SL-Journos: Zeit der Schere im Kopf ist vorbei!

Von der LTTEwatch-Redaktion vom 14. Januar 2015

Von J. Henry Stendhal

Colombo – Es war gefährlich unter dem Regime der Rajapaksas Journalist oder Redakteur zu sein. Schnell sprach es sich in der schreibenden Zunft herum, dass jeder, der kritisch über den Ex-Präsidenten und seinen Clan zu berichtet, Karriere, Gesundheit, Leib und Leben aufs Spiel setzt; das galt auch für Angehörige – so konnte man selbst bei Journalisten, die ins Ausland flohen, verhindern, dass sie von dort aus renitent wurden. Sippenhaft: Ein Methode, die schon die Nazis erfolgreich gegen ihre „inneren“ Feinde einsetzten.

Zudem mischte das Regime aktiv auf dem Medienmarkt mit, oft wechselten ganze Medienhäuser über Nacht den Besitzer, diese oft genug Strohmänner der Rajapaksas.

Die Folgen waren verheerend, nicht nur in qualitativer Hinsicht. Generell sank der Medienkonsum in Sri Lanka. Kein Wunder, wenn alle das selbe schrieben und ausstrahlten, nämlich das, was ihnen der Medienminister des Regimes in die Federn diktierte, ein ehemaliger Hotelpage, der auch gerne die „Produzentenrolle“ bei Daily Soaps übernahm.

Nur wenige Schreiber begehrten gegen immer mehr Restriktion und Themenbeschränkungen auf, viele musste bitter dafür büssen, wenn’s sie’s trotzdem wagten und einige verschwanden auf mysteriöse Weise, andere mussten sich in Todesangst ins Ausland absetzen. Und der Rest? Der schwieg, passte sich an, kuschte – oder ließ sich kaufen.

Ironischer Weise ist die Gleichschaltung der Medien in der unrühmlichen Ära Rajapaksa, die unter der Fuchtel des grotesken Verteidigungsstaatssekretärs und Präsidentenbruders Gotabhaya zu Jubelblättern und Schönrednersendern wurden, die unterhinterfragt Getürktes wie schlicht Erstunken & Erlogenes verbreiteten, letztlich auch mit verantwortlich für den tiefen Fall Mahinda Rajapaksas und seines korrupten, scheinbar über dem Gesetz stehenden Clans.

Trotz massiver, staatlich gesteuerter Wahlmanipulation: Als erster amtierender Präsident wurde er aus dem Amt gewählt – und zwar nicht nur mit der Stimme der Minderheiten (von denen er möglichst viele vom Wählen abzuhalten suchte), sondern mit den Stimmen aller Singhalesen (in Ermangelung einer treffenderen Wortes für das multiethnische Bevölkerungsgemisch, das die Insel ihre Heimat nennt).

Die Mehrheit hatte einfach genug von der zunehmend rassistisch geprägten Gebahren, der Großmanns- und Verschwendungssucht, der Selbstüberschätzung und der allgegenwärtigen Glorifizierung der Rajapaksas. Die Menschen im Lande hatten einfach genug von der Art und Weise, wie die Erste Familie Land und Leute nach Strich und Faden ausgenommen haben. Am einstigen Kriegshelden Mahinda Rajapaksa hing zum Schluß kein einziges gutes Haar mehr, er regierte mehr und mehr wie ein geldgeiler Mafiaboss, die traurige Karrikatur eines Staatsoberhauptes.

Irgendwann klafften Realität und Schönschreiberei in einem Maße auseinander, dass auch dem kleinsten Geist im Lande klar werden musste, dass da etwas grundsätzlich etwas Faul ist, im Staate Rajapaksistan. Auf der anderen Seite des Zauns glaubten Rajapaksa und Co. tatsächlich ihrer eigenen Propaganda.

Verheerend wirkte sich die allgemeine Zensur, die schon zum Ende des Krieges begann, aber vor allem aus auf die Kollegen in den Redaktionen, weil es nun eine ganze Generation von gleichgeschalteten Schreiberlingen gibt mit der berüchtigten Schere im Kopf. Schon die Nennung der journalistischen 7 Ws (nur für euch, liebe Kollegen in Sri Lanka, zur Erinnerung):

  •  1. wer (hat etwas getan)
  • 2. was (hat er denn getan)
  • 3. wo (hat er es getan)
  • 4. wann (hat er es getan)
  • 5. wie (hat er es getan)
  • 6. warum (hat er es getan)
  • 7. woher (ist die Information)

konnten den Autor im Sri Lanka unter den Rajapaksas ernsthaft in Schwierigkeiten bringen – vom Verlust des Brotbringenden Jobs ganz abgesehen.

Am 8. Januar 2015 jährte sich beispielsweise schon zum 5. Mal die öffentliche Hinrichtung des Herausgebers und Gründers des Sunday Leader, Lasantha Wickrematunge, der seine eigene Ermordung in seinem letzten Artikel vorausgesehen hat. Sein Fall ist bislang ungeklärt, verschleppt von willfahrigen Gerichten und anderen Anhängern des Rajapaksa Regimes. Nun endlich soll der Fall voll und ganz neu aufgerollt und vor Gericht geklärt werden. Oder doch nicht? Wer weiß mehr?

