Die finale Gräueltat: Die Aufdeckung des „White Flag“ Falls

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion aus Asian Correspondet vom 4. Märzt 2013

Von Frances Harrison

London – Im Mai 2009, als der Bürgerkrieg zu Ende war, exekutierte die Armee Sri Lankas die einflussreichsten Tamilenführer, obwohl sie sich bereits mit Weißer Fahne in der Hand ergeben hatten. Frances Harrison sprach mit zwei ehemaligen tamilischen Kämpfern, die den Vorfall beobachtet hatten und entlarvt damit gegenüber der Welt diese letzte Grausamkeit im srilankischen Bürgerkrieg.

Der untersetzte tamilische Mann verdreht sich nervös in seinem viel zu dünnen schwarzen Anorak, der völlig ungeeignet ist, den eisigsten Tagen des Winters zu widerstehen, während er erklärt, wie er zum Informant wurde, und den Mann verriet, den er eigentlich schützen sollte, um sein eigenes Leben zu retten. Wir ertragen die klirrende Kälte im Freien und sitzen auf einer einsamen Veranda, tranken Kaffee in einem Café in der Victoria Station, unterbrochen nur durch Lautsprecheransagen über Abfahrten und Ankünfte. Innen wäre es warm, aber es sind dort zu viele Menschen, die zuhören könnten, und schließlich sprechen wir über Hinrichtung.

Kumaran, der nicht will, dass sein richtiger Name bekannt wird, aus Angst, war einst einer der Tamil Tiger Rebellen, die für eine separate Heimat im Nordosten Sri Lankas kämpften. Jetzt ist er ein Flüchtling in einem Land, deren Sprache er nicht spricht, aber er strahlt immer noch das Selbstvertrauen aus, das manchmal davon kommt, dass man einmal eine Waffe getragen hat. Das war einmal ein Mann, dem man genug vertraute, um ihn als Leibwächter des politischen Führers der Tamil Tigers einsetzte.

In dem Chaos der letzten Wochen des Bürgerkriegs im Jahr 2009 wurde Kumaran schwer verletzt, als eine Cluster-Bombe neben ihm aufschlug und explodierte. Medizin und sogar Bandagen wurden knapp, und die Handvoll von Ärzten mussten Gliedmaßen amputieren mit Metzger-Messern und ohne Betäubung. Ohne vernünftige medizinische Behandlung hatte Kumarankeine Chance auf Heilung. Er beschloss, die Flucht über die Frontlinie hinweg zu wagen – als erste warf er die Zyanidkapsel weg, die um seinen Hals hing; ein Standard für die Rebellen der Tamil Tigers, die sie im Falle der Gefangennahme zu schlucken hatten.

Kapitulation

Die Geschichte seiner Flucht erzählend, geht Kumaran bezeichnenderweise knapp mit Details um. Tamil Tiger Rebellen sollten bis zum Tod kämpfen – Kapitulation galt als feiger Akt der Selbsterhaltung.

Sobald er die Front überquert hatte, drehten sich zwei ehemaligen Rebellen, die auch zu Verräter geworden waren, sofort um und denunzierten Kumaran gegenüber der srilankischen Armee.

„Sie hatten keine andere Wahl, wenn sie leben wollten,“ sagt Kumaran nicht ohne Sympathie. „Sie sind nur auf Menschen, die ganz offensichtlich auch Kämpfer waren und sowieso irgendwie aufgefallen wären“, sagt er, um zu erklären, warum er zum Informanten wurde, als er in die Hände des Feindes gelangte. Die Schreie seiner gefolterten  Kameraden in der Haf waren genug, um auch ihn umzudrehen.

