Geheimpapier entlarvt Rajapaksas gewollte Angst Psychose

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion aus Al-Jazeera vom 5. März 2015

Colombo – Im November 2010 äußerte ein srilankischen Parlamentsmitglied seine Bestürzung, als eine kleine Statue von einem Anführer der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) auf einem privaten Grundstück in einem Vorort von Paris errichtet wurde. Es sei ein alarmierendes Zeichen, sagte Sarath Weerasekara, ein pensionierter Konteradmiral der srilankischen Marine, dass die LTTE, eine bewaffnete Untergrundorganisation, die in Sri Lanka im Jahr 2009 entscheidend besiegt wurde, sich vielleicht sogar in anderen Ländern neu gruppiere.

„Das eine Bein (der neugruppierten LTTE) ist in Amerika und das andere in Frankreich“, sagte Weerasekera in einer Erklärung im Parlament. „Der Kopf ist in Norwegen und die anderen Körperteilen sind in Australien oder Südafrika.“ Weerasekeras Rhetorik stand im Einklang mit den Ansichten der damaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa-Regierung, die immer wieder vor der angeblichen  Bedrohung durch Unterstützer der LTTE-Organisation im Ausland warnte, selbst nachdem die separatistische Terrorgruppe von der Armee Sri Lankas auf der Insel zermalmt worden war.

Doch Monate vor Weerasekeras Rede wurde der srilankischen Regierung unter Rajapaksa ganz deutlich gesagt, dass, zumindest im Fall von Südafrika, die LTTE keinerlei Bedrohung darstelle; dies laut einer geheimen Nachrichtendienst-Mitteilung, die der Recherche-Abteilung von Al Jazeera vorliegt.

In dieser Mitteilung vom 9. Juni 2010 antwortet Südafrikas Staatssicherheitsagentur (SSA) auf eine Anfrage nach Informationen über verschiedene Fälle von angeblichen LTTE-Aktivitäten in Südafrika – von einem angeblichen Truppenübungs-Camp, das im Mai 2010 abgehalten worden sein soll, bis hin zu dem Verdacht, dass lokalen tamilische Organisationen mit der erneuten Geldbeschaffung für die LTTE beschäftigt seien sowie Anschuldigungen, das Mitglieder der LTTE in Kontakt mit ehemaligen Mitgliedern des südafrikanischen Militärs stünden.

In jedem dieser „Fälle“ aber stellte der südafrikanischen Geheimdienst nachdrücklich fest, dass es keinerlei Anzeichen von LTTE-Aktivitäten oder solche der Unterstützung der LTTE innerhalb Südafrikas gebe. „Die LTTE hat keine Niederlassungen noch bekannte Vertreter in Südafrika,“ so die Mitteilung der SSA an die srilankische Regierung unter Rajapaksa.

Und doch warnten die Beamten der Rajapaksa Regierung auch weiterhin in glühendsten Farben vor der Bedrohung durch die LTTE in Südafrika.

Im Juli 2011 etwa, behauptete ein Minister des Rajapaksa Regimes, Wimal Weerawansa, in einem Zeitungsinterview, Südafrika weigere sich deshalb, Sri Lanka zu helfen gegen eine Untersuchung seines Verhaltens im Krieg durch die Vereinten Nationen, weil es „stark von Tamil separatistische Ideologie beeinflusst“ sei…

Im September 2011 behauptete General-Major Shavendra Silva, ein hochrangiger Kommandeur der srilankischen Bodentruppen während der letzten Phase des Krieges, und danach, bis Dezember 2014, Mitglied der Delegation des Landes bei den Vereinten Nationen, dass die Frau eines hohen LTTE -Offiziellen „in den letzten Kriegstagen aus dem Land nach Südafrika geflohen ist und seither dort lebt.“ Beweise für seine Behauptung legte der General-Major jedoch nie vor…

Im Februar 2012, behauptete ein Beamter von Sri Lankas Außenministeriums gegenüber dem Sunday Observer, dass sein Ministerium vor kurzem Warnungen über LTTE-Propaganda an mehrere Länder geschickt habe, darunter Südafrika, „wo die LTTE-Aktivitäten signifikant hoch sind“…

Diese Kommentare wiederholten lediglich die Ansicht des damaligen Verteidigungsstaatssekretärs und Präsidentenbruders Gotabhaya Rajapaksa, der stets behauptete, die LTTE in der Diaspora sei das hauptsächliche Sicherheitsproblem Sri Lankas. „Es gibt Ex-LTTE-Kader, pro-LTTE-Aktivisten und Sympathisanten der LTTE, die noch immer in verschiedenen Tarnungen und in verschiedenen verdeckten Gruppen in vielen Ländern auf der ganzen Welt tätig sind“, sagte er in einer Rede im Jahr 2012.

