Neue Video-Beweise zeigen groteske Kriegsverbrechen

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion am 9. März 2014

Von Callum Macrae

London – Es gibt genügend dramatische Bilder von den letzten zwei oder drei Jahren von Sri Lanka schrecklichem Bürgerkrieg. Aber dieses Material ist mit das schlimmste, das ich je gesehen habe. Nicht, wegen der Zahl der Toten, die es zeigt  – fünf Tote, das ist ein eher kleiner Zwischenfall in einem Krieg, in dem in den letzten Monaten allein mehr als 40.000 Zivilisten massakriert wurden, meist durch den gnadenlosen Beschuß durch die Truppen der Regierung.

Dieses neue Filmmaterial ist so schrecklich, weil es das Verhalten der srilankischen Soldaten gegenüber den toten Körpern von weiblichen Tiger-Kämpferinnen zeigt, und weil es die zugrunde liegenden Kultur der systematischen Brutalität und der sexuellen Gewalt veranschaulicht.

Wir wissen nicht genau, wann dieses Video gedreht wurde – aber es muss wohl irgendwann in den letzten zwei oder drei Jahre des Krieges gewesen sein. Es wurde von einem Soldaten auf einem Mobiltelefon aufgenommen und zu sehen sind Singhalesisch sprechenden Soldaten – ihre Uniformen legen den Schluß nahe, dass sie einer Spezial-einheit angehören, Sie lachen, feixen und jubeln während sie den Tod der Tiger-Kämpferinnen feiern und unaussprechlich groteskte Handlungen und sexuellen Gewalt an den toten Körpern verüben.

Wir wissen auch nicht genau, was da passiert war oder wie diese Menschen zu Tode kamen – sie scheinen Kämpfer zu sein scheinen, auch wenn sie keinen Kampfanzug tragen.

Diese jetzt aufgetauchten Bilder wurden von dem führenden Gerichtsmediziner Dr. Richard Shepherd untersucht. Er kommt zu dem Schluß, dass die gezeigten Verletzungen echt sind, dass dieses Material nicht gefälscht wurde. Shepherd zeigte sich davon überrascht, dass die toten Körper wenig Anzeichen von der Art von Kriegsverletzungen aufweisen, die man erwarten könnte, ob diese nun Folgen einer Schlacht oder eines Hinterhaltes sind.

Was er indes klar sehen konnte, waren Beweis – zumindest in zwei Fällen – von schweren Kopfverletzungen, die vermutlich durch Hochgeschwindigkeits-Geschosse verursacht worden sind. Dies führte ihn zu dem Schluß: „Das bekannte Muster dieser Verletzungen ist insgesamt so, dass ich die Möglichkeit von Hinrichtungen nicht ausschließen kann.“

Das Video – es wurde von einer tamilischen Gruppe, dem Britischen Tamilen Forum (BTF) an uns geliefert  – wurde noch einmal von einem angesehenen digitalen Bild-Analysten untersucht und authentifiziert, der häufig für britische Gerichte arbeitet.

Nach einer umfangreichen Bild-für-Bild-Untersuchung und Analyse der Aufnahmen, schloss er: „Ich fand keine Hinweise über Fabrikation oder Manipulation, und ich bin der Meinung, dass diese Video-Datei eine authentische, verbindlich genaue Darstellung der Ereignisse ist, die da abgebildet wurden.“

Aber was bei diesem Material am deutlichsten von allen wird, ist das Klima von sexueller Gewalt. Die Kleidung der Frauen – nicht aber  der Männer – wurde abgestreift und die Leichen werden wiederholt sexuell missbraucht. Von besonderer Bedeutung ist dies, weil es kein Einzelfall ist.

Die ersten Nachweise über systematische Hinrichtungen und sexuelle Übergriffe auf Gefangene wurde erstmals auf Channel 4 News vor mehr als vier Jahren geführt – und immer mehr Material dazu taucht seither auf.

Die Regierung Sri Lankas hat auf diese Videos reagiert mit der Behauptung, das Material sei „risiert, manipuliert“ oder durch „schauspielernde Tamil Tigers, die als Singhalesisch sprechende Regierungssoldaten auftreten“, erstellt worden.

Es besteht kein Zweifel, dass die Tigers sich ebenfalls schrecklicher Kriegsverbrechen schuldig  gemacht haben – einschließlich dem Einsatzes von Kindersoldaten und oder ihre Selbstmordattentate auf ziviler Ziele – aber diese Tatsache kann und darf nicht von der srilankischen Regierung benutzt werden, um das eigene verbrecherische Handeln zu rechtfertigen.

Als wir die Bilder der Fernsehmoderatorin der Tamil Tigers, Isaipriya, zeigten, die anscheinend nackt hingerichtet worden war, bestand die srilankische Regierung darauf, sie sei ins Kreuzfeuer geraten.

