Fanatismus: Böse Buben und Buddhisten

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion aus Foreign Affairs vom 2. August 2012

Colombo – Im September vergangenen Jahres riss ein singhalesischen Mob, angeführt von etwa 100 buddhistischen Mönche einen muslimischen Schrein in der antiken Stadt Anuradhapura ab. Während die aufgebrachte Menge mit den buddhistischen Farben, Gold und Rot winkte, setze ein Mönch eine grüne Flagge der Muslime in Brand. Die Mönche behaupteten, dass der Schrein auf Land erbaut worden sei, das den Singhalesen zugesprochen worden war, vor 2.000 Jahren – eine Anspielung auf ihre Eigentumsrechte über den gesamten Inselstaat, wie in alten religiösen Texten schriftlich festgehalten.

Der Anuradhapura Angriff war nicht der einzige Vorfall in jüngster Zeit, bei dem sich Buddhisten, insbesondere buddhistische Mönche, schlecht benommen haben in Sri Lanka. Im April führten Mönche eine fast 2.000 Köpfe umfassende Meute singhalesischer Buddhisten in einer Demonstration gegen eine Moschee in Dambulla an, einer heilige Stadt, von der man glaubt, dass singhalesischen Könige dort vor fast zwei Jahrtausenden Zuflucht gesuchten haben vor den indischen Invasoren in einem riesigen Netz von Höhlen. Die hoch geladene Stimmung – aber weitgehend nur symbolische – Angriff markierte einen „historischen Tag“, so ein Mönch, der den Angriff führte und der dem aufgebrachten Publikum erzählte, „dies ist ein Sieg für diejenigen, die die [singhalesischen] Rasse lieben, singhalesisches Blut haben und Buddhisten sind.“

Solch eklatanter Chauvinismus steht zwar im Widerspruch zu westlichen Vorstellungen des Buddhismus – eine Religion, die Gewaltlosigkeit und Nicht-Anhaftung betont -, ist aber im Einklang mit der religiösen Geschichte Sri Lankas. Militanter Buddhismus hat dort seine Wurzeln in einer alten Erzählung, genannt Mahavamsa (Great Chronicle), die zuerst von Mönchen im sechsten Jahrhundert komponiert wurde. Nach Angaben der Mahavamsa sah der Buddha den Niedergang des Buddhismus in Indien voraus, sah aber gleichzeitig eine glänzende Zukunft dafür in Sri Lanka. „In Lanka, o Herr der Götter, wird meine Religion etabliert werden und gedeihen“, sagte er.

Die Singhalesen nehmen dies als ein Zeichen, dass sie das auserwählte Volk des Buddha sind, geboten den Buddhismus zu, „bewahren und zu schützen“ in seiner ursprünglichsten Form. Laut Mythos bewaffnet sich ein junger Singhalesen-Prinz im zweiten Jahrhundert vor Christus mit einem Speer, der in seiner Spitze eine Reliquie des Buddha hatte und führte eine Kolonne von 500 Mönchen an, um die tamilischen Eindringlinge aus Indien zu besiegen. Neben der Verteidigung seines Reiches aus Todesgefahr, legitimierte fortan des Prinzen Sieg religiöse Gewalt als Mittel für das Überleben der Nation.

Militanter Buddhismus war eine treibende Kraft hinter dem 25-jährigen Krieg zwischen der singhalesischen Mehrheit (74 Prozent der Bevölkerung) und der tamilischen Minderheit (18 Prozent), die für einen unabhängigen Staat im Norden und Osten der Insel kämpften. (Muslime, die machen bis zu sechs Prozent der Bevölkerung Sri Lankas ausmachen, waren oft gefangen in der Mitte.) Während des Krieges haben buddhistische Mönche immer wieder unterbieten Bemühungen um die Ausarbeitung eines Friedensabkommens erfolgreich torpediert.

Die Sangha, wie die Gemeinschaft der Geistlichen im Theravada-Buddhismus genannt wird, hat in der Vergangenheit politische Macht hinter den Kulissen ausgeübt, und verkörperte damit eine breite Front des religiösen Nationalismus. In den späteren Jahren des Krieges jedoch wurde immer mehr offen politisiert. Im Jahr 2004 wählte die nationalistische National Heritage Party (bekannt als JHU) sieben seiner Mitglieder in das Parlament, alle waren Mönche, und die Partei steht seither für die Rückkehr zu buddhistischer Moral im öffentlichen Leben. Bald nachdem der ersten Sitzung, inszenierte die JHU eine Schlägerei auf dem Parkett des Parlaments.

Die JHU auch daran gearbeitet, eine März 2002 von norwegischen diplomaten vermitteltes Friedensabkommen, das eine begrenzte Autonomie für die Tamil vorsah, zu versenken. Mönche erklärten öffentlich, dass Sri Lanka schon immer ein singhalesischen Königreichs gewesen sei, und dass die Autonomie die (pseudo-)mystische Vorstellung von einem einheitlichen Staat unterlaufe, und dass es keine andere Option gege, als die militärische.

