Wurde LTTE-Kader in Haft systematisch vergiftet?

Von der LTTEwatch-Redaktion vom 2. Oktober 2016

Colombo – Ehemalige LTTE-Mitglieder beschuldigen die srilankische Armee, sie während ihrer Zeit in „Rehabilitations-Haft“ nach dem Ende des Krieges im Mai 2009 systematisch vergiftet zu haben.

Bereits letzten Monat haben eine Reihe dieser ehemaligen LTTE-Kader gegenüber dem Sekretariat für die Koordinierung von Schlichtungsmechanismen (Secretariat for Coordinating Reconciliation Mechanisms = SCRM) ausgesagt,  sie seien getäuscht worden und man habe ihnen in der Haft nicht identifizierte Substanzen injiziert. Die Militärärzte hätten ihnen erzählt, sie wurden gegen eine Reihe von Virusinfektionen geimpft – einschließlich gegen AIDS, obwohl es derzeit keinen solchen Impfstoff gibt.

Die Ex-Kader behaupteten auch, mit den täglichen Essenrationen vergiftet worden zu sein, unter Hinweis darauf, dass die Soldaten, die zu ihrer Bewachung geordert waren, nicht die gleiche Nahrung bekamen. In den vergangenen Jahren seit dem Krieg und der zumeist einjährigen Rehabilitationszeit seien über 100 Ex-Kader an nicht näher bezeichnete Krankheiten gestorben; bei einigen lautete die Diagnose Krebs.

Die Bestürzung der tamilische Bevölkerung über diese Behauptungen ist groß. Hunderttausende von Menschen waren nach dem Krieg in Gefangenenlagern interniert worden. Die heutige Regierung von Sri Lanka hat die Vorwürfe vehement zurückgewiesen.

Die TNA hat seit bekanntwerden der Vorwürfe ihre Linie geändert. Zunächst forderte diese Vereinigung von verschiedenen tamilischen Splittergruppen lautstark „internationale Untersuchungen“.

Doch vor zwei Wochen machte ein wichtiger Vertreter der TNA eine Rückzieher, wies die Vorwürfe zurück und unterstützte nun die Dementis der Regierung

Der zweite Mann in der TNA, Anwalt Mathiaparanan Abraham Sumanthiran sagte: „Wir konnten keinen einzigen Zeugen finden, um zu bestätigen, dass ehemalige Mitglieder der LTTE tödliche Injektionen erhalten haben. Es wurde berichtet, dass mehr als 100 Menschen durch tödliche Injektionen ihr Leben verloren haben, aber wir waren nicht in der Lage, diese Behauptung zu stützen.“

Am 9. August, inmitten der wachsenden Wut der Bevölkerung verabschiedete der Bezirksrat der Nordprovinz (NPC) trotzdem eine Resolution, die dazu auffordert, die Ex-LTTE-Kämpfer von ausländischen Ärzten untersuchen zu lassen. Dies offenbar aus er Befürchtung heraus, dass heimische Ärzte möglicherweise unter Druck des Militärs stehen, anderslautende Untersuchungsergebnisse zu präsentieren. Die Regierung wies die Resolution in Teilen zurück und fordert Ärzte aus der Region auf, diese Untersuchungen durchzuführen.

Krankenhäuser in der nördlichen Provinz richteten ordnungsgemäß Untersuchungsräume für die Überprüfungen ein. Doch von den über 12.000 ehemals inhaftierten LTTE-Kämpfern kam nur ganz 96 – weil Militär- und Geheimdienstpersonal die fraglichen Krankenhäusern überwachten?

Die „Rehabilitations-“Zentren für ehemalige LTTE-Kader wurden unter dem berüchtigten „Prevention of Terrorism Act“ (Gesetz zur Verhinderung von Terrorismus) ermöglicht, das derzeit überarbeitet wird. Ohne förmliche Anklage wurde den damals Inhaftierten die Grundrechte verweigert und beschränkt, es gab für sie keine Möglichkeit ihre Inhaftierung anzufechten.

Die International Bar Association, eine internationale Vereinigung von Anwälten gab 2015 eine Erklärung dazu ab: „Die Häftlinge (in den Reha-Zentren) wurden oft verhört, um  Geständnisse zu erpressen und um Informationen zu sozialen und politischen tamilischen Netzwerke zu gewinnen. Etwa ein Viertel der Befragten erlebte Folter oder grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung.“

Sarath Fonseka, der den Krieg im Jahre 2009 als Kommandeur der srilankischen Armee zu Ende führte, hat bisher keine Aussage zu den Vorwürfen gemacht. Er wurde von Präsident Sirisena im März 2015 zum erste Feldmarschall in Sri Lanka Geschichte gefördert – nachdem ihn Sirisenas Vorgänger Rajapaksa erst als Kriegsheld feierte und dann, als Fonseka gegen ihn in der Präsidentschaftswahl antrat, als „Verräter“ ins Gefängnis zu werfen. Im Februar 2016 machte Präsident Maithripala Sirisena Feldmarschall Fonseka schließlich zum Minister für regionale Entwicklung.

In Anbetracht der gewalttätigen Historie srilankischer Regierungen und des srilankischen Militärs erscheinen auch die Vergiftungs-Behauptungen durchaus möglich.

Während des Aufstands der JVP in den späten 80er Jahren wurden Tausende von singhalesischen Jugendlichen massakriert und mehrere Tausend andere „verschwunden“ in Militärgewahrsam.

Die Regierung bestätigte vor kurzem, dass diese „Verschwundenen“ wohl getötet worden seien, und stellte „Bescheinigungen über die Abwesenheit“ an die Verwandten von über 65.000 Singhalesen und Tamilen aus, die seit mehr als 30 Jahren als „vermisst“ gelten.

Im September 2011 veranstaltete der geschaßte Ex-Präsident Mahinda Rajapaksa eine Zeremonie im pompösen Amtssitz „Temple Trees“ um die erste Gruppe von 1800 „rehabilitierten“ Ex-Kadern offiziell zu befreien. Er vergab „Zertifikate“ für den „erfolgreichen Abschluss der Rehabilitation“ – in Anwesenheit der damaligen US-Botschafterin Patricia Butenis, dem indischen Hochkommissar Ashok Kantha und dem britischen Hochkommissar John Rankin.

Im Jahr 2014, bei ihrem Abschied von der Insel, lobte Butenis das Rajapaksa-Regime und erklärte: „Die Regierung hat auch große Fortschritte bei der Rehabilitation von Ex-Kombattanten gemacht.“

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