NFZ, Januar 2009: Enthaupteter Säugling im Zaun

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion vom 21. Mai 2014

London – Fünf Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs in Sri Lanka, sind nicht nur neue Fotos aufgetaucht,  die zeigen, wie die srilankische Armee mit Gefangenen umging.

Andere, ebenfalls für die Öffentlichkeit neue Fotos die die Folgen der Angriffe der Regierungsarmee auf eine der Nahrungsmittelverteilungszentren der Vereinten Nationen in der Kriegszone zeigen.

Die Bilder wurden von einem tamilischen Mitarbeiter der Medieneinheit der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gemacht, sie zeigen Leichen und Leichenteile, zerstörten Zelte und beschädigte UN-Fahrzeuge in der „No Fire Zone“, die von der Regierung erklärt und angeblich eingerichtet wurden, um Zivilisten zu schützen.

„Als ich ankam, sah ich ein Zelt, das einen direkten Treffer von einer Granate abbekommen hatte und das nahe gelegene UN-Fahrzeug war überdeckt mit Stücken von Menschenfleisch“, erzählt der damalige Fotograf, Flüchtling und  Srilanker tamilischer Herkunft, der heute in einem Zeitschriftenladen in England arbeitet. „Die Leute schrieen und weinten, weil sie ihre Lieben verloren hatten. Sie waren wirklich verzweifelt. Die srilankische Regierung hatte ihnen gesagt, in diese Gegend zu gehen, sie sagten, es wäre eine ‚No Fire Zone’, aber dann griffen sie diesen Ort an, der mit Familien völlig überfüllt war und feuerten mit schwerer Artillerie und mehrläufigen Raketenwerfern („Stalinorgel).“

Die Fotografien zeigen die Folgen von mehreren Angriffen auf die UN-Position in den frühen Morgenstunden des 24. Januar 2009. Was signifikant ist über diesen Vorfall ist, dass der Fotograf einer der wenigen ist, die von den internationalen Mitarbeiter der Vereinten Nationen überlebten, die das Glück hatten, mit dem Leben davon zu kommen. Dieser Angriff kam an einem Punkt in der Schlussphase des Konflikts, wo die Zahl der Opfer alarmierend anstiegen. Nach späteren Schätzungen der Vereinten Nationen liegt die Zahl der Todesopfer der Zivilbevölkerung allein im Jahr 2009 zwischen 40.000 und 70.000 – eine Zahl die innerhalb nur weniger Monate erreicht wurde,  so dass dies damit einer der blutigsten Konflikte in diesem Jahrhundert war.

Das UN-Team durfte im Januar 2009 nur in die  Kriegszone, um Lebensmittel für die Vertriebenen zu liefern. Als aber der UN-Konvoi die Frontlinie überquerte, bemerkten die UN-Mitarbeiter, dass srilankische Soldaten die Gelegenheit nutzten, um ebenfalls vorzurücken und den Konvoi als Deckung zu missbrauchen, aus der heraus auf Kader der LTTE gefeuert wurde.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, dass dies die letzte Lieferung von Lebensmitteln über Land für Hunderttausende von hungernden, mittellosen Menschen im Kriegsgebiet für die nächsten vier Monate sein würde.

Es war auch die letzte Chance, die Tamilen, die für die Vereinten Nationen arbeiteten, mit ihren Familienangehörigen zu evakuieren. Die LTTE wollte sie jedoch nicht aus der Kriegs-Zone lassen; trotzdem hoffte das Personal der Vereinten Nationen, mit ihren Kollegen diesen Ort des Grauens zu verlassen. Es gab bittere Wortgefechte unter den ausländischen UN-Mitarbeiter darüber, ob ihre Mission mehr beinhalte, als einen Lebensmittel-Lieferservice. Einige der internationalen Mitarbeiter wurden hysterisch, verzweifelt darüber, wieder lebend aus der Sitaution zu kommen. Andere meinten, es sei ihre Verantwortung, ihren tamilischen Kollegen vor Ort beizustehen.

Nach dem Entladen der Nahrungsvorräte, verhandelten die Leiter des UN-Konvois eine Abfahrroute mit beiden Kriegsparteien aus und begannen, mit mehr als hundert tamilischen Mitarbeitern und Angehörigen, die auf den Lastwagen Platz gefunden hatten, abzufahren.

Doch schon bald, an der Kreuzung von Puthukkudiyiruppu, wurde der Konvoi von der Polizei der Tamil Tigers mit vorgehaltenen Waffen gestoppt. Man verlangte, dass die lokalen UN-Mitarbeiter und ihre Familien absteigen sollten.

