„Wir müssen um Erlaubnis bitten, unsere Toten zu begraben“

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion aus The Guardian vom 28. Juni 2012

London – Drei Jahre nach seinem Bürgerkrieg hat sich Sri Lanka zu einem Land mit mittlerem Einkommen entwickelt, und somit die meisten seiner Millenniums-Entwicklungsziele erfüllt. Das BIP (Brutto-Inlands-Produkt) stieg um rund 8% im Jahr 2011 und der Tourismus wird in diesem Jahr mehr als 1 Milliarde Dollar einbringen. Doch diese nationale Erfolgsgeschichte verschleiert die Geschichte eines unruhigen Nordens der Insel, der nach wie vor unter militärischer Kontrolle bleibt.

Die nördlichen, zumeist von Tamilen bewohnten Bezirke Jaffna, Kilinochchi, Mullaitivu, Mannar und Vavuniya verloren drei Jahrzehnten an dem Konflikt, der in der Niederlage der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) durch die Regierungstruppen im Mai 2009 endete. Obwohl der offenen Krieg nicht mehr tobt, und trotz großer staatlicher Investitionen in den Wiederaufbau der Region, sagen Tamilen, sie warteten bis heute auf Gerechtigkeit und Versöhnung.

Hinausragende in den Indischen Ozeam, an der nördlichen Spitze der Insel, wurde die Halbinsel Jaffna weitgehend vom Rest von Sri Lanka bis zum Jahr 2009 abgeschnitten. Heute erscheint Jaffna noch immer, als wache es nur langsam aus einer Betäubung auf. Pflanzen wuchern durch Einschusslöcher und Unkraut hat sich in den ausgebrannten Hausruinen eingenistet; Häuser ohne Dächer und Bewohner.

Auf zehn Zivilisten komt ein Soldat, dieses Verhältnis hat dem Leben auf der Halbinsel noch nicht die Handschrift des Friedens aufgetragen. Die Spannungen ist spürbar, während die srilankische Armee noch immer strenge Kontrolle über die Region hält durch Checkpoints an den Straßen und durch viele Militärstützpunkte. Nach einem Treffen mit Hillary Clinton in Washington, kritisierte der Sekretär im Außen-Ministerium, Karunatilaka Amunugama, den internationalen Druck auf Sri Lanka, die militärische Präsenz zu reduzieren. „Sri Lanka geht in andere Länder, noch fordert es Länder auf, ihre Truppen von einem Ort zum anderen zu verschaffen“, sagte er. „Das wird einfach deshalb nicht getan, weil es eine interne Angelegenheit ist.“

Im Zusammenhang mit dem dritten Jahrestag des Ende des Bürgerkriegs nutzte Präsident Mahinda Rajapaksa seine jährliche Sieges-Rede zur Rechtfertigung der Verbreitung von militärischen Camps im Norden und Osten – diese sei nötig wegen der starken pro-LTTE-Aktivität in der Diaspora.

In Jaffna, ist die Feindseligkeit zu spüren. „Das Militär hat angeblich keine administrativen Aufgaben hier“, sagte Anpu, 22, ein Student, der seinen Nachnamen nicht verraten will. „Aber sie mischen sich in absolut alles ein, jeden Tag; wir brauchen sogar ihre Erlaubnis, unsere Toten zu begraben.“ Vorwürfe bestehen gegen die Armee wegen politisch motivierten Entführungen und wegen der Schikanierung von Zivilisten. Die mutwillige Zerstörung von Orten mit symbolischer Bedeutung für die Tamilen – darunter ein Friedhof von Jaffna mit den Leichen von über 2.000 LTTE-Kämpfer, der 2010 mit Bulldozern planiert wurde, um Platz für eine Armee Basis zu machen hat das soziale Gefüge weiter angespannt.

Doch trotz dieser Reibungen öffnet sich der Norden langsam wieder für die Wirtschaft. Die Schlagloch-Piste aus dem Süden, im Krieg schwer beschädigt und für den öffentlichen Verkehr bis zum Jahr 2009, erfährt zaghafte Verbesserungen. Es ist immer noch ein Spießrutenlauf von einem kontrollierendem militärischen Außenposten zum anderen, flankiert von Minenräumungs-Teams, aber der Handel hat damit begonnen, von den Lockerungen der Beschränkungen zu profitieren.

Nach Angaben der Regierung wurden 98% der während des Krieges Vertriebenen in „einem Klima des Vertrauens und der Zufriedenheit“ um- und wieder angesiedelt. Obwohl diese Aussage mit Blick auf Probleme mit Landrechten und hinkenden Minenräumung überschattet ist, ist klar, dass bisher darauf geachtet wird, die Rückkehrer zu unterstützen.

Die staatliche Finanzierung hat die dringend benötigte Modernisierung der beschädigten und verfallenen Wasser-und Abwassersysteme im Norden vorangetrieben. Im Jahr 2010, so besagt ein Bericht von der Asian Development Bank (ADB) hatten noch weniger als 0,5% der Einwohner auf der Halbinsel Jaffna Zugang zu Leitungswasser, verglichen mit einem inselweiten Durchschnitt von mehr als 32%. Mit einem $ 164 Mio. Mittel-Injektion von der ADB, L’Agence Française de Développement und der srilankischen Regierung, wird sich das nun bald auch in Jaffna ändern.

Aber ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Centre for Policy Alternatives besagt: „Während die Regierung wiederholt ihr Interesse an der Entwicklung eines politischen Rahmens für die Versöhnung zum Ausdruck gebracht hat, gibt es auch Bedenken, dass die Regierung für ein Nachkriegs-Modell den Frieden durch wirtschaftlichen Entwicklung konsolidiert, anstatt sachlich und offen Fragen der Demokratie, einer politischen Lösung, die Menschenrechte und die Rechenschaftspflicht anzugehen.“

„Eine Menge Leute glauben, dass wenn wir nur die wirtschaftlichen Probleme angehen, kommt der Rest schon ins Lot“, sagt Priyanthi Fernando, Geschäftsführer des in Colombo ansässige Centre for Poverty Analysis (Center für Armuts Analyse). „Aber es muss ein Mix sowohl aus praktischer Lösungen für die akuten Probleme sein und wie auch das Nachdenken über die Dinge, die dahinter liegen, um die Wurzel des Konflikts zu verstehen.“

Exportorientiert, wird das nächste Kapitel in Sri Lankas Wirtschaft stark auf ausländische Unterstützung hoffen. Der UN-Menschenrechtsrat hat im März eine Resolution angenommene und damit den Druck auf die srilankische Regierung erhöht, nicht nur die Vorwürfe von Kriegsverbrechen durch seine Truppen in den letzten Monaten des Krieges zu untersuchen und sondern auch die Empfehlungen der LLRC (Gelernte Lektionen- und Versöhnungskommission) zu implementieren. Eine dieser Empfehlungen ist dieser Vorschlag: „Die militärische Präsenz muss schrittweise in den Hintergrund treten, damit die Menschen, wieder zu normalem zivilen Leben zurückfinden und die Vorteile des Friedens genießen können.“

„Diese neuerbaute Infrastruktur wird nicht als ein Tasuchpfand für unsere Rechte anerkannt werden“, sagt Anpu, „Und es wird auch nicht die Notwendigkeit der Gerechtigkeit für unsere Toten auslösen.“

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