Friedensverhandlungen machten die Tamil Tigers einfach stärker, erklärte unverblümt der JHU-Abgeordnete und Kleriker Athuraliye Rathana, den der srilankischen Medien alsbald den „Kriegs-Mönche“ tauften. „Wenn sie (die LTTE) ihre Waffen aufgeben, dann können wir reden“, sagte er. „Wenn nicht, dann werden wir sie mit allen Mitteln zu kontrollieren. Wir werden jetzt kämpfen und später sprechen.“

Im Frühjahr 2006 griffen Mönche eine ökumenische Gruppe von Friedens-Demonstranten an und begannen eine langen Sitz-Streik gegen ein Waffenstillstandsabkommen, das tatsächlich alsbald auseinander brach, was zu einer weiteren Runde von blutigen Kämpfen zwischen Sri Lankas Armee und den Kadern der LTTE führte.

Während das Blutvergießen weiter ging, gab ein Großteil des buddhistische Klerus seinen Segen zu einer abschließenden Offensive gegen die separatistischen Tamil Tigers. Im Mai 2009 gelangte das srilankische Militär siegreich aus diesem Kampf. Doch ihre brutale Offensive gegen die Tigers hat Präsident Mahinda Rajapakse-Regierung zum Ziel, eine breiten internationalen Verurteilung werden lassen. Zuverlässige Schätzungen der zivilen Todesopfer liegen bei bis zu 40.000, und der britischen TV-Kanal Channel 4 hat summarischen Hinrichtungen und Exekutionen von Gefangenen Tamil Tigers dokumentiert in dem Film „Sri Lankas Killing Fields“.

Obwohl Menschenrechtsorganisationen, darunter Amnesty International und der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, eine Untersuchung der Missbrauch und möglichen Kriegsverbrechen verlangt haben, hat die Regierung Rajapaksa bislang hartnäckig widerstanden. Die Mönche haben diesen Eigensinn unterstützt und sagen, dass solche Forderungen das angriffen, was Singhalesen als das buddhistische „Mutterland“ bezeichnen.

Nun da der Krieg zu Ende ist, stehen buddhistischen Geistliche an der Spitze der Förderung von strafendem Triumphalismus. Die singhalesischen Mehrheit sieht weithin den Sieg über die Tamilen als eine Ratifizierung seiner durch die alten Schriften geweihten Herrschaft, mit anderen Gruppen, die lediglich eine untergeordnete Stellung einnehmen.

Dementsprechend sind alle Schritte in Richtung Versöhnung früher oder später ins Stocken geraten. Die Anstrengungen der Regierung, die fast 300.000 durch die Kämpfe vertrieben Tamilen wieder anzusiedeln, ist jetzt fast erreicht, aber diese Wideransiedlung verlief langsam und und chaotisch, so dass neue Ressentiments entstanden. Das Militär hat großen Quartiere in tamilischen Gebieten etabliert, und sie führen die zumeist tamilischen Zivilisten mit harter Hand. Nach Angaben der International Crisis Group (ICG): „Wenn das Militär sich durch öffentlichen Protest herausgefordert fühlt ist seine Bereitschaft bekundet, Demonstranten körperlich anzugreifen und es gibt außerdem glaubwürdig Belege für die Beteiligung der Armee an dem Verschwindenlassen von Oppositionellen sowie andere außergerichtliche Bestrafungen bis hin zur Tötungen.“

Obwohl die Rehabilitierung ehemaliger Tiger Kader – bis zu 11.000 Menschen – nach Plan weitgehend fortgeschritten ist, gibt es Vorwürfe der Misshandlung von Gefangenen in der Haft und Schikanenierungen auch nach ihrer Entlassung.

Verteidigungsminister Gotabhaya Rajapaksa, der Bruder des Präsidenten, sagte kürzlich, dass der Norden und Osten nicht ausschließlich tamilischen Gebieten seien, was darauf hindeutet, dass die Regierung ihr singhalesisches Kolonisierungs Programme wieder hochfährt, was ein wichtiger Punkt der ethnischen Reibungen im Vorfeld des Krieges war. Inzwischen haben Tamilen sich darüber beschwert, dass das Militär buddhistische Tempel an Stellen errichtet, wo Hindu-Tempel in den Kämpfen zerstört wurden, oder in unmittelbarer Nähe traditioneller Hindu-Schreine. Es gibt auch Vorwürfe, dass Mönche zu ihrem Vorteil in der Verwirrung der Nachkriegszeit ergriffen, und tamilisches Land besetzt haben, vor allem in angrenzenden Gebieten der neuen Militärbasen. Im vergangenen Jahr warnte die ICG vor einem „Rezept für einen erneuten Konflikt“ und sagte, dass die Versöhnung „härter als je zuvor erscheint.“