Ein sehr angespannte Sitaution sei entstanden, so der ehemalige Fotograf. Andere Zeugen beschreiben, wie die Polizisten der Tigers auf die Seite der Lastkraftwagen mit Stöcken einschlugen und die feindliche gesonnene, zivile Bevölkerung den Tamilen in den Lastkraftwagen lautstark vorwarfen, Verräter zu sein wegen ihres Versuches, zu entkommen.

Die LTTE und ihre schwer bewaffneten Kader hatten die Strasse mit Pickups blockiert, auf denen Geschütze montiert waren. Hinter dem Konvoi wurde das ehemalige UN-Büro durch eine große Menge hungriger Menschen überrannt und ausgeplündert. Die UN-Mitarbeiter versuchten hektisch, mit ihren Satellitentelefonen ihre Zentrale (in Colombo) zu erreichen.

Die internationalen Mitarbeiter des Welternährungsprogramm und UNICEF befürchteten, nicht mehr lebend aus der Sitaution zu kommen, wenn sie warteten, um über die Evakuierung der tamilischen Mitarbeitern zu verhandeln. In Panik fuhren sie weg und ließen nur vier Lastwagen und ein leichtes Fahrzeug hinter sich zurück für mehr als hundert lokale Mitarbeiter und deren Angehörigen. Die Abfahrt der UN-Helfer nahm auch eines der wichtigsten Fahrzeuge mit – das, welches mit den Kommunikationsgeräten betückt war.

Nur zwei der internationalen UN-Mitarbeiter zeigten sich tapfer und entschieden sich, zu bleiben; es muss eine schlimme Entscheidung gewesen sein, aber sie hielten es für ihre Pflicht, ihren tamilischen Kollegen vor Ort zu helfen. Innerhalb von Minuten nachdem der restliche UN-Konvoi losgefahren war, wurde die Gegend intensiv unter Artilleriefeuer genommen.

Unter Leitung der srilankischen Regierung, wurde der restliche UN-Konvoi nach Norden dirigiert – bis zum Dorf Uddayarkattu.

Dort hatte die Regierung ebenfalls eine „No Fire Zone“ erklärt. Die Straße war so überlaufen mit Menschen auf der Flucht, dass die strecke von nur 4 Klimotern über eine Stunde dauerte. Tote Tiere und Autowracks lagen herum in einer Szene, die geradewegs aus dem zweiten Weltkrieg hätte stammen könne, so ein Augenzeuge.

Die UN-Mitarbeiter schlugen ihr Lager schließlich auf einem Cricket-Spielfeld auf, das in ein UN-Lebensmittelvertriebszentrum umgewidmet worden war. Sie nahmen GPS- Messwerte ihrer Positionen, addierten eine 200-Meter-Pufferzone für die Sicherheit dazu, gaben diese Daten an die srilankische Armee weiter, und fing an, Bunker zu graben. Das Feld war dicht umlagert von Zivilisten, die glaubten, sie wären sicher neben der neuen UN-Position in der „No Fire Zone“. Ein tödlicher irrtum.

Ein massiver, nächtlicher Angriff der Regierungstruppen hinterließ mindestens 19 Tote und 32 Verletzte. Granaten schlugen nur 60 Meter von den GPS-Positionen der UN ein, nur eine Stunde nachdem den srilankischen Sicherheitskräfte erneut die Position der UN-Mitarbeiter mitgeteilt worden war.

Die UN-Mitarbeiter, die in diesem Angriff gefangen waren, schrieben später in einem Bericht über das Blutbad, den sie an den UN- Koordinator für humanitäre Hilfe, John Holmes weitergaben (Auszüge nachfolgend – zum ersten Mal veröffentlicht).

Sie beschrieben das verheerende Grauen im Morgengrauen, als sie ihren Bunker verließen: „Der enthauptete Körper eines 18 Jahre alten Mädchens, mit der wir früher am Abend gesprochen hatten, war am Eingang zu unserem Bunker gelandet… Ein toter Säugling wurde in einen Baum geschleudert, unter dem die Familie Schutz gesucht hatte und ein zweiter, enthaupteter Säugling hing im Draht eines Zaunes.“

Die Vereinten Nationen haben jedoch diese Berichte zunächst nicht veröffentlicht. Die eigenen Mitarbeiter waren zu Zeugen geworden des Beschusses an einem ausgewiesenen  humanitären Ort (und damit eines klaren Kriegsverbrechens der srilankischen Armee).

Doch UN-Offizielle versuchten, mit der Regierung in stiller Diplomatie zuverhandeln – und scheiterten dabei, etwas für die eingeschlossenen Zivilsiten zu erreichen.

Der UN-Koordinator mit Wohnsitz in Sri Lanka, Neil Buhne, hatte tatsächlich versucht, die Tamil Tigers für den Tod durch den Beschuss der Regierung verantwortlich zu machen. In einem Brief an das srilankischen Außenministerium, während seine Mitarbeiter noch immer im Kriegsgebiet festsaßen, schrieb Buhne, die Angriffe seien „wahrscheinlich“ als Reaktion auf Beschuss der Tigers erfolgt und er argumentierte, dass die Rebellen nun die Verantwortung für die Tötung all dieser Menschen zu tragen hätten, weil sie es Zivilisten nicht erlaubt hätten, das Kriegsgebiet zu verlassen.

