Macrae/Channel 4: Rajapaksas können die Wahrheit nicht unterdrücken

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion aus dem Blog von Callum Macrae vom 11. November 2013

Colombo – Am Samstag Nachmittag schickte der britische Premierminister einen Tweet, der da lautete: „Habe @NoFireZoneFilm gesehen. Erschütternder Dokumentarfilm über Sri Lanka. Ernsthafte Fragen an @PresRajapaksa nächste Woche.“

„No Fire Zone“ ist der Dokumentarfilm, bei dem ich zuletzt Regie führte, und der sorgfältig authentifizierte Video-Beweise von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den letzten Monaten des srilankischen Bürgerkriegs enthält. Beide Seiten in diesem Krieg haben Verbrechen begangenen, obwohl die meisten von denen, die gestorben sind, dies in der Folge des Beschusses durch die srilankischen Truppen taten, die unter dem ultimativen Kommando von Präsident Mahinda Rajapaksa stehen.

Durch die Einbeziehung von Präsident Rajapaksas Twitter -Adresse in seinem Tweet , schickte David Cameron ihn direkt zu ihm (ich bin mir nicht sicher, ob dies ist nicht das erste Beispiel von Diplomatie per Tweet war…), während gestern der Präsident Indiens, Manmohan Singh, angekündigte – unter riesigen inländischen Druck von Tamil Nadu, teilweise als Folge unseres Films – dass er dem kanadischen Premierminister in dessen Boykott des CHOGM-Gipfels folgen und nicht nach Sri Lanka kommt werde.

Das ist die eine Seite der Reaktion auf „No Fire Zone“. Die andere ist, dass die Regierung von Sri Lanka außergewöhnliche Anstrengungen unternommen hat, um uns anzugreifen. Ich habe jetzt bei drei Filmen Regie geführt, die einen Blick auf die letzten Monate des Bürgerkriegs richten, die ersten beiden waren von Channel 4 in Auftrag gegeben, während „No Fire Zone“ – der bereits von der UNO zitiert wurde und außerdem das Team für den Friedensnobelpreis nominiert bekam – letzte Woche ohne vorherigen Auftrag auf Channel 4 ausgestrahlt wurde.

Seit seiner Veröffentlichung hat die srilankische Regierung enorme Anstrengungen unternommen, um den Film und dessen Ausstrahlung zu unterdrücken, der  chronologisch zeigt, wie die srilankische Regierung vor vier Jahren eine Reihe grotesk irreführender „No Fire Zonen“ einrichtete und damit  Hunderttausende tamilische Zivilisten ermutigte, in ihnen Zuflucht zu suchen, nur um sie dann systematisch zu beschießen.

Eine UN-Bericht besagt, dass bis zu 70.000 Zivilisten dabei starben. Am Ende des Krieges begingen Regierungstruppen eine Reihe von grotesken Kriegsverbrechen – und die Soldaten filmten sich dabei – einschließlich der Hinrichtung von gefesselten Gefangene, denen die Augen verbundenen waren sowie den scheinbar systematischen sexuellen Missbrauch und anschließender Exekution von weiblichen Tamil Tiger Kämpferinnen.

Unterstützer der srilankische Regierung gaben über 100 Beschwerden über unsere TV-Berichterstattung bei der britischen Regulierungsbehörde Ofcom ein. Nach deren langwierigen Ermittlungen wurde jedoch jede Beschwerde zurückgewiesen.

Überall auf der Welt hat die srilankische Regierung durch ihre Missionen vor Ort versucht, das Zeigen der Filme zu sabotieren, sie protestierten wegen des Screenings in der UN und dem Europäische Parlament, und sie übten Druck auf die malaysische Regierung aus, eine Vorführung zu stoppen.

Die Vorführung fand statt, wurde aber anschließend von der Zensurbehörde und der Polizei regelrecht überfallen.

Gerade an diesem Wochenende haben wir gehört, dass jedem Journalisten, der für das CHOGM akreditiert ist, ein 222-seitiges Buch mit dem Titel „Korrupter Journalismus: Channel 4 und Sri Lanka“ erhält, das nach unseren Erkenntnissen die abgelehnten Beschwerden, die seinerzeit an die Ofcom gerichtet wurden, wieder aufwärmt.