Ich sitze in einem wenig frequnetierten Teil der Victoria Station und mir gegenüber sitzt Kumaran und ein zweiter tamilischer Mann, der Mathematik in einem anderen Leben gelehrt hatte. Sie sind die ersten Augenzeugen, die nach vorne treten, um über das zu sprechen, was als „White Flag Case“ zu trauriger Berühmtheit gelangte. Diese Bezeichnung bezieht sich euphemistisch auf den Mord an einer Gruppe von Anführer des politischen Flügels der Tamil Tiger und deren engsten Angehörigen, nachdem sie eine Kapitulation am letzten Tag des Krieges ausgehandelt hatten.

Hektische Nachrichten per SMS

Auch die srilankische Präsident wusste, dass diese Gruppe geplant hatte, sich zu ergeben – die UNO, das Rote Kreuz, Norwegisch Diplomaten, die mittlerweile verstorbene Sunday Times Journalistin Marie Colvin, Vermittler in Europa und ein tamilisches Mitglied des srilankischen Parlaments – sie alle bekamen hektische Nachrichten von den Aufgabewilligen. Alle Hinweise von den hohen Beamten der Regierung von Sri Lanka waren beruhigend – dass die Kapitulation in Übereinstimmung mit der Genfer Konvention anerkannt werden würde – sie sollten sich lediglich an einem bestimmten Punkt mit weißen Flaggen den srilankischen Truppen nähern.

Einer von denen, die aufgeben wollten, war Pulidevan, den ich mehr als zehn Jahre lang kannte, als er ncoh einer der Friedensvermittler für die Tamil Tigers war und ich BBC-Korrespondentin in Sri Lanka. Puli – wie ihn seine Freunde nannten – wirkte manchmal etwas unbeholfenen und in apologetische Weise, wie es große Männer manchmal an Orten tun, wo klein und kurz die Norm ist. Er liebte nichts mehr, als sich auf dem Sofa in seinem Büro nieder zu lassen und in rasanter Geschwindigkeit über die aktuelle politische Situation zu reden – wie ein Mann hungrig ist auf Diskussion. Als ich Sri Lanka verließ, um von einem anderen Ort zu berichten, blieb er entschlossen in Kontakt mit mir.

Pulidevan war bereit für eine Kapitulation der Tamilen.

In den letzten Monaten des srilankischen Bürgerkriegs im Jahr 2009 kam Puli fast täglich online, um zu chatten. Es waren verzweifelte Hilferufe. Manchmal sprachen wir über Politik, über Schlachtfeld-Strategien und die ungewisse Zukunft, aber vor allem wollte er der täglichen Realität der abgetrennten Körperteile und schreienden Müttern entkommen. Es war eine seltsame Sache, aber wenn Sie mit jemanden kontinuierlich durch die Monate des Krieges hinweg sprechen, beginnt man unwillkürlich damit, nach Möglichkeiten für ein Überleben zu suchen, obwohl rational die Chancen dafür mehr als gering sind. Wir haben sogar darüber diskutiert, dass, wenn er bei einem Fluchtversuch erwischt wurde, oder dabei, zu entkommen oder sich zu ergeben, wahrscheinlich getötet werden würde – von den eigenen Leuten.

In den letzten vier Jahren habe ich versucht, Stück um Stück zusammen zu tragen, was Puli und den anderen wirklich passiert ist. Dieses Treffen in der Londoner Victoria Station war der großer Durchbruch. Es war surreal, Schicht auf Schicht des Verrats auf den Schlachtfeldern des nördlichen Sri Lanka zu diskutieren – inmitten des weltlichen Trubels der Pendler mitten in London.

Schon bald zeichneten wir an einer hingekritzelten Karte auf meinem Notebook, um die Front und die Brücke über die Lagune, über die Zehntausende von ausgemergelten Zivilisten am Ende entkommen konnten zu markieren – sie ließen wogenden schwarzen Rauch und hämmernden Grantenbeschuß hinter sich. Kumaran zeigt mir, wo er von der srilankischen Armee positioniert wurde – hinter einem irdenen Damm in der Nähe eines Baumes. Die Armee wollte von ihm, dass er die Identität der politischen Führer der Tiger beim überqueren der Front bestätigte. Wer könnte dies besser als deren ehemaliger Leibwächter? Es kam Kumaran nicht in den Sinn, dass er sie damit gefährden könnte, weil dies eindeutig eine gut geplante und organisierte Kapitulation war. Hohe srilankische Militärs und Beamten waren überall samt ihren Leibwächtern mit den Walkie-Talkies.