Rajitha Senaratne, ein Kabinettsminister in der derzeitigen Regierung von Sri Lanka, aber auch  Minister während der Mahinda Rajapaksa-Regierung, versuchte die Geheimdienstmitteilung herunterzuspielen. Er sagte, es sei üblich, dass Sri Lanka auf solche Anfragen an ausländische Regierungen richte. „Das ist das übliche Vorgehen“, sagte er gegenüber Al Jazeera.

Das srilankische Außenministerium reagiert erst gar nicht auf mehrere telefonische und per E-Mail gestellte Anfragen von Al Jazeera mit der Bitte um eine Stellungnahme.

Das Büro des neuen Außenministers Mangala Samaraweera sagte, man sei nicht über diese Frage informiert worden und könne deshalb nicht kommentieren.

Während des Höhepunkts ihre Macht in den 1980er und 1990er Jahren konnte sich die LTTE auf die politische und finanzielle Unterstützung der tamilischen Diaspora in Südafrika und anderer Länder mit viel größeren srilankisch-tamilische Bevölkerungen verlassen, wie beispielsweise in Großbritannien und Kanada. „Es gab damals langjährige, sehr gewichtige Verbindungen zwischen Diaspora-Organisationen und den Aktivitäten der LTTE, als es die LTTE noch gab“, sagte Alan Keenan, „Sri Lanka Senior Analyst“ für die International Crisis Group (ICG) in London. „Ganz gewiss war die Diaspora damals ein absolut wesentlicher Bestandteil der LTTE-Maschinerie.“

Die SSA-Mitteilung quittiert diesen Punkt, unter Hinweis darauf, dass es „Kontakte zwischen den örtlichen tamilischen Organisationen in Südafrika und ähnlichen Organisationen in anderen Ländern, einschließlich der LTTE, in der Vergangenheit gegeben hat.“

Doch Experten des Konflikts in Sri Lanka haben wenig Anzeichen für eine Wiederbelebung seit der militärisch vernichtenden Niederlage der LTTE gefunden. „Es gibt kaum eine Chance, dass die Tamil  Tigers sich in der Diaspora neu gruppieren“, so ein Bericht des ICG im Februar 2010. „Alle LTTE-Führer in Sri Lanka sind tot oder gefangen, und die überseeischen Strukturen sind in kompletter Unordnung.“

Muttukrishna Sarvananthan, ein Wirtschaftswissenschaftler und Gründer des Point Pedro Institute of Development in Jaffna, Sri Lanka, erklärte, dass die Gruppe sehr stark zentralisiert gewesen sei, mit fast der ganzen Macht bei ihrem vergötterten Führer Velupillai Prabhakaran, der jedoch während der Kämpfe im Jahr 2009 getötet wurde. „Als er weg war, fiel alles in sich zusammen“, sagt Sarvanathan.

Doch Ex-Präsident Rajapaksa hatte ein inländisches Interesse daran, die angebliche Bedrohung hochzuhalten. Sein Regime verwendet die angebliche Bedrohung, als eine Art „Angst-Psychose“, so Sarvananthan, um Wahlen zu gewinnen. Das Rajapaksa Regime pflegte seine nationalistische Rhetorik damit und rechtfertigte nebenbei damit die enormen Ausgaben für das Militär, dessen unglaubliches $ 2.300.000.000 Budget jedes Jahr weiter erhöht wurden – nach dem Ende des Krieges. „Die Rajapaksas nutzten diese Angst-Psychose zum Aufbau einer echten dynastische Herrschaft“, sagt Sarvananthan.

Auf internationaler Ebene erhoffte sich die srilankische Regierung unter Rajapaksa damit, die Stimmen der tamilischen Diaspora zum Verstummen zu bringen, welche die Armee wegen angeblicher Missbräuche in den letzten Monaten des Krieges hart kritisierte. „Die Diaspora stellte für sie eine Bedrohung dar, weil sie gewisse Probleme immer wieder zur Sprache brachten“, sagt Keenan. „So war es aus ihrer Sicht durchaus sinnvoll, die tamilische Diaspora in einer Weise abzustempeln, die sie delegitimisieren sollte.“

Die prominenteste dieser Stimmen gehörte einer südafrikanische Frau, nämlich Navi Pillay, die damalige Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte (von 2008 bis 2014).

