Das Problem mit dem Nationalismus


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Das Problem mit dem Nationalismus


Von Emanuel Stoakes

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion vom 28. Juli 2013

Die Apologeten sind immer die gleichen. Ob sie die Kriegsverbrechen rationalisieren, oder reaktionäre Ideologien fördern, sie heucheln immer Abstand zu dem, was sie verteidigen. Warum bestehen sie darauf, unparteiische zu erscheinen? Das funktioniert nie – für mich. Ratten riechen immer wie Ratten. Das ist eine Geruch, der nicht zu verschleiern ist. Ich bin nicht der einzige Journalist, der auf diese Weise denkt und fühlt.

Persönlich ist es eine gelehrter Reaktion, durch das jahrelange Déjà vu, eingeschärft beim Zuhören von Sprechern aus den USA und der russischen Regierung, die darauf bestehen, dass Kritik an ihrer militärischen Führung, im Nahen Osten oder im Nordkaukasus, lediglich politisch motiviert sei. Allein die Idee, dass ein Repräsentant des Staates, insbesondere der beiden genannten Mächte, irgendwie über allem steht, dass sie sich zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden könnten, hört nie auf, einen Reporter kalt zu lassen. Aber sie machen weiter mit der Farce, als ob ihre Undurchdringlich, tatsächlich von jemandem geglaubt wird.

Staatliche Sender, sind natürlich ganz besonders schuldig an diesem unwürdigen Theater. Sie verstehen, warum? Im Gegensatz zu einem Pressesprecher sind sie mit der Vorbereitung einer legitime klingenden Aufgabe beauftragt: Journalismus. Dennoch wirken einzelne Episoden, die beispielsweise in Russia Today erschienen sind so transparent wie alles, das von der propagandistischen Pravda während des Kalten Krieges produziert wurde. Wenn das Problem doch nur auf den öffentlichen Sektor beschränkt wäre. Ich mache aber die gleiche Erfahrung bei Lesen der Produkte großer Medienhäuser des Westens, wie das Wall Street Journal und die Jerusalem Post. Irreführend – das ist das Adjektiv, das einen dabei immer in den Sinn kommt.

Ob staatliche oder private Medien, die Themen sind ähnlich deprimierend: Unschuldige Menschen werden durch Terrorismus geplagt. Gut-gegen-Böse-Geschichten, entworfen, um Emotionen anzusprechen. Angriffe auf Zweifler von Regierungspolitik, als gäbe es immer eine Fünfte Kolonne bei der Arbeit, die diskreditiert werden muss. Es ist sofort vertraut. Und es riecht nach dem  Autoritarismus des 20. Jahrhunderts. Die Methodik ist aufschlussreich – und entlarvend. Jedes Mal, wenn sie verwendet wird, vermuten anspruchsvollen Journalisten, dass der betreffende Staat etwas zu verbergen hat.

Ich entdeckte den vertrauten Geruch in dieser Woche, als ich zum ersten Mal die Dementis der birmanische Regierung gelesen habe über die ethnischen Säuberungen im Lande. Gegenüber überzeugender Beweis zur Bestätigung der Richtigkeit dieser Vorwürfe, ließ Präsident Thein Sein nur eine hohle, einzeilige Bemerkung ab, von wegen „Schmierenkampagne“. Zu sagen, dass dies nach der  Karikatur des Jahres stinkt, wäre die Untertreibung überhaupt. Zumindest in Burma.

Sein sagte nichts weiter über die Tatsache, dass Massengräber von Human Rights Watch dokumentiert wurden in deren umfangreichen, 153-seitigen Bericht „Alles, was Du kannst, ist beten“, der im April veröffentlicht wurde, noch über Vorwürfe, dass staatliche Kräfte Leichen in Flüchtlingslagern verbuddelt haben, die alle Kennzeichen von Hinrichtung aufzeigen. Noch verlor er ein Wort darüber, dass selbst der eigene Sprecher des Präsident offen zu Gewalt des Mobs gegen die Minderheit steht. Stattdessen ist all das nur eine „Schmierenkampagne“.

Ich hätte genauso gut in Colombo sein können. Dort, in Sri Lanka, ist einer meiner anderen Beobachtungspunkt, noch ein unruhige asiatischen Demokratie. Thein Seins Apologetik bringt die Erinnerungen an die verschiedenen Aussagen, die Verteidiger des brutalen Rajapaksa-Regimes Sri Lankas dargeboten, in Reaktion auf einschlägige Berichte in der Presse, von den Vereinten Nationen, der International Crisis Group und Amnesty International, die alle anzeigen, dass Sri Lankas derzeitige Regierung in Kriegsverbrechen im Jahr 2009 verstrickt ist. Das einzige, was anders ist, wirklich, ist das Land.

