Australier verstrickt in letzten Akt des Bürgerkriegs


Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion aus The Sydney Herald vom 14. Mai 2011

Von Ben Doherty

Mullaitivu – In dem hektischen Durcheinander der letzten Stunden des Krieges gegen die Tamil Tigers suchten einige von ihnen einen Ausweg. Durch SMS-Nachrichten und Anrufe boten sie eine bedingungslose Kapitulation an, als Gegenleistung für eine sichere Passage aus dem Kriegsgebiet.

Jetzt, zwei Jahre später, sieht sich ein australischer Staatsbürger und derzeit hoher srilankischer Diplomat in einem Antrag an den Internationalen Strafgerichtshof der Mittäterschaft an der Ermordung von Tamilen beschuldigt. Eine Investigation untersucht den verzweifelten letzten Akt im Bürgerkrieg Sri Lankas auf dem einsamen, blutigen Strand von Mullaitivu.

Der rücksichtslose separatistische Krieg der Liberation Tigers of Tamil Eelam gegen die Singhalesen-Mehrheit und der srilankischen Regierung kam zu seinem blutigen Ende, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, im Mai 2009.

Die terroristische Armee, die zu einem Zeitpunkt ein Drittel der Insel in ihrer Hand hatte, wurde am Ende auf einem schmalen Küstenstreifen zusammen getrieben, eingeklemmt zwischen dem Meer und einer Lagune, und von den unbarmherzigen Angriffen der vorrückenden Armee völlig aufgerieben.

Viele Tigers hatten geschworen, bis zum Tod kämpfen, anstatt ihre Waffen niederzulegen; aber als sich die Leichen am Strand auftürmten, suchten einige von ihnen einen Weg, sich zu ergeben, für sich selbst, aber auch für die Tausende von Zivilisten, die sie als Geiseln gehalten hatten.

Unter konstanten schweren Beschuss, schickten sie von Handys mit nachlassenden Batterien, SMS an jeden, von dem sie dachten, er könnte dazu beitragen, sie zu retten.

Sie kontaktierten Diplomaten, Journalisten, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, einfach jeden, der eine Einigung zwischen den Letzten ihres Widerstandes und der Regierung zustande bringen könnte.

Sie machten auch Dutzende von Anrufen.

Durch einen europäischen Vermittler, gelang es ihnen, eine Nachricht an Dr. Palitha Kohona zu schicken, damals Sri Lankas Außenminister, und zu dieser Zeit das öffentliche Gesicht von Sri Lankas Krieg gegen die Tigers.

Dr. Kohona ist sowohl srilankischen als auch australischer Staatsbürger, ein ehemaliger australischer Diplomat und Unterhändler für das Departement für auswärtige Angelegenheiten und Handel. Er ist jetzt Botschafter für Sri Lanka, als Ständiger Vertreter des Landes bei den Vereinten Nationen.

Er wurde mit einer Nachricht im Auftrag eines Mannes namens Pulidevan kontaktiert, der der Kopf des sogenannten Friedens-Sekretariats der LTTE war. Pulidevan war kein Soldat, sondern ein Tiger-Politiker in Schlüsselposition. Er bot eine bedingungslose Kapitulation an.

Bereit, mit ihm zu Fuß aus der Front zu marschieren waren Mitglieder seiner Familie, dazu Nadesan, der Leiter des „politische Flügels“ der LTTE, sowie ein Tiger, den man Oberst Ramesh nannte, außerdem mehr als ein Dutzend tamilische Zivilisten.

Über mehrere Stunden wurde hin- und herverhandelt, dass diejenigen, die wollten, sich sicher unter einer weißen Fahne würden ergeben können. Ihnen wurde eine Route genannte, wie sie hinter den von der LTTE aufgeschütteten Erdhügeln hervor kommen und in die Obhut der 58. Division der srilankischen Armee zugehen sollten. Die Truppen wurden angewiesen, sie zu erwarten.