Im Jahr 2010 versuchte Sri Lanka verzweifelt, die Vereinten Nationen von der Ermächtigung eine Expertenrunde abzuhalten, welche die latenten Vorwürfe schrecklicher Verbrechen untersuchen sollte, die angeblich durch Angehörige des srilankischen Militärs am Ende des Krieges begangen wurden. Sri Lankas Dauer-Argument dabei war, dass das Panel von LTTE-Propaganda in der Diaspora beeinflusst sei.

Während Pillay ungerührt das Problem vor den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen brachte, wurde die Kritik gegen sie als „Werkzeug der LTTE“ immer persönlicher. „Pillays südafrikanisch-tamilische Herkunft war etwas, auf das endlos eingehackt wurde“, sagt Keenan.

Als Pillay schließlich auf einer Fakt-Findungs-Mission im August 2013 nach Sri Lanka reiste,  intensivierten sich die verbalen Anschläge, mit drei von Rajapaksas Ministern an vorderster Front. „Sie haben behauptet, ich stehe im Sold der LTTE und sei die Tamil Tigress in der UNO“, sagte Pillay empört auf einer Pressekonferenz während ihrer Reise. „Das ist nicht nur komplett falsch, es ist auch zutiefst beleidigend.“

Während Sri Lanka auch weiterhin die angebliche Bedrohung durch die LTTE aus Südafrika hochspielte, behauptete das Rajapakasa Regime ironischerweise gleichzeitig, man habe Inspiration aus Südafrika und deren Nach-Apartheid Wahrheits- und Versöhnungskommission erhalten und sei bei der Schaffung der eigenen, „Gelernten Lektionen- und Versöhnungkommission“ (LLRC), um den Krieg zu untersuchen, diesem Beispiel gefolgt. „Das Rajapaksa Regime wollte auf jeden Fall die Legitimität, die mit Südafrikas Name verbunden ist für jede Art von versöhnungsbezogenen Prozess bekommen“, sagt Keenan.

Kritiker sagten, dass Südafrika sich von Sri Lankas Nachkriegsbemühungen distanzieren möge, weil der LLRC wahre Unabhängigkeit fehle und wegen anhaltenden Feindseligkeiten gegenüber Minderheiten der srilankischen Regierung. „Das Rajapaksa Regime versuchte, die narrative Lufthoheit innerhalb wie auch außerhalb des Landes zu kontrollieren, und reagierte wütend auf jede Herausforderung der offiziellen Version der eigenen Kriegslegende“, schrieb Louise Arbour, die ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, im Jahr 2011.

Letztlich war Sri Lanka nicht imstande, sich die Unterstützung Südafrikas zu sichern und Rajapaksa und sein Clan wurden kürzlich abgewählt – nicht wegen des Verhaltens seiner Regierung während des Krieges, sondern wegen der wachsenden Frustrationen über Vetternwirtschaft und die unter seiner Ägide ausufernde Korruption.

Ein erneuter Bericht des UN-Menschenrechtsrates über Kriegsverbrechen-Vorwürfe an Sri Lanka sollte in diesem Monat veröffentlicht werden, doch die neue Regierung argumentierte erfolgreich für eine sechsmonatige Verzögerung und versprach mehr Zusammenarbeit und Transparenz mit internationalen Forschern in diesem Belang.

Der neue Präsident des Landes, Maithripala Sirisena, hat die harte Kriegs-Rhetorik seines Vorgängers abgelegt und versucht, einmal mehr, die Beziehungen mit Südafrika wieder aufzubauen. Eine Handvoll südafrikanischer Beamter kam in der vergangenen Woche nach Colombo, um die (wahren) Lehren der südafrikanischen „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ mit ihren srilankischen Kollegen zu teilen.

Doch der stellvertretende Außenminister Sri Lankas, Ajith Perera, wies vorsorglich schon mal darauf hin, dass das Land seinen eigenen Weg der Versöhnung zu gehen gedenke. „Wir haben ein eigenes, srilankisches Modell im Auge“, sagte er.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s