Tsunami: Helmut Kohls unerfüllter Traum

Von Dr. Tilak S. Fernando – übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion vom 7. August 2017

Colombo – Nach dem kürzlichen Tod des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl sind neue Details über sein dramatisches Überleben des Killer-Tsunamis am 26. Dezember 2004 aufgetaucht. Kohl war damals 74 Jahre alt. Kohls Überleben des Tsunamis in Sri Lanka war in verschiedenen Medien und Foren verbreitet worden, in den deutschen Medien genauso, wie von der Associated Press (aber auch anderen Agenturen), mit jeweils leichten Abweichung beschrieben.

Kohl war mit einigen Freunden während der Weihnachtsferien nach Sri Lanka gereist und hatte beschlossen, sich in einem beliebten Touristenhotel im Süden der Insel einzubuchen, das bekannt ist für die dort angebotene Ayurveda-Therapie.

Er beobachtete am Morgen des 26.12.20104 vom dritten Stockes des Hotel aus eine titanische Welle, die mit einer ungeheuren Kraft aufstieg, die das Meerwasser unter ihm brodeln ließ und hörte vorher ein unheimliches Geräusch.

Als die Wassermassen in Höhe der zweiten Etage stiegen, musste Kohl schleunigst das Gebäude verlassen. Es gibt verschiedene Beschreibungen über seine Rettung und sein Überleben. Aber nach den Berichten von Augenzeugen, wie dieser Autor im letzten Monat besuchte, waren es Einheimische, die Dr. Kohl aus dem Wasser retteten und ihn anschließend ein paar Tage behüteten; solange, bis er per Hubschrauber nach Colombo und danach ausgeflogen werden konnte.

Anscheinend hatte die deutsche Regierung gewollt, dass er sich sofort aus der Katastrophenzone bewege; doch Kohl hatte sich offenbar vehement geweigert, zu gehen und blieb zurück, um das gesamte Ausmaß des Schadens selbst zu sehen. Und er versprach, Sri Lanka und den Opfern zu helfen, Unterstützung und Mittel für die betroffenen Menschen und Kinder in der Gegend zu organisieren.

Die Katastrophe

Unmittelbar nach der Katastrophe hielt sich Dr. Helmut Kohl ein paar Tage lang in Galle auf, dem nächstgelegenen größere Ort, wanderte umher und besah sich die immensen Schäden; unter anderem sah er auch das Ausmaß der Verwüstung, die das Mahamodera Maternity Teaching Hospital heimgesucht hatte. Nach Angaben von Anwohnern sowie einigen Angestellten des Krankenhauses überzeugte ein Ayurveda-Arzt, der bei dem dem Tsunami zwei seiner Söhne verloren hatte, Kohl davon, das beschädigte Krankenhaus mit einem Wiederaufbau zu helfen; angeblich hatte Kohl ursprünglich geplant, ein völlig neues Gebäude zu errichten, und das ohne großes Federlesen.

Das Mahamodera Maternity Lehr-Krankenhaus in Galle ist ein großer Komplex mit etwa 400 Betten. Das Krankenhaus ist eine bekannte Anlaufstelle im Süden Sri Lankas, spezialisiert auf Mütter-und Kindergesundheit, die Bereitstellung von mütterlichen Pflege, neonatale Betreuung sowie die Ausbildung von Medizinstudenten, Krankenschwestern, Hebammen und Doktoranden, die in den Bereichen Geburtshilfe, Gynäkologie, Neonatologie und Subfruchtbarkeit studieren und arbeiten.