Weiße Fahne

Bei der erste Charge, welche die vorderste Front mit einer weißen Fahne zu überqueren suchte, waren auch die Frau des politischer Führers der Tiger. Sie war keine Tamilin sondern Singhalesin – Angehörige der gleichen ethnischen Gruppe wie die Soldaten. Als sie sich näherten, begann sie  in ihrer Sprache etwas zu rufen, das Kumaran nicht verstehen konnte – wahrscheinlich bedrängte sie die Soldaten, nicht zu schießen. Er beobachtete, wie die Tiger- Führern die Frontlinie überquerten. Sie wurden von den Soldaten, die sie über die Brücke begleiteten, zu einem Cluster von Fahrzeugen in der Ferne geführt. Weitere Gruppen von Tigers gingen in Abständen an ihm vorbei und ergaben sich.

Als das vorbei war, waretet Kumaran eine weitere Stunde oder so, bevor die Kapitulierenden von Militärs weggefahren wurden. Nach einer Weile bemerkte Kumaran, auf der Ladefläche eines Pick-up-Truck sitzend,  eine große Gruppe von Soldaten, die sich auf einem offenen Gelände neben der Straße versammelt hatten. Sie nahmen Bilder mit ihren Handys auf – von Leichen, die da lagen. Da fuhren sie vorbei und Kumaran war entsetzt zu sehen, dass Puli und seinem Chef, Nadesan, der politische Führer, tot da lagen, mit nackten Oberkörpern.

Kumaran begriff schnell, dass er als Zeuge dieses Verbrechens in noch größerer Gefahr war, als zuvor. „Ich dachte, wenn sie das mit ihnen tun können, was werden sie mir dann erst antun“, erinnert er sich, und seine Augen füllten sich mit Tränen, „eines der schwierigsten Dinge, in den Stunden und Tagen war es, dieses Wissen bei mir zu behalten und mit niemandem darüber zu sprechen.“

Kumaran hatte keine Ahnung, dass es noch andere tamilische Zeugen dieser tödlichen Kapitulation gab, die es eines Tages auch ins Ausland schaffen würden. Neben ihm sitzt Sharmilan, der einst Mathematik unterrichtete, vor Reihen von adrett gekleideten Schulkindern in blauen und weißen Uniformen im Bereich der nördlichen Sri Lanka, das damals noch unter der Kontrolle der Tigers war. Er will mir auch nicht seinen wirklichen Namen sagen oder an welcher Schule er arbeitete, damit man ihn nicht identifizieren kann und er damit seine Verwandten in Sri Lanka gefährden würde.

Heißen Kaffee schlürfend, um uns warm zu halten und stets ein wachsames Auge darauf, wer am Kommen und Gehen war in dem Café, sind die beiden Männer mir gegenüber herzlich, aber nicht besonders zueinander. Ich frage Sharmilan, ob er gewaltsam von den Tigers rekrutiert wurde. Er verwies auf die Regel, dass jede Familie einen Kämpfer der Rebellen stellen musste – und geht nicht weiter darauf ein, und erzählt, wie er nach nur einem Monat Training, er zum Graben von Bunkern und der Entsorgung von Leichen im letzten Jahr des Krieges gezwungen wurde.

Die Nacht bevor sich die obersten politischen Führer der Tamil Tiger ergaben, hatte auch Sharmilan beschlossen, sich zusammen mit einer großen Gruppe von Zivilisten zu ergeben. Es war noch dunkel, so dass die Armee sie in einem zerstörten Gebäude an der Front festhielt und auf die Dämmerung warteten.

