus der nördlichen Stadt Kilinochchi flüchtete, die Hauptstadt der Rebellen war, im Jahr 2008. Nach einem Jahr auf der Flucht, landeten sie in einem Lager für vertriebene Zivilisten, mittellos und erschöpft. Sieben Monate nachdem die LTTE im Mai 2009, besiegt war, verließ Samantha und seine Familie das Lager in einem Bus mit ca. 100 Personen und kamen auf der Autobahn A9 (die 321-km lange Straße verbindet Kandy mit Jaffna, die nach vielen Jahren wieder geöffnet hatte) endlich in Trincomaleean, während er kostbare 220 $ umklammerte, ein Darlehen, das ihm Regierung und ein Hilfs-Agentur gewährt hatten.

Während seine Verwandten zurück gingen, um wieder zu fischen, setzen Samantha, jetzt 58 Jahre alt, ein Restaurant mit dem Namen „A – Z“, an die Autobahn die ihn wieder hierher gebracht hatte. In der Hütte werden frische Meeresfrüchten serviert, was ihm etwa 500 Dollar pro Monat einbringt. Seine Kinder gehen wieder zur Schule, und er hat in der Nähe mit dem Wiederaufbau des Hauses seiner Vorfahren begonnen.

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Autobahnen wie die A9 und andere Ausfallstraßen haben die einst abgelegenen Dörfern für den Handel geöffnet. Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen hat ein zweistelliges Wachstum als Folge. „Aus der Wachstumsperspektive“, sagt Sri Lanka Export Development Board Chairman Janaka Ratnayake, „ist es unglaublich.“

Anderswo im Norden, ist die Rede von einem neuen Fünf-Sterne-Hotel, einer Salz Produktionsstätte und einer Textilfabrik. Es ist Geld im Umlauf, das ist sicher. Menschen, die in den Westen abgewandert waren, sind in großer Zahl zurückgekehrt, nachdem sie ihren Arbeitsplatz durch die Rezession verloren haben. Auch sonst ist fremdes Geld, das Ergebnis der Überweisungen von Migranten, reichlich in Norden vorhanden im Vergleich zum Süden, sagt Hazari, der Exporteur. Zentralbank Gouverneur Ajith Nivard Cabraal sagt, dass Überweisungen von Arbeitern 5.200.000.000 $ im Jahr 2011 betrugen, 27 Prozent merh als 2010. Er erwartet, dass sie auf $ 6.500.000.000 im Jahr 2012 klettern werden. Dies hat einen Anstieg des Aktienindizes geschürt – der 25-Share Milanka Index der Colombo Börse ist über 30 Prozent in den letzten zwei Jahren gestiegen. Die Immobilienpreise sind auf das Fünffache den letzten zwei Jahren gestiegen, und die srilankische Rupie um fast fast 3 Prozent vis-à-vis dem Dollar gestärkt.

Die srilankische Regierung plant, über eine Milliarde Dollar in 31 Projekte zu investieren, um den Norden wieder aufzubauen. Die Anwesenheit von chinesischen Unternehmen bei den Projekten ist unverkennbar. Auch ist die indische Hand an den neu gebauten Häusern, Schulen und Krankenhäuser zu erkennen. Mit dem Frieden in der Region, ist auch Arbeit reichlich vorhanden. Bis Ende August 2011 ist die Mehrheit der 395.000 intern Vertriebenen in ihre Häuser zurückgekehrt. In Chennai hat die srilankische Hohe Kommission 8.253 Notfall-Zertifikate für Sri Lanka ausgegeben, damit sie in ihr Land zurückkehren können. Fast alle haben die Lagern verlassen -mit Ausnahme von 2.005 Familien. Das Hochkommissariat der Vereinten Nation für Flüchtlinge erwartet von anderen, noch in diesem Jahr wieder zu kommen. Während dies die Arbeiterangebot grundsätzlich verbessert hat, klagen Geschäftsleute, dass viele von ihnen keine Ausbildung haben, dank des Krieges, haben viele nur eins gelernt…

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Unter denen, die zurückgekehrt sind, sind ehemalige LTTE-Kader. Von den etwa 11.000 LTTE-Kadern, die die srilankischen Armee gefangen genommen hatte, sind rund 3.500 mittlerweile freigegeben worden. Eine Auto-Rikscha-Fahrer in einer der Städte gibt freimütig zu, dass er ein LTTE Kader während des Krieges war, ebenso der Mann, der mir Tee serviert in einem Kiosk in einem der Dörfer. Es gibt viele solcher Geschichten von ehemaligen Rebellen, die jetzt unterwegs sind in Auto-Rikschas oder Lastwagen beladen. Einige der ehemaligen Rebellen entpuppen sich auch als gute Fremdenführer in Bereichen wie in Thiriyai, einem kleinen Dorf in vornehmlich tamilischen Distrikt Trincomalee. Dieses Dorf, mit weitläufigen Stränden und viel Grün, war ein wichtiges LTTE-Trainingslager.

Es gibt keine sichtbaren Anzeichen der LTTE in den Städten und Dörfern. Ich sehe keinerlei Poster, ob neu oder alt, von den Rebellen oder Pamphlete und Propaganda-Material. Die LTTE, so scheint es, wurde komplett aus dem öffentlichen Gedächtnis gelöscht. Billboards und Plakaten haben jetzt nur noch ein Bild: das von Präsident Mahinda Rajapakse. Die Menschen reden nur ungern über LTTE, genauso wenig debattieren sie über die Wirksamkeit dessen, was die Rajapaksa-geführte Regierung getan hat, weil sie vor den überall vorhandenen Informanten und Spitzeln der Regierung Angst haben. Über die soziale und wirtschaftliche Diskriminierung der Tamilen, die Frage, über die die LTTE ihren Krieg startete, wird auch nicht gesprochen. Angst und Frucht hängen in der Luft. Schwer bewaffneten Soldaten der srilankischen Armee sind überall.

Vinodth, der Filmemacher, befürchtet, dass, wenn diesen Menschen zu lange eine sinnvolle Erwerbstätigkeit vorenthalten wird, die Tamilen wieder mit den Soldaten kollidieren werden. Den Lebensunterhalt für alle zu garantieren, schließt er, ist die jetzt die größte Herausforderung der Regierung. Der Krieg um dieses Territorium mag im Mai 2009 geendet haben, aber der Kampf um Geist und Herz dieser Menschen muss noch gewonnen werden.

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