Um 8.46 Uhr am Sonntag, den 17. Mai schickte Dr. Kohona eine SMS-Nachricht an einen dritten Vermittler, der sie an Pulidevan weiterleitete.

„Geht direkt auf die Truppen zu, langsam! Mit einer weißen Fahne und befolgt dann alle Anweisungen. Die Soldaten sind nervös wegen Selbstmordattentätern.“

Um 6.30 Uhr am nächsten Tag, gingen Pulidevan und Nadesan, jeweils mit einer weißen Fahne über dem Kopf, gefolgt von einer Gruppe von etwa 15 Menschen, inklusive ihrer Familien, aus ihrem Versteck heraus auf die 58. Division (unter Kommandeur Shavendra Silva) zu.

Ein tamilischer Mann, der damals im Kriegsgebiet war und die Gruppe beobachtete – er ist seither aus Sri Lanka geflohen, und bat darum, seinen Namen aus Angst vor Repressalien nicht zu nennen – sagte dieser Zeitung, dass sie so gingen, wie angewiesen und dass niemand von ihnen bewaffnet ware.

„Ich sah sie mit meinen eigenen Augen. Pulidevan und Nadesan und dann hinter ihnen die anderen Leute. Ich sah sie in Richtung der Soldaten gehen, zu Fuß. Die Soldaten hatten Lastwagen, sie nahmen die Menschen mit hinter den einen Lastwagen und dann hinter einen Sandhügel, wir konnten sie nicht mehr sehen. Dann hörten wir nur Schüsse, und wie die Leute schrien. Die Schüsse waren in schneller Folge, wie von einem Maschinengewehr.“

Andere Berichte von diesem Zeitpunkt, besagen, dass die Frau von Nadesan, eine ebenfalls kapitulierende Tamilin, den Truppen in deren Muttersprache Singhalesisch zurief: „Er versucht, sich zu ergeben, und ihr schießt auf ihn!“

Der Tod von Pulidevan und Nadesan wurden innerhalb einer halben Stunde vermeldet. Der Körper von Nadesans Frau wurde ebenfalls aufgefunden, hieß es, ebenfalls erschossen

Der Krieg endete an diesem Tag.

Die Leichen von einigen von denen, die aufgegeben wollten, wurden in den Tagen danach gefunden, aber viele wurden es nicht. Es wird angenommen, dass keiner von denen, die sich ergeben wollten, überlebt haben.

Dr. Kohona sagte dieser Zeitung gegenüber, seine SMS sei keine Verhandlungen mit den Tigers gewesen. „Ich habe gesagt, dass … kategorisch, als Außenminister von Sri Lanka, hatte ich nie die Autorität inne, den Truppen Befehle auszustellen oder über die Kapitulation von Terroristen zu diskutieren, entweder direkt noch indirekt.“

Er wolle nicht „ehrlich glauben,“ dass ein Versuch von der Gruppe unternommen wurde, sich zu ergeben.

„Der Text ist wahrscheinlich in Reaktion auf eine Anfrage gewesen, aber nicht von jedermann, der mit der LTTE in Verbindung stand. Dies war nicht der Versuch, eine Kapitulation zu arrangieren, ich hatte nicht die Autorität das zu tun.“

„In meinem Verständnis ist dies so, wie Kapitulationen in der Regel stattfinden. Dies war der ganze Rat, den ich geben konnte.“

Diese Zeitung erfuhr von drei unabhängigen Quellen, dass die Nachricht von Dr. Kohona an einen Dritten geschickt worden war als direkte Antwort auf ein Angebot von Pulidevan einer Kapitulation. Die Nachricht wurde unverändert an Pulidevan weitergegeben.

Und während Palitha Kohona als wichtiger Akteur in den Verhandlungen galt, tauchen nun Beweise auf, dass die geplante Kapitulation der Tigers auf höchster Ebene der gesamten srilankischen Regierung und dem Militär bekannt war.