Eskorte für Todgeweihte

Sharmilan war überrascht, als er durch das Fenster schaute und die politischen Führern der Tiger mit weißen Fahnen vorbei marschieren sah; er wusste, Kapitulation war ein Tabu für eine Organisation, die den Märtyrertod verherrlicht. Sharmilan beobachtete, wie die Soldaten die erste Gruppe von etwa 15 Personen empfingen und sie sie nach Waffen filzen, bevor sie über eine Brücke begleitet wurden, bis sie aus seinem Blickfeld verschwanden. In der Ferne sah er nicht nur militärische Fahrzeuge, sondern auch großen weiße Jeeps, wie sie von internationalen Hilfsorganisationen eingesetzt werden. Sharmilan schätzt, dass es etwa 500 Soldaten in der gegen gab. Er ist sich absolut sicher, dass alle politischen Führer der LTTE sich erfolgreich ergeben hatten.

Das ist natürlich nicht das, was das srilankische Militär dazu sagt. Das srilankische Militär und deren Regierung behaupten, dass die Tigers in den Rücken geschoßen wurden – von ihren eigenen Leuten. Wenn dies wirklich der Fall der Fall gewesen wäre, ist es überraschend, das das Militär nie Beweise präsentierte für diese Perfidie der Rebellen. Stattdessen vernichteten sie alle Beweise möglichst  schnell.

Nach einer Weile ein tauchte ein Foto im Internet auf – wahrscheinlich von einem der Soldaten aufgenommen, die Kumaran gesehen hatte. Das Foto zeigt die halbnackten Leichen von Puli und seinem Chef, Nadesan, mit Brandflecken und Platzwunden auf den entblößten Bäuchen. Pulis Brust zeigt Schußwunden, während Nadesan so aussieht, als ob er auf der einen Seite des Gesichts eine Schußwunde hat.

Wie es scheint, wollte die srilankische Regierung keine leitenden Führer der Tamil Tigers als Gefangene haben, vor allem nicht diejenigen, die gute internationale Verbindungen hatten und fließend Englisch statt. Ihre Inhaftierung und alle Rechtsstreitigkeiten wären für eine lange Zeit internationalen Kontrollen unterlegen. Das aber stellte ein Risiko dar, da sie Zeugen mehrere Kriegsverbrechen waren  – wie die absichtliche Bombardierung von Krankenhäusern, Lebensmittel- Warteschlangen und zivilen „No Fire Zonen“ durch Regierungstruppen. Und dann war da noch die vage Chance, dass diese Männer ein weiteres Kapitel des Kampfes der srilankischen Tamilen aufschlagen könnten. Die Sieger aber wollten ein definitives Ende des Konflikts.

Aber in ihrer Eile verletzt eine der grundlegenden Normen des Krieges. Ohne Respekt für die Weiße Fahne der Kapitualtion gibt es keinen Weg, Zivilisten und diejenigen, die Kämpfe einzustellen versuchen, zu schützen.

Selbst bei einer so disziplinierten militärischen Gruppe wie die Tamil Tigers kam ein Punkt, an dem viele ihrer Mitglieder keinen Sinn mehr in weiteren Kämpfen sehen konnten. Die beiden vor Kälte zitternden Männer mir gegenüber in der Victoria Station ignorierten die Mantra des Martyriums ihrer Organisation und entschieden sich stattdessen, sich selbst zu retten. Wenn sie nun hervor treten, um uns ihre Geschichte zu erzählen, begeben sie sich einmal mehr in tötliche Gefahr.

***

Frances Harrison ist ehemalige BBC-Korrespondentin in Sri Lanka. Ihr Buch mit Aussagen der Überlebenden des Bürgerkriegs in Sri Lanka „Still Counting the Dead“ ist in guten Buchhandlungen und online in ebook-Form bei Portobello Books erhältlich.

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