Die AuSLMAT-Beteiligung

Ein Team von Ärzten, geführt von Dr. Quintus de Zylva, kam am 27. Dezember 2004 in Sri Lanka von Australien an, gesponsert von Quantas Airlines, über die Malediven nach Colombo kommend. Nach der Landung in Colombo mussten das Ärzteteam einen mühevollen Umweg über das Inland einschlagen, um nach Galle zu gelangen, da der größere Teil der Küstenstraße, die Colombo mit Galle direkt verbindet, weggespült worden war. Die ausführliche Beschreibung des Einsatzes von Dr. de Zylva und dessen Team in Sri Lanka in der örtlichen Presse erweckte große Sympathie für Tsunami-Opfer in Australien.

In der Folge wurde AuSLMAT (Australien Sri Lanka Medical Aid Team) schon bald nach dem Tsunami gebildet, um im Kapazitätsaufbau zu helfen und Ausrüstung und Hilfe für Sri Lanka zur Verfügung zu stellen. Mitglieder der AuSLMAT besuchen seither Sri Lanka ein- oder zweimal jährlich um nach den Fortschritten ihrer Bemühungen zu sehen. Seit der Tsunmai-Katastrophe 2004 haben die AuSLMAT-Mitglieder mehr als dreißig Ausflüge nach Sri Lanka gemacht und besuchte dabei Gebiete wie Batticaloa, Valaichennai, Yala, Matara, Akuressa, Weligama und Galle. AuSLMAT hat maßgeblich auch zur Errichtung des Cath-Labors (Katheterisierung) und des Notrufzentrums im Karapitiya-Krankenhaus beigetragen.

Am 3. Juli 2017 kam Dr. Quintus de Zylva wieder einmal in Sri Lanka mit einem Team von Spezialisten an. U.a. präsentierte er dem medizinischen Personal am Karapitiya Krankenhaus vom 3. Juli bis 5. Juli Diskurse über die interventionelle Kardiologie (ein Bereich der Kardiologie, der sich speziell mit der katheterbasierten Behandlung von strukturellen Herzerkrankungen befasst). Dr. Jennifer Johns AuSLMAT-Team hielt einen Vortrag über „Herzversagen“ am Matara Hospitaleinen. Danach besuchte das Team das Akuressa Hospital, ein weiteres Krankenhaus ist, das AuSLMAT aktiv unterstützt. Schließlich besuchte das Team die Krankenhäuser in Batticaloa und Valaichennai.

Anjala – das Tsunami-Baby

Unmittelbar vor dem Tsunami-Chaos war eine einheimische Frau namens Rohini im einem Zustand einer fortgeschrittenen Schwangerschaft zum Balapitiya-Krankenhaus gefahren worden – in einem Tuktuk.

Von dort hatte sie das Krankenhauspersonal nach Galle gebracht, weil ihr Blutdruck zu hoch war. Dr. Samarasinghe, ausgebildet in Geburtshilfe und Gynäkologie in Neuseeland, war seit einiger Zeit in einem peripher gelegnem Krankenhaus bei Matara tätig. An diesem unheilvollen Morgen führte er einen Notfall-Kaiserschnitt bei Rohini durch – just in dem Moment als das Wasser das Krankenhaus überflutete und die Stromversorgung vollständig zusammenbrach.

Obwohl das Licht im OP urplötzlich ausfiel, schaffte es Dr. Samarasinghe, die Operation erfolgreich abzuschließen und das Baby erblickte mit Hilfe von Fackeln das Licht der Welt.

Als der Wasserstand weiter stieg, wurden das neugeborene Baby und Mutter Rohini mittels eines Krankenwagens zum (höhergelegenen) Karapitiya-Krankenhaus gebracht Das neugeborene, gesunde, helläugige Mädchen sollte Anjala genannt werden.

AuSLMAT hat seither ständig in Verbindung mit Rohini, und jedes Mal, wenn das Team Sri Lanka besuchte, haben Mutter und Tochter Anjala das AuSLMAT-Team zum Danke getroffen. Angela wird am 26. Dezember 2017 13 und ein Fahrrad zum Geburtstags ist ihr größter Wunsch.

