Die Klage des mutmasslichen Mehrfach-Mörders

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion vom 8. November 2014

von Col. R. Hariharan

Colombo – Sri Lankas stellvertretender Minister Vinayagamurthi Muralitharan, alias „Col. Karuna Amman“ in seiner früheren Inkarnation als LTTE- Kommandeur für Batticaloa, warf in einer Rede vor dem Parlament der indischen Friedenstruppe (IPKF) Vergewaltigungen und Tötungen während des Krieges gegen die LTTE in Sri Lanka zwischen 1987 und 1990 vor.

Am 4. November, behauptete er, die IPKF habe mehrere tamilische Frauen vergewaltigt und auch Tamilen getötet und „es gibt dafür Beweise“.

Natürlich hat ein Parlaments-Mitglied wie Karuna jedes Recht, die Aufmerksamkeit auf  Menschenrechtsverletzungen zu ziehen, obwohl das in diesem Fall etwa 26 Jahre zu spät geschieht. In einer Demokratie sind Menschenrechtsverletzungen, die von einer Person begangen einschließlich Angehöriger der Armee, der Polizei oder irgendeiner politischer Parteien völlig inakzeptabel und können nicht geduldet werden. Menschenrechtsverletzungen müssen immer hinterfragt werden. Menschenrechtsorganisationen in aller Welt sind zu diesem Zweck geschaffen worden.

Aber ich habe ein Problem damit, wenn ausgerechnet Karuna über Menschenrechtsverletzungen und Morde andere spricht.

Als er den Kommandeurs-Posten in Batticaloa im Jahr 1990 übernahm, verübten seine LTTE-Kader unter seinem Kommando einige der abscheulichsten Morde des gesamten Krieges an unschuldigen Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. Dazu zählt auch das Massaker an mindestens 175 Muslimen während diese in der Kattankudy Moschee beteten sowie die Tötung vieler anderer Muslime (einige Schätzungen gehen von bis zu 300 aus), einschließlich Frauen und Kindern in Kattankudy und Eravur.

Der Human Rights Watch (HRW) Bericht vom 28. März 2013 listet Karunas andere „Errungenschaften“ in diesem Zeit als LTTE-Führer auf: „Im Juni 1990 wurden 400 bis 600 Polizisten, die sich den LTTE Kräften unter Karunas Kontrolle ergeben hatten,  gefesselt, geknebelt und geschlagen. Karunas LTTE-Kader siebten dann die Singhalesen und Muslime unter der Polizisten aus und richteten diese kaltblütig hin. Karuna hat in einem Interview mit der BBC zugegeben, dass die LTTE diese Morde begangen hat, er behauptete jedoch, er selbst sei nicht am Tatort gewesen. Doch nach dem Rechtsgrundsatz der Befehlsverantwortung, könnte Karuna noch immer strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden für das Massaker, selbst wenn er selbst nicht physisch anwesend gewesen sein will.“

„In einem anderen Fall, vom Juli 1990, hielten Karunas LTTE-Truppen einen Konvoi von muslimischen Reisenden in einem östlichen Stadtteil Batticaloa an und exekutierten etwa 75 Menschen, darunter Frauen und Kinder. Im August 1990 haben Karunas Truppen mehr als 200 Zivilisten bei zwei Vorfälle im Batticaloa Distrikt getötet“, heißt es in dem HRW-Bericht weiter.

Nachdem Karuna mit der LTTE im Jahr 2004  brach, arbeitete er in Unterstützung der srilankischen Armee. Während dieser Zeit haben er und seine Anhänger zahllose Entführungen begangen, Kinder als Kader rekrutiert und an der Waffe ausgebildet, er und seine Männer sind verantwortlich für massive Einschüchterungen, Erpressungen und Morde.

Im März 2013, als Karuna gefordert hatte, eine Untersuchung von Kriegsverbrechen der Tamil National Alliance (TNA) und deren angeblichen Verbindungen mit der LTTE einzuleiten, erwiderte Brad Adams, Leiter der Asien-Abteilung von Human Rights Watch „…seine [Karunas] LTTE-Kräfte waren und sind in einigen von Sri Lankas schrecklichsten Misshandlungen und Verbrechen verwickelt; also könnten die von der Regierung so lange schon hinausgeschobenen Untersuchungen wegen Kriegsverbrechen genauso gut mit ihm  beginnen.“

Präsident Rajapaksa hat jedoch beschlossen, Karunas Verbrechen (durchaus auch andere) einfach zu ignorieren – im Austausch für die Unterstützung von ihm und seiner Kader während des letzten Eelam Krieges. Zweifelsfrei war Karunas Fahnenflucht von der LTTE der Anfang vom Ende dieser Terrorgruppe. Bisher hat sich Karuna noch nicht einmal für sein Verhalten während seiner LTTE-Jahre und danach entschuldigt, geschweige denn, je Reue für seine Verbrechen gezeigt.

Dies ist nicht das erste Mal, dass Vorwürfe gegen die IPKF vorgebracht werden. Die LTTE sprach über sie, bis in die letzten Tage. Während der IPKF-Tage auf Sri Lanka sprach sogar der damalige Tamil Nadu Ministerpräsident Karunanidhi von der DMK spöttisch von den „Indischen Menschentötungs-Kräften“ (IPKF = Indian People Killing Forces); das haben viele andere Randgruppen-Parteien der Tamilen ebenfalls gaten (natürlich mit Ausnahme der AIADMK).