Doch dann, vor drei Monaten, erhielten wir neues Material, das den Moment ihrer Gefangennahme durch die srilankischen Streitkräfte zeigt. Sie ist unbewaffnet und offenbar desorientiert – aber lebendig und unverletzt. Isiapriya starb also offensichtlich nicht im Kreuzfeuer, sie starb in der Obhut von Regierungstruppen.

Es ist in diesem Zusammenhang, in dem wir die neuesten Videos und Erkenntnisse sehen müssen. Ein Muster der systematischen Anwendung von Gewalt und Hinrichtungen wird deutlich. Ein Muster, das – in einer Armee so diszipliniert und effektiv wie die srilankische   – nahelegt, dass die Befehlsverantwortung für diese Aktionen bis an die Spitze zurückgeführt werden können.

Und in Sri Lanka bedeutet das, diese Verantwortung hatten damals der Verteidigungsstaatssekretär  Gotabaya Rajapaksa und sein Bruder, der Oberkommandierende der Streitkräfte, Präsident Mahinda Rajapaka.

Dieses neue Material konnte zu keinem schlechteren Zeitpunkt für die Rajapaksa-Regime auftauchen. Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen tagt in diesem Monat in Genf. Man erwägt dort die Forderung nach der Einrichtung einer internationalen Untersuchungskommission in alle Verbrechen, die während der letzten Phase dieses schrecklichen Krieges begangen wurden, von beiden Seiten.

Bis jetzt hat sich der Rat Aufrufen widersetzt,  eine Art internationale Untersuchung einzurichten – lieber  fordert man die srilankische Regierung auf, eine eigene Untersuchung zu starten und ernsthafte Schritte in Richtung Versöhnung sowie in der Adressierung von politischen Missständen anzugehen.

Das Rajapaksa-Regime hat darauf mit endlosen Verzögerungen reagiert – begleitet von ständig zunehmender Unterdrückung der Tamilen im Norden und Osten – und erdrückt jede andere Form von Dissens anderswo im Land mit exzessiver Gewalt.

Menschenrechtsaktivisten und tamilischen Organisationen hatten große Hoffnungen, dass nach drei Jahren der Diskussion im UNHRC – und nach einer Empfehlung der Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay – der Rat schließlich in diesem Monat für die Schaffung eine echten, unabhängigen internationalen Untersuchungskommission stimmen werde.

Diese Hoffnungen wurden noch weiter befeuert, als David Cameron ein klares Bekenntnis dazu während des Commonwealth Heads of Government Meeting (CHOGM) im November letzten Jahres von sich gab. Er sagte damals: “ Lassen Sie mich ganz klar sein, wenn diese (regierunsgeigene) Untersuchung nicht im März abgeschlossen ist, dann werde ich unsere Position beim UN-Menschenrechtsrats dazu verwenden, um mit dem UN-Menschenrechtsbeauftragtearbeiten eine vollständige und glaubwürdige, unabhängige internationale Untersuchung zu fordern.“

Doch dann sickerte der Entwurf der neuen, dritten Resolution gegen Sri Lanka durch – unter anderem offenbar abgesegnet von den Briten. Die eigentlche Resolution soll am Ende dieses Monats diskutiert werden.

Zur Überraschung vieler Beobachter und trotz David Camerons eindeutiger Fristsetzung, verlangt der wortreiche Resolutionsentwurf – eben nicht nach der Einrichtung einer internationalen Untersuchungskommission.

Der Entwurf wiederholt lediglich den Anruf, der in verschiedener Form schon bei den letzten beiden UNHRC-Sitzungen bezüglich Sri Lanka gemacht wurden; wieder wird eine eigene, angemessene Untersuchung gefordert.

Trotzdem hat dieser Entwurf Widerhaken. Käme er durch, würde dies bedeuten, dass die  MenschenrechtskommissarinNavi Pillay das Mandat bekommt „die Fortschritte in Richtung auf die Rechenschaftspflicht und Versöhnung“ zu prüfen, speziell „die angeblichen Verletzungen und Menschenrechtsverletzungen und die damit verbundenen Verbrechen, die von beiden Parteien zu untersuchen in Sri Lanka.“

Diese kritischen Zeilen werden sicherlich auf verschiedene Weise durch verschiedene Interessenten interpretiert werden. Die neuerlich Resolution wird sicherlich nicht von der Regierung von Sri Lanka begrüßt werden, die sicherlich wieder behaupten wird, dies sei ein grober Eingriff in die nationale Souveränität des Landes und die Art der „länderspezifischen“ Resolution sei einen Verfahrensmissbrauch des Menschenrechtsrates.

Unterstützer der Resolution – darunter die USA und Großbritannien – werden argumentieren, diese Resolution stelle einen langsamen, aber signifikanten Fortschritt dar. Insbesondere werden sie sagen, dass das Mandat für Pillay in der Tat eine Form der internationalen Untersuchung sei.

Aber viele Menschenrechtsaktivisten und tamilischen Organisationen werden es als enttäuschenden Rückzieher sehen von einem glaubwürdigen, internationalen Mechanismus oder gar einer Enquete-Kommission, so wie es im Bericht Navi Pillays versprochen wurde oder von David Cameron im November letzten Jahres. Für sie wird es den Anschein haben, dass Sri Lanka ein weiteres Jahr gegeben wird, die internationale Gemeinschaft and er Nase herumzuführen.