Hier ist der Grund: Sri Lankas wiederkehrende Reaktion/entschuldigung war und ist, zu behaupten oder zu implizieren, dass all die genannten Parteien in einer Liga mit ihren besiegten Feinden sind, der brutal separatistischen Rebellengruppe, bekannt als LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam,) oder aber, dass all diese Autoren motiviert sind durch irgendwelche anderen schmutzigen, bösartigen Impulse. Der Nutzen dieser staatlichen Erzählung ist offensichtlich: Die Kriminellen werden zum Opfer, und äußerst vernichtende Beweise aus dem Rampenlicht gekickt. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Es scheint mir, dass in der Regel, solche Verschwörungstheorien oder vergleichsweise lächerlichen Versuche der Widerlegun, selten, wenn überhaupt, mit einem Beweis versehen werden. Stattdessen werden diejenigen persönlich angegriffen, die anklagen. Dies kommt daher, weil die meisten neutralen Parteien zuerst einmal nur die Beweise des ersten Blickes sehen. Das heißt, wenn sie über einen Zugang verfügen. Aber für das heimische Publikum mit berechtigten Beschwerden, gestaltet sich die Situation völlig anders.

Zum Beispiel, im Fall von Sri Lanka, musste die ethnische Mehrheit der singhalesischen Bevölkerung,  mit mehreren Jahrzehnten von Krieg und Selbstmordattentaten durch die LTTE leben, die häufig unschuldige Menschen getötet haben  – nun ist diese Gruppe  allzu empfänglich für die Behauptung, diese ehemaligen Feinde wollen ihnen noch immer Böses. Die LTTE wurde in der Tat über ein internationales Netz finanziert und und hatte nicht nur einen de facto Staat, sondern auch eine eigene Marine und eine Luftwaffe auf dem Höhepunkt ihrer Macht.

Und so ist es nur wahrscheinlich, dass die singhalesische Bevölkerung der Insel wie gewünscht reagiert, wenn ihre Regierung diese offizielle Line vorgibt. Und die Verwendung auffallend verzweifelter Propaganda, die wie PR-Selbstmord erscheint, fängt an, ihren rationellen Zweck zu demonstrieren.

Unnötig zu sagen, dass solche widerwärtigen Kabinettstückchen, während sie versuchen, von den Fakten abzulenken und sie zu verwischen, diese nicht wirklich widerlegen.

Im Hinblick auf Sri Lanka, ist es schlichter Fakt, dass NGO-Sites und behelfsmäßigen Krankenhäuser, die ihre GPS-Koordinaten an die srilankische Regierung gaben, bombardiert wurden, während diejenigen, die dies nicht taten, unversehrt bleiben. Fakt ist, dass der Verteidigungsminister des Landes offen erklärt hat, ein Krankenhaus sei ein legitimes Ziel und dass ein hochrangiger Regierungsbeamter vor Us-Diplomaten eingeräumt hat, dass das Völkerrecht verletzt wurde. Doch die Regierung klebt immer noch fest an der offiziellen Linie, mehr oder weniger zu leugnen, dass sie überhaupt etwas falsch gemacht hat un greift Journalisten an, die es wagen, sie mit wichtigen Fragen zu konfrontieren.

Einer dieser Regierungs-Verteidiger  ist der ehemalige Stellvertreter des Ständigen Vertreters bei den Vereinten Nationen und Generalkonsul in Sydney, Australien, Bandula Jayasekara, mit denen ich einen Austausch über Twitter in den letzten Wochen hatte. In einer Reaktion auf eine Reihe von Jayasekara-Tweets, in denen er den Channel-4-Filmemacher Callum Macrae aufs übelste verleumdete (dies ist nur ein Beispiel…) fragte ich Herrn Jayasekara, ob er keine Beweise für seine Behauptungen habe. Er lieferte keine, aber fuhr fort zu sagen: „Ich muss niemandem antworten, der nur widerkäut was Macrae behauptet – vielleicht auch mit Blutgeld von Terroristen.“

Worauf ich antwortete: „Ich gehe nun also davon aus, dass Sie keine Beweise haben. Der Grund, warum Sie so aggressiv sind – und mich beleidigen, weil ich danach gefragt habe.“

Jayasekara tat nichts, um meine Aussage zu widerlegen. Diese eklatante Missachtung der Beweise, und der Angriff auf den Hinterfragenden, das ist eine alte Taktik – man gut geeignet für Twitter angesichts der Beschränkungen der Gespräch. Aber doch auch eine, die gefährliche Folgen hat.