Der Bericht an den UN-Generalsekretär über die Führung des Krieges, im letzten Monat veröffentlicht, befand: „Beide [der srilankische] Präsident [Mahinda] Rajapaksa und [sein Bruder] Verteidigungsstaatssekretär Gotabhaya Rajapaksa versicherten, dass ihre Kapitulation akzeptiert werden würde.“

„Diese Zusage wurden von Vermittlern an die LTTE-Führer weitergegeben; ihnen wurde empfohlen, eine weiße Flagge zu hissen und langsam in Richtung der Armee zu gehen, auf einer bestimmten Route, die von [Gotabhaya] Rajapaksa angegeben wurde.“

Veröffentlichte Depechen der US-Botschaft zeigen, dass Norwegens Botschafter in regelmäßigem Kontakt mit Führern der Tamil Tigers und mit Gotabhaya Rajapaksa war; er drängt die Regierung, eine Kapitulation zu akzeptieren.

Und eine Aussage eines leitenden Offiziers der Armee, die von dieser Zeitung eingesehen wurde, besagt dass es Anweisungen von einem Feldherrn gab, „sie loszuwerden, die LTTE-Kader, die sich zu ergeben, ohne Einhaltung der normalen Verfahren.“

Die srilankische Regierung behauptet, die Aufgabe willigen Tamilen seien durch andere Kader erschossen, weil sie desertierten. Die Regierung sagt, sie haben eine humanitäre Rettungsaktion verfolgt.

Vermutliche Leiche von Nadesan

Dr. Kohona selbst adressiert den UN-Sicherheitsrat in dieser Woche, und sagte, dass am Ende des Krieges, „die Regierung eine ‚Null zivile Opfer‘-Politik unterhielt.“

Er sagte unserer Zeitung, er habe „absolut keine Ahnung“, wie Pulidevan und Nadesan starben.

„Diese Version [in dem Bericht an die UN präsentiert] dürfte ein bequemer Zugang zu Klagen wegen kriminellen Verhaltens sein. Die verbleibende Rumpf-LTTE macht Überstunden um nach dem letzten Strohhalm zu klammern, um selbst zu bekommen.“

Der Bericht des UN-Generalsekretär beschriebt zahlreiche Vorfälle in der letzten Phase des Krieges. Der Bericht kommt zu dem Schluss, es sei „unmöglich, die Versionen der Ereignisse der Regierung von Sri Lanka zu akzeptieren.“

Vermutliche Leiche von Pulidevan

***

Dieser Artikel war Inhalt einer Beschwerde vor dem Australischen Presserat, eingereicht durch einen gewissen „Harshula“ – der Mann wollte ungenannt bleiben. Der Presserat bemängelt, dass in dem Artikel, die im Bericht an die UN genannte Unzuverlässigkeit der Aussagen der srilankischen Regierung sich nich ausdrücklich auf den „White Flag“ Fall bezog. Außerdem wurde bemängelt, dass in dem Artikel selbst nicht darauf hingewiesen wurde, dass die Eingabe an den Internationalen Gerichtshof nicht durch eine offizielle Behörde oder Gericht erfolgt sei, sondern durch eine tamilische Organisation.

Der Presserat bemängelte außerdem zwei weitere Fehler, die jedoch in späteren Ausgaben der Online-Ausgabe verbessert und entsprechend angezeichnet wurden. (Basil und Gotabhaya Rajpaksa wurden an einer Stelle verwechselt, an anderer Stelle Pulidevans mit Nedesans Ehefrau).

Der Presserat begrüßte, dass die Zeitung dem Beschwerdeführer Gelegenheit und Platz bot, seine Meinung und Ansicht zu äußern. (Er nahm jedoch von diesem Angebot keinen Gebrauch). Der Presserat beendete, dass man die Beschwerde nachvollziehen könne, besonders bei einem Thema, das so heikel sei, wie dieses.

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