Als Dr. Quintus de Zylva von ihrem Wunsch hörte, arrangierte er mit Hilfe seiner einheimischen philanthropischen Freunde, Valarie und Peter Weerakoon, ein brandneues Fahrrad für Anjalas Geburtstag, ein Datum, das mit dem Hochzeitstag des großzügigen Spendenpaars zusammenzufällt.

Rohini und Angela besuchten das AuSLMAT-Team am Calamander Unwatuna Beach Resort am 7. Juli 2017 wegen der feierlichen Präsentation von Anjalas (verfrühtem) Geburtstagsgeschenks. AuSLMAT hat außerdem die Verantwortung übernommen, Anjala bei ihrerAusbildung zu unterstützen, derzeit besucht sie eine örtliche Schule.

Kohls Vision

Dr. Helmut Kohl verpflichtete sich dann doch, ein nagelneues Mutterschaftskrankenhaus zugunsten der Menschen von Matara zu bauen. Die Dr.-Helmut-Kohl-Stiftung wies die erforderlichen Mittel an und die Arbeit begann im Jahr 2006 auf einem insgesamt vier Hektar großem Grundstück, das vom Amt für Bewässerung in Karapitiya gehörte. Doch neun Monate nach Beginn der Arbeiten kamen diese zu einem abrupten Stopp inmitten von Anschuldigungen von Fehlverhalten, Korruption, Ineffizienz und Gleichgültigkeit seitens der Gesundheitsbehörden sowie der örtlichen Baufirma, welche die Mittel der Dr.-Helmut-Kohl-Stiftung koordinieren sollte, aber offenbar Geld nach Lust und Laune ausgab.

Als dieser Autor die Baustelle und Karapitiya und Helmut Kohls Krankenhaus letzter Monat besuchte, konnte er nur sehen, dass das neue Gebäude etwa bis Dachhöhe erreicht ist, und das gesamt Projekt sich nach 13 Jahren Baustelle offensichtlich in einem desolaten Zustand befindet. Die Kosten für das neue Krankenhaus mit 600 Betten waren mit rund 900 Millionen srilankische Rupien angesetzt. Eigentlich mehr als genug.

Der Wachmann am Eingang des Karapitiya-Krankenhauses erlaubt es niemandem, auch nicht den Vertretern von AuSLMAT, das Krankenhausgebäude zu betreten, angeblich, weil eine deutsche Delegation da sei.

Der Wachmann behauptete auch, dass die deutsche Botschaft in Colombo zurzeit dabei sei, die Fortsetzung des Projekts in Zusammenarbeit mit der Regierung Sri Lankas voran zutreiben. Er erlaubte es niemandem, das halb fertige Krankenhausgebäude zu fotografieren. Immerhin gelang es dem Autoren dieses Bericht, ein Foto von außen zu machen, wo an der Begrenzungsmauer ein Banner mit Helmut Kohls Bild hängt mit der Aufschrift: „Helmut Kohl, Gründer des Mutterschaftskrankenhauses, möge er in Frieden ruhen“.

Das übliche Muster in Sri Lanka: sich gegenseitig beschuldigende Parteien, die alle nichts tun – seien es Vertreter des abgelösten Rajapaksa-Regimes oder die offenbar interesselose neue „Yahapalanaya“-Regierung unter Sirisena. Während es die Öffentlichkeit ist, die die Hauptlast aller parteipolitischen Sünden ertragen muss…

Es ist sehr schade, dass das neue Karapitiya Maternity Teaching Hospital vor dem Ableben von Helmut Kohl nicht fertig gebaut werden konnte – unnötig zu sagen, dass dieser großzügige Deutsche der glücklichste Mensch auf der Erde gewesen wäre, hätte er noch auf seine letzten Tage sehen können, wie die Menschen von Galle, die ihn vor dem Tsunami gerettet hatten, von seiner Philanthropie profitieren.

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Kontakt zum Autor:
Tilakfernando@gmail.com

 

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