Solches Desinteresse an Tatsachen appelliert an unseren schlimmsten Instinkte. In Ländern mit befleckter Vergangenheit und einer Geschichte von wiederkehrenden ethnischen Konflikten (wie Sri Lanka), hat immer wieder die stärkere Partei zu dieser Taktik gegriffen, anstatt nüchtern und offen Verantwortlichkeit, Wiedergutmachung und Versöhnung anzugehen. Auf lange Sicht ist ein solcher Ansatz nicht nur völlig kontraproduktiv für den Frieden, sondern sondern führt auch zu einer falschen Ökonomie: Es ist billig und einfach nationalistische Gefühle zu schüren im Gegenzug zur Weitergabe von politischem Kapital.

Das Ergebnis ist so oft ein anhaltenden Groll zwischen den betroffenen ethnischen Gruppen, und in einigen Fällen eine Vertiefung des ultranationalistischen oder des kulturellen Chauvinismus. Ein Beispiel dafür bezüglich Sri Lankas wurde kürzlich bei einem Cricket-Match auf dem Oval in London demonstriert. Tamilische Demonstranten mit der Flagge LTTE (andere aber andere behaupten, sie sei das Symbol für ihren geplanten, zukünftigen Staat Tamil Eelam) wurden von einer Gruppe von srilankischen Cricket-Fans angegriffen. Ein Video von der Konfrontation  tauchte Online bei Facebook auf, wie auch ein Foto von einem Mann, der scheinbar nach einer Frau tritt, dazu die Worte „RUHE BEWAHREN – UND TRETET DIESE LTTE HÜNDINNEN.“ Dieses Bild erhielt viele „Like“-Kommentare…

Andere Videos zeigen die beiden Parteien voneinander getrennt, Spott über die Straße hinweg brüllend. Diese Mikro-Ereignis verkörpert in vielen Aspekten den Stand der Beziehungen zwischen den beiden Gemeinden nach dem Ende des Krieges. Vor allem mit den Dementis, und dem Mangel an Rechenschaftspflicht der Regierung. Ohne Gerechtigkeit wächst der Hass, und beide Seiten wirken einander entgegen, um sicherzustellen, dass dies auch weiterhin geschieht. Die Folgen könnten sehr schlimm sein, natürlich, und die Vorzeichen sind jetzt schon bedrohlich.

Liegt es in der menschlichen Natur, die Wirklichkeit so zu vereinfachen, vor allem in Fragen der Rasse und der Nationalität? Wir versuchen, uns zu betäuben, auf einer bestimmten Ebene, um die Mängel der Realität auszugleichen, ich wette. Durch die Bereitstellung von Sinn und Sicherheit – insbesondere in Bezug auf die persönliche Identität – im Angesicht der Komplexität sind wir mit konfrontiert werden. Durch das Zuordnen  zu „uns“ und den Idealen, die man anstreben will, und das Ego samt einem perfekten nationalen Bild, werden unsere Abwehrkräfte gestärkt, und wir behalten und das Recht vor, unsere schlimmsten Impulse gemeinsam zu ehren, ohne jegliche Zurückhaltung.

Bei einer leichtgläubigen Bevölkerung und einem handlichen Sündenbock, mit einem unterschwelligen Gefühl der Bedrohung durch einige internationalen Netzwerk im Gegensatz zu „unserer“ Zivilisation und „unserem“ Gemeinwohl, haben wir alle Zutaten, die wir brauchen, um die anderen für unsere eigenes Versagen zu beschuldigen. In der Tat, je mehr die Psyche in ein solches Erzählungs-Ritual verfällt, desto mehr macht es süchtig und desto hysterischer werden diese Erzählungen verteidigt.

Vom Krieg gegen den Terror zum gemeinen Rassismus in Sri Lanka, von den Völkermord-Stoßtrupps eines Slobodan Milosevic bis hin zu der English Defense League, kann man all die Markenzeichen dieses giftigen und archaischen Impulses beobachten. Die Popularität des Nationalismus, und die korrespondierenden Vorurteile, ist verwurzelt in ihrem Appell an unsere Vorliebe für die Verweigerung. Womit wir zu Alexander Solschenizyns Appell an seine Leser in seinem legendären Buch „Archipel Gulag“ kommen:
„Die Leser, die dieses Buch in Erwartung seiner politischen Aufdeckungen geöffnet haben, mögen augenblicklich die Deckel wieder zuschlagen! Wenn es alles nur so einfach wäre! Wenn es einfach nur  irgendwo böse Menschen  gebe, die heimtückische und böse Taten begehen, und es nur notwendig wäre, sie aus vom Rest von uns zu trennen und sie zu zerstören…“

Ich folge der obigen Beobachtung mit einer meiner eigenen: diese anti-demagogische Weisheit des Dissidenten Solschenizyn wird heute mehr denn je benötigt. Verzweifelt, wenn nicht sogar dringend.Stoakes-screenshot-I

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