Das Hochkommissariat Sri Lankas hat die folgende Antwort auf die neuesten Video-Beweise ausgestellt:

„Ihre jüngster Versuch, Sri Lanka zu verunglimpfen ist eine Fortsetzung der schädlichen Kampagne, die bereits in dem Buch „Corrupted Journalismus – Channel 4 und Sri Lanka“ entlarvt wurde.“

„Ihre Vorwürfe sind solche ungebremster und unbegründeten Müll, der selbst ihren Gossen-Journalismus erscheinen läßt, als habe er den Pulitzer-Preis für ausgezeichnete Professionalität erhalten.“

„Was Ihren Journalismus doppelt fragwürdig macht und so widerlich unausgewogen, dass Sie nun erwarten, dass wir Filmmaterial kommentieren, von dem wir, in aller Fairness, noch nicht einmal die Möglichkeit hatten, es zu sehen.“

„Es ist schade, dass Ihre propagandistische Vendetta gegen Sri Lanka nur weiterhin den Prozess der Versöhnung und Heilung untergraben wird, den wir nach drei einem drei Jahrzehnte langen Terrorkrieg unternommen haben.“

„Es wird sicherlich nicht denen in Sri Lanka helfen, von denen Sie behaupten, dass Sie ihnen helfen, die nur in Ruhe leben wollen, ohne externe Einmischung und Ihrem Gehabe.“

„Ihre kruder Journalismus entlarvt sowohl Callum (Macrae) als auch Ihre Verleumdungen.“

Sri Lanka High Commission, 7. März 2014

Es ist dies wirklich ein bemerkenswerte Antwort auf die Anfrage mit der Bitte um einen Kommentar, die ich in dreißig Jahren als Journalist und Filmemacher erlebt habe. Ich fürchte, sie veranschaulicht und entspricht der Denkweise des srilankischen Regimes von Präsident Rajapaksa.

Anstatt sich mit den Beweisen zu konfrontieren, die Verbrechen zu untersuchen und die Sorgen der internationalen Gemeinschaft offen anzusprechen, ist die Antwort Sri Lankas, auf den Überbringer schlechter Nachrichten zu schießen.

Das größte Problem für die Regierung und deren Anhänger ist, dass jede Phase unseres Journalismus bestätigt wurde. Jede Beschwerde durch srilankische Regierungsanhänger an die britische Medienregulierungsbehörde OFKOM, wurde abgelehnt. Jedes Mal, wenn die Regierung versuchte, unser Videomaterial als „gefälscht“ oder „falsch interpretiert“ darzustellen, tauchen neue Video-Beweise auf, die nur allzu oft eine Wirklichkeit darstellt, die sogar noch schlimmer ist, als wir es bislang befürchtet hatten.

Statt auf die Fragen einzugehen, die durch unseren Beweise erhoben werden, üben sich die Anhänger der Regierung in einer zunehmend feindseligen Serie von Angriffen auf unsere Journalisten. Als ich meine Absicht kundtat, zum Commonwealth-Treffen der Regierungschefs in Sri Lanka zu reisen, um davon zu berichten, kam als Antwort eine Reihe von anonymen Morddrohungen.

Als das Channel 4 News Team und ich versuchten, in die ehemaligen Kriegsgebiete zu reisen, wurde der Zug, auf dem wir unterwegs waren, physisch durch Pro-Regierungsunterstützer gestoppt, die unsere Filme anprangerten (obwohl, als wir sie fragten, sie zugeben mussten, dass sie die Filme nie gesehen hatten). Channel 4 News-Korrespondent Jonathan Miller wurde von einen Steinwurf eines Regime-Fans verletzt, als er mitten in Colombo drehen wollte…

Zurück in Großbritannien ging es munter weiter, mit einem gut finanzierten, anonym veröffentlichten 222-Seiten-Buch mit dem Titel „Korrupter Journalismus: Channel 4 und Sri Lanka“. Es ist eine außergewöhnlich skurrile und irreführende Abhandlung, voller Ungenauigkeiten und unbegründeter Vorwürfe – aber es so weit international verbreitet, dass wir uns genötigt sahen, darauf zu reagieren. Ich fühlte mich verpflichtet, eine detaillierte Widerlegung in 20.000 Worten zu schreiben.

Und jetzt haben wir diese neueste Antwort. Eine Antwort, die komplett dabei versagt, die echten Bedenken anzusprechen, welche die srilankische Regierung beantworten muss. Früher oder später.


***

Callum Macrae ist Journalist und Direktor der „Killing Fields od Sri Lanka“ und „No Fire Zone“. Angesichts der Flut neuen, brisanten Materials zur letzten Phase des Krieges in Sri Lanka, wird wohl bald ein neuer Film von ihm bei Channel 4 und danach anderen TV-Sender der Welt zu sehen sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s