Ein weiteres Zeichen der andauernden Kraft des militanten Buddhismus im Lande ist die Weigerung der Regierung, die Menschenrechtsverletzungen, zu Kriegsende begangen, anzugehen und Täter hinter Schloß und Riegel zu bringen. Präsident Rajapaksa, der unmittelbar nach dem Sieg des Landes nach Kandy eilte, der kulturelle Hauptstadt, um vor Top-buddhistischen Geistlichen niederzuknieen, hat Resolution der UN-Menschenrechtskommission vom März 2012, die nach einer Untersuchung in den humanitäre Missbrauch und möglichen Kriegsverbrechen ruft, rundweg abgelehnt. Erst kürzlich hat die Regierung Rajapaksa erstmal eingeräumt, dass es irgendwelche Opfer unter der Zivilbevölkerunggegebn haben könnte. Zuvor hat sie dies jahrelang strikt abgestritten und behauptete, es habe „Null zivile Opfer“ gegeben.

Während der UN-Menschenrechtsrat über die Resolution bezüglich Sri Lanka abstimmte, führte Hunderte von buddhistischen Mönchen eine Gebetswache in Colombo gegen sie. Hunderte mehr protestierten, als die Resolution mitgroßer Mehrheit angenommen wurde. Die Los Angeles Times zitiert ein Demonstrant mit den Worten: „Böse Kräfte sowohl lokale als auch internationale, haben sich die Hände gereicht, um Sri Lanka der gegenwärtigen Umgebung des Friedens zu berauben und diese gesegnete Insel zurück in eine Zeit der Finsternis zu stoßen.“

Manche sehen es als Ironie in sich selbst, dass buddhistische Mönche sich so eng mit einer Regierung verbünden, die der Verantwortung für humanitären Missbrauch widersteht. Aber die größere Ironie ist, dass, bei allen Versuchen des Schutzes und der Erhaltung ihrer besonderen Form des Buddhismus, die Singhalesen, genau dies ernsthaft verletzt zu haben scheinen. Die Beschäftigung der Sangha mit Politik ging auf Kosten des geistigen Fokus. Die meisten Mönche in Sri Lanka meditieren nicht mehr, was eigentlich des das „Kerngeschäft“ des Buddhismus sein soll. Einige westliche Buddhisten sind mittlerweile in missionarischer Reisen nach Sri Lanka gegangen, um die meditative Praxis neu zu beleben. Aber der Erfolg ist nur flüchtig.

Es macht sich auch eine Auflösung der klösterlichen Disziplin bemerkbar. Im vergangenen Februar wurde ein Mönch wegen Mordes zum Tode verurteilt – der erste Mönch, seit Talduwe Somarama Ministerpräsident SWRD Bandaranaike im Jahr 1959 tötete, nachdem er für die vollständige Umsetzung einer buddhistischen nationalistischen Agenda vergeblich gefochten hatte. Im letzten Jahrzehnt gab es fast 100 Fälle, in denen buddhistische Mönche des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen angeklagt wurde, und außerdem viele Fälle von Mönchen, besonders Jungen, die für öffentliche Trunkenheit und Rowdytum vor Gericht zitiert worden sind.

Die fundamentalistische Idee, dass der Buddhismus eine einzigartiger nationaler Besitz sei, hat ein Gefühl der moralischen Überlegenheit aufgebracht, das es schwer für viele Singhalesen macht, zu akzeptieren, wie angeschlagen ihr Buddhismus wirklich ist. Wie eine prominenter Laien-Buddhist, mir schmerzhaft (und diskret) vor mehr als zwanzig Jahren erklärte:, „Der Buddhismus ist in Sri Lanka jetzt hohl. Und wir sind nur so als ob…“ Heute ist diese Hohlheit weit verbreitet und sie wächst konstant.

Sri Lankas giftig Identitätspolitik ist nicht ganz einzigartig, vor allem in anderen Ländern des Theravada-Buddhismus. Buddhistischer Nationalismus in Myanmar (Burma), zum Beispiel, setzte einen ähnliche Standpunkt gegen den britischen Kolonialismus voraus. Aber die Verschmelzung von „das Land, die Rasse, der Glaubens“ unter der Mehrheit dort, zusammen mit dem Ziel, dass diese Mehrheit der Verwalter seiner eigenen, einzigartigen reinen Form des Buddhismus sei, ist auch eine große Quelle für politische und kulturelle Disharmonie mit den viele nicht-buddhistischen Minderheiten des Landes, zuletzt der Rohingya-Muslime.

Obwohl der srilankische Buddhismus offene Gewalt auf einer dogmatischen Ebene scheuen könnte, ist er doch nicht immun gegen nationalistische Mythen, die sehr wohl einen Platz für Gewalt sehen.

 

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