Bisherige Versuche Sri Lanka, den Film zum Schweigen zu bringen, sind gescheitert. Die Wahrheit kommt, vielleicht sogar verspätet, am Ende immer raus.

***
Im Channel 4 Blog wird heute darüber berichtet, wie das Team von Channel 4 behindert und genötigt wird. Zunächst wurden alle zivilen Flüge in den Norden ohne Angabe von Gründen bis auf weiteres gestrichen. Diese lokale Airline wird von der Armee betrieben. Dadurch gezwungen, den Landweg (und den Zug) zu nehmen, sah sich das Channel 4-Team den Zug plötzlich bei der ersten Haltestelle im Norden umzingelt von Demonstranten.In der Mehrzahl soll es sich bei den lauthals skandierenden Leuten (srilankisch: Lunchpaketdemonstranten) um Anhänger der beiden Regierungsbonzen der Gegend handeln. Fast gleichzeitig wurden drei Busse mit tamilischen Teilnehmern aus Vavuniya einer geplanten Demonstration der demokratischen Oppositionsgruppierung Samagi Balawegaya in Colombo festgehalten und zurück geschickt. Den Busfahrern wurde von Angehörigen der Armee (immerhin, soviel Scham hat man, in ziviler Kleidung) u.a. mit Lizenzentzug gedroht, sollten sie nochmals versuchen, Demonstranten nach Süden bringen. Die Demonstration ist für den Abend des 13.11. geplant unter dem an das Regime gerichtete Motto: „Respektiert die Werte des Commonwealt, impliziert die Empfehlungen des LLRC“.

Das ist aus mehrerlei Hinsicht ebenso perfide wie verräterisch: Zum einen sind angeblich alle Demonstrationen in der CHOGM-Woche von der Regierung ausdrücklich verboten. Selbst die Unis des Landes wurden deshalb kurzfristig, mitten in den Prüfungen, in den Urlaub geschickt. Zum anderen stellt sich die Frage: woher wußten die Demonstranten, offenbar bezahlter Mob, dass das Channel 4 Team in ausgerechnet diesem Zug reist? Und: Wie kann es sein, dass sie angebliche Inhalte eines Filmes kennen, der mit aller dem Regime zur Verfügung stehenden (chinesischen Hacker-) Macht den Srilankern vorenthalten wird? Die Antwort liegt auf der Hand. Die ach so großzügige Einladung des Regimes an alle Kritiker, sich die Situation im Norden selbst anzusehen, man hab ja nichts zu verbergen, war wohl doch nur eines ihrer üblichen, PR-mäßigem Lippenbekenntnis.

In Wahrheit hat man wohl doch einiges zu verbergen – besonders vor mutigen Reportern, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen oder, wie die einheimischen Vertreter der Zunft, sich von den Rajapaksas ein X für ein U vormachen lassen.

Zumindest hat das Regime nun einen Grund, Reiserestriktionen gegen das Channel 4 Team zu erlassen – nur zu deren eigener Sicherheit. Dies erinnert stark an eine Taktik, die zur Masche wird; schon als man die UN während der letzten Phase des Krieges aus dem Norden weg haben wollte, um ungestört die Bevölkerung zu dezimieren, bombardierte man das UN-Versorgungslager zuerst ein wenig… Um dann zu behaupten, man könne nicht länger für die Sicherheit der UN-Mitarbeiter garantieren und müsse darum bitten zu gehen. Die UN-Mitarbeiter gingen, mit grausigen Konsequenzen für die tamilische Bevölkerung.

Ein Regime von mutmasslichen Kriegsverbrechern, das sich offen und ungeniert solch‘ billige, antidemokratische, zensorische Fisimatenten gegen ein international hoch angesehenes Reporter-Team leistet, soll wirklich in den nächsten zwei Jahren den Commonwealth anführen und für dessen Werte eintreten?

Yes indeed, Mr. Cameron, Mr. Sharma, immer schwieriger vorstellbar, in der Tat.

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