Dass mit diesem Gedenktag auch der (demokratisch überzeugende) Untergang jener besiegelt wurde, die an Lasanthas Tod mutmasslich Schuld tragen, ist nur eine weitere Ironie srilankischer Geschichte, die wohl einzig ist in ihrer komischen Tragik.

Das dies jedoch auch den Beginn einer neuen Zeit einläutet, scheint an vielen Kollegen in den Medien komplett vorbei gegangen zu sein. Auch scheinen sie den Worten des neuen Premiers nicht zu glauben, der da sagte, von nun an, gebe es keine Zensur, keine der berüchtigten „White Vans“ mehr, die unter den mörderischen Rajapaksas nachts vorfuhren, um Abtrünnige und Kritiker verschwinden ließen. Von nun an, könne jeder schreiben, was er wolle – so fern es der Wahrheit entspreche. Niemand mehr solle deshalb bedroht werden, die Rede- und Pressefreiheit erhalte damit wieder Einzug in die srilankische Gesellschaft.

Umgehend wurde auch die Sperrung kritischer Internetseiten von der Sirisena-Regierung aufgehoben.

Seit ein paar Tagen könnte also die Journalie Sri Lankas, der in den Augen der Welt nur noch wenig Respekt gebührt, frisch und frei von der Leber weg schrieben und berichten. Und zeigen, was noch in ihnen steckt, das, was sie eigentlich einmal gelernt hat. Doch mit „Journalismus“ hat vieles von dem, was heute in Sri Lanka verbreitet wird, nach wie vor nicht zu tun.

Denn was geschieht? Die Schmierblätter, „private“ wie „staatliche“, die noch am Tag der Wahl Halbwahrheiten, komplette Lügengespinste und vor allem Verleumdungen über den Gegenkandidat des geliebten Präsidenten Rajapaksa verbreiteten, sind nun voller Jubelgeschichten über den neuen Präsidenten. Von einem Tag auf den anderen schrumpfen Rajapaksa-Fotos auf Briefmarkengroße – wenn der ehemalige denn überhaupt noch „stattfindet“.

Dass man beispielsweise den ehemaligen Präsidenten noch scharf im Auge behalten muss, zeigen die kritischen Websites, die nun einen wahren Ansturm verzeichnen, seit die unrechtstaatliche Sperrung weg ist.

Sie berichten von einem Ex-Präsidenten, der immer noch und vor allem, mit all’ seinen Mittelnund das dürften nicht gerade wenige sein, angesichts der vielen Vorwürfe von Vorteilsannahme  – versucht, zu verhindern, dass die Schiebungen, die Erpressungen, Entführungen und Vorteilsannahmen nicht ans Tageslicht gelangen. Oder dass sein missglückter Putschversuch vor Gericht kommt. Dieser Mann scheint ernsthaft zu glauben, er bekäme noch einmal die Gelegenheit, dem Land eine diktatorische, dynatische Kleptokratie aufzudrücken.

Damit dafür auch nicht der Hauch einer Chance besteht, wären sie jetzt bitter nötig: kritische, wache, bohrend fragende Journalisten, gute Schreiber und Über-/Vermittler, die die schwierige, labile Situation in all’ ihren Aspekten und Facetten im Auge behalten.

Sri Lanka kann im Moment nur darauf hoffen, dass die Dissidenten, all’ jene, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, dass alle, die im Grunde genommen „wegen Rajapaksa“ angeben mussten bei der Einwanderung, dass sie zurück kommen und das journalistische Heft wieder in die Hand nehmen. Und auch in den Medien wieder echte Pluralität entsteht – getragen von Wissen, Weltanschauung und eigener Meinung.

Grade diese neue Regierung braucht sie, die (ernsthaften) Kritiker, die Aufdecker, die Wahrheitssucher und die Ermahner.

Denn das, was sich Maithripala Sirisena in seinem Wahlmanifest vorgenommen hat, scheint ein praktikabler, gangbarer Weg aus der tiefen Krise zu sein, in der das Land steckt, in das es während der Rajapaksa Regentschaft mit Pauken und Trompeten gerasselt ist.

In Deutschland dauerte es Jahrzehnte, bis aus Nazis Demokraten wurden. Die nationlistischen, rassistischen Geister, die Rajapaksa ins Leben rief, sein Vermächtnis, werden ihr Unwesen noch lange nach ihren Förderern treiben.

Doch um den Sirisena Weg sicher zu gehen, dazu braucht diese Regierung auch eine starke, vierte Säule, die den anderen Säulen eines funktionsfähigen Staates, der künftigen Legislative, der Exekutive und der Judikative unterstützt – und deren moralisch einwandfreie Vertreter genau auf die Finger der handelnden Personen schauen.c517

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