Aber die DMK-Führer dachte nicht im traum an Folgemaßnahmen zu den Vorwürfen während seiner fast zwei Jahrzehnte als Koalitionspartner mit der Kongresspartei in der indischen Zetralregierung. Auch der srilankische Präsidentenbruder und Verteidigungsstaatsekretär Gotabaya Rajapaksa meinte, eine bauernschlaue zur IPKF und den angebliche Menschenrechtsverletzungen vom Stapel lassen zu müssen, als Indien gegen Sri Lanka in der Sitzung der UN-Menschenrechtskommission stimmte. Aber selbst er ging nie darüber hinaus.

Wenn Karuna ernsthaft Sri Lankas schlimme  Menschenrechtsbilanz hätte gerade rücken wollen, so hätte er an einer Untersuchung zu den angeblichen Morde und anderen Verbrechen teilnehmen sollen, die unter seiner Ägide begangen wurden. Dann wäre seine Forderung nach einer Untersuchung  angeblichen Menschenrechtsverletzungen der IPKF von Überzeugung getragen. Aber bleibt solchen Untersuchungen lieber fern. Die Frage ist also, warum Karuna nun diese alte Kamellen jetzt wieder aufwirft? Erwägt er etwa ernsthaft, seinen Worten Taten folgen zu lassen?

Nein. Keine solche Gedanken scheinen Karunas Verstand je gekreuzt zu haben. Karuna ist inzwischen in die politische Wüste getrieben worden, von Rajapaksa an den Rand des politischen Geschehens gedrängt und ignoriert von den Tamilen. Mit wenig oder gar keinem Einfluss, weder persönlich noch politisch, sieht seine Zukunft sehr düster aus, ganz besonders im Hinblick auf die bevorstehende  Parlamentswahl. Er läuft Gefahr, schon im Vorfeld der Wahlen zu verschwinden; es sei denn, Präsident Rajapaksas helfende Hand halten ihn aus dem drohenden Abseits.

Also wird Karuna wahrscheinlich versuchen, sich bei Präsident Rajapaksa einzuschmeicheln, indem der für ihn auf „Stimmenfang“ bei in den kommenden Wahlen geht. Karuna will wohl die Aufmerksamkeit von der UN-Untersuchung Sri Lankas wegen  angeblicher Kriegsverbrechen ablenken und bringt deshalb die angeblichen IPKF-Grausamkeiten ins Gespräch. Ähnlich benutzt Karuna das Gerücht, wonach Präsident Premadasas (von der UNP) angebliche für die Bewaffnung der LTTE sorgte, damit diese gegen UNPler vorgehen konnten, die ihm unliebsam waren.

Karnua hat in seiner Rede auch den Ministerpräsident der Nordprovinz, C.V. Wigneswaran angegriffen, wegen dessen angeblicher Unterstützung der UN-Untersuchung in angeblichen Kriegsverbrechen der srilankischen Armee im Jahr 2009. Hintergrund: Die TNA  ist längst zum Bête noire von Mahinda Rajapaksa geworden und jeder Angriff auf sie durch einen tamilischen Politiker – und sei’s durch den mutmasslichen Kriegsverbrecher Karuna – ist ihm herzlich willkommen.

Deshalb ging es bei Karunas parlamentarischer Rede  nicht bloß um die IPKF. Vorwürfe gegen die IPKF, das ist Teil der üblichen Politik Sri Lanka – die Indien-Hetze – die gezogen werden, um von wirklich Wichtigem abzulenken. Zweck der Übung Karunas scheint also der verzweifelte Versuch zu sein, seine eigenen, schwindenden politischen Geschicke abzustützen. Es verdient es, von der indischen Öffentlichkeit voll und ganz ignoriert zu werden, weil Karuna so oder so nichts mehr zu melden hat, sei es, was die Rajapaksas angeht oder die Tamilen.

Hinsichtlich Karunas Anschuldigungen gegen die IPKF aber kann man Folgendes sagen: Kriege führen immer zu Menschenrechtsverletzungen, wenngleich auch diese Feststellung nicht die Schwere der Vorwürfe verringert. Aber ich denke, dass weder Indien noch Sri Lanka dem Thema die Aufmerksamkeit widmet, die es verdient, weil die Menschenrechte zu diesem Zeitpunkt weder politisch noch militärisch ein großes Problem darstellten.

Persönlich fühlte ich, dass zumindest bei zwei Vorfällen – den Morden im Lehrkrankenhaus von Jaffna Morde am 27. Oktober 1987 (dem Tag, als unserer Familien-Freund Rajendra Doraisamy SLAS, der ehemaliger Staatssekretär im Ministerium für Kommunalverwaltung, ebenfalls getötet wurde, nur ein paar hundert Meter vom Krankenhaus entfernt) sowie die Valvettiturai-Vergeltungsoperationen am 2./3. und 4. August 1989 – von der indischen Armee durch zumindest eine interne Untersuchung erforscht hätten werden müssen.

Aber ich bin froh, dass die indische Armee zumindest heute ernsthaft  Menschenrechtsverletzungen behandelt und auch einen Mechanismus eingeführt hat, um solcherart Probleme zu behandeln.

***

Col. R. Hariharan, pensionierter indischer MI-Offizier, diente als Leiter des Geheimdienstes der IPKF von 1987 bis 1990). Er ist Mitglied des Chennai Zentrums für Chinastudien und der indischen Südasien Analysegruppe.

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