Eine UN-interne Untersuchung im Jahr 2012 stellte später fest, dass die UNO als Organisation in Sri Lanka ernsthaft gescheitert sei, und „leider keine Lehren aus Ruanda“ gezogen habe. Als ein Ergebnis dieses vernichtenden Berichtes gibt es eine neue UN-Initiative. Die „Rights Up Front“ genannte UN-Doktirn soll künftig sicherzustellen, dass der Schutz der Zivilbevölkerung stets von größter Bedeutung ist und vorrangig behandelt wird.

Menschenrechtsaktivisten, die sich mit Sri Lanka auseinandersetzen, stellen jedoch die  Frage, ob die Vereinten Nationen wirklich ihre eigene Doktrin angewenden und  wirklichgelernt haben im weiteren Umgang mit dem Land.

„Das Versagen der UNO in Sri Lanka mag ja die ‚Rights Up Front‘-Initiative inspiriert haben, aber die UN-Agenturen machen sich noch immer nicht stark über die anhaltenden, entsetzliche Unterdrückung und die ebenfalls anhaltenden Menschenrechtsverletzungen – es ist, als ob sich nichts geändert hat, in fünf Jahren“, sagte Fred Carver von Sri Lanka Campaign.

***
Zum ersten Mal veröffentlicht:

Auszüge aus dem Bericht der UN-Mitarbeiter in  Uddayarkattu vom 24.01.09

03:00 – 04:00 Uhr


Fünf Mörsergranaten, abgefeuert aus Südosten landeten in unserer unmittelbaren Umgebung, töteten mindestens 2 Familien, nur etwa 8 Meter vor unserem Bunker.
7 Tote 15 Verletzte.
Der enthauptete Körper eines 18 Jahre alten Mädchens, mit dem wir früher am Abend gesprochen hatten, landete am Eingang unseres Bunkers.
Ein Fahrer des WFP (World Food Programm) wurde auf der Rückseite des Kopfes von Splittern getroffen und wurde mit einem Motorrad ins Krankenhaus gebracht.

04:00 – 08:00 Uhr


Das Mörserfeuer landet weiterhin in der „No Fire Zone“ um unserem Standort herum  – bis zum Morgen.
Die Szene im Morgengrauen ist verheerend und grauenvoll; In einem Umkreis von etwa 20 Meter liegen 7 Tote und 15 schwer Verletzte.

Ein toter Säugling wurde in einen Baum geschleudert, unter dem die Familie Schutz gesucht hatte und ein zweiter, enthaupteter Säugling hängt im  Draht eines Zaunes, der entlang der Udaiyaarkaddu Suthanthirapuram Junction verläuft.
Das UN-DSS Fahrzeug, etwa 15 Meter entfernt geparkt ist mit Körperteilen von den den beiden Familien bedeckt, die in Bunkernähe Schutz suchten.

Es gibt Berichte über Todesfälle und Verletzungen aus anderen Bereichen der Lebensmittelverteilstelle und der Umgebung.

Das UN-Personal versucht, die Arbeit an der Fertigstellung des Bunker voranzutreiben, Fortschritte machen sie nur langsam, weil mehrere Mitarbeiter, die am Vortag noch arbeiten konnten, in den vorangegangenen Nächten durch Beschuss getötet wurden.

Viele andere Arbeiter sind geflohen wegen der anhaltenden Artillerieangriffe.

10:00 – 17:00 Uhr


Dauernder Artillerie- und Mörserbeschuss aus Süden und Südosten. Einige Geschosse landen innerhalb des bereiches, der für die Nahrungsausgabe bestimmt war. Weiterer Artilleriebeschuss aus der selben Richtung geht über unsere Köpfe hinweg, in die andere „No Fire Zone“, etwa 2 bis 3 Kilomter entfernt.

Rauch ist zu sehen zwischen den Bäumen in nördlicher Richtung zu sehen direkt nach den Einschlägen.
Sporadische ist auch ausgehendes Artillerie- und Mörserfeuer zuhören aus etwa 2000 Metern von unserem Standort entfernt.

UN-DSS in Colombo & Vavuniya werden ständig mit Informationen über die Angriffe im Laufe des Tages versorgt, aber das Artilleriefeuer geht unvermindert weiter.
Die Arbeiten an den Bunkern schreiten nur langsam mit Unterbrechungen voran, aufgrund des dauernd eingehenden schweren Geschützfeuers…j_divastation-3 j_divastation-1 j_divastation-2 j_divastation-8

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