Familien suchen nach Tausenden von Vermissten

Übersetzt von der LTTEwatch-Redaktion aus dem Independent/UK vom 7. November 2011

Von Andrew Buncombe

Vavuniya – Sein Name war Abi, er war sechs Jahre alt, und das letzte Mal, dass ihn seine Familie sah, war in den hektischen Momenten nach einem tödlichen Granatenschauer in der Nähe des Bunkers, wo sie Zuflucht gesucht hatten. Seine Schwestern wurden schwer verletzt, seine Mutter auch, und der Junge legte seinen Arm um sie. „Mutter“, schluchzte er dreimal.

Diese Szene spielte sich Mai 2009 ab, auf einem Streifen blutgetränkten Sandes im Norden Sri Lankas, wo tamilische Rebellen ihren letzten Widerstand gegen die vorrückenden Truppen der srilankischen Armee leisteten. Mit ihnen waren bis zu 300.000 Zivilisten dort. Seitdem hat Abis Familie nach ihm gesucht – ohne Erfolg; sie wandten sich an die Armee, an Wohltätigkeitsorganisationen, auch an Hindu-Priester. „Ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist. Ich weiß nur, dass er zuletzt seine Arme um meinen Hals hatte“, sagte die Mutter des Jungen, Getharagowri Mahendiran.

Die Familie ist mit ihrer verzeifelten Suche nicht allein. Zweieinhalb Jahre nach dem Ende der militärischen Operation, die die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) auslöschte, werden noch immer viele Hunderte, vielleicht Tausende von Menschen vermisst. Aktivisten sagen, dass die Unsicherheit und das Trauma für die Familien der Vermissten ein Stolperstein sei für die Bemühungen der Regierung um Versöhnung in einem Land , das gezeichnet ist von Jahrzehnten der Gewalt.

Daten, zur Verfügung gestellt von einem Projekt, das von den srilankischen Behörden in Zusammenarbeit mit UNICEF betrieben wird, um vermisste Kindern auf die Spur zu kommen, besagen, dass 2.592 Menschen, darunter rund 700 Jugendliche, offiziell als vermisst registriert wurden. Die Family Tracing Unit (FTU), in Vavuniya basiert, ist nur mit der Suche nach Kindern beauftragt und übergibt Daten vermisster Erwachsener an andere Regierungsstellen.

Rund 30 Kinder wurden aufgefunden und mit ihren Familien wieder vereint, seit die Abteilung ihre Arbeit Ende des Jahres 2009 aufnahm. Weitere 20 Fälle sind derzeit in Bearbeitung. In 64 weiteren Fällen wurden die Namen von vermissten Kindern mit denen in der Datenbank abgeglichen. Rund 65 Prozent der vermissten Kinder Fälle, gehen zurück auf Zwangsrekrutierung durch die LTTE.

„Es ist kein einfacher Prozess. Es ist sehr schwierig“, sagte Brigadier J.B. Galgamuwa, ein pensionierter Offizier, der ein Team von drei weiblichen Bewährungshelfer führt, die Polizei- und Armee-Aufzeichnungen durchforstet, Krankenhäuser und Kinderheime absucht, um Informationen über die Vermissten zu erlangen. Es gibt Vermutungen, dass einige Kinderheime in Kinderhandel engagiert sind. „Wir tun unser Bestes, um [den Familien] helfen“, fügt er hinzu.

„Wir sind alle Eltern, ansonsten gute Söhne und Töchter, und das ist der Grund, warum wir uns der Bedeutung dieses Themas bewusst sind.“

Die Unsicherheit für die Menschen und der Familie des fehlenden Abi, dessen Familie nun von der FTU unterstützt wird, erhöht das Elend einer Gemeinde, die noch immer unter dem Krieg leidet und von denen viele erst vor kurzem aus den Flüchtlings-Lagern entlassen wurden. Doch die Arbeit der Such-Einheit ist sehr sensitiv – da eine heftige Auseinandersetzung tobt über die tatsächliche Zahl der Zivilisten, die in der Endphase getötet wurden und bedingt durch den Umstand, dass sowohl die Regierungstruppen als auch die LTTE angeklagt sind, Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Beamte sagen, dass angesichts der begrenzten Ressourcen der Einheit und angesichts des Umstandes, dass für jemanden, der offiziell als vermisst gelten soll, mindestens ein lebender Verwandten in der Lage sein muss, den Fall zu registrieren, ist es wahrscheinlich, dass die Zahlen der FTU nur einen Teil der Gesamtsumme vermisster Menschen darstellt.

„Viele Menschen kommen zu uns und fragen an, ob ein Kind als tot oder lebend bestätigt werden kann, auch wenn Sie von uns nicht wiedervereinen werden können“, sagte ein Beamter des Projekts, der nicht genannt werden wollte. „Mit dieser Unsicherheit wollen sie nicht an ihre ursprünglichen Bezirke umgesiedelt werden, weil sie fühlen, sie sollten hier bleiben. Sie fühlen sich auch nicht in der Lage, wieder zur Arbeit gehen oder auf ihre Felder zurückkehren – bis sie ihr Kind wieder haben.“

Die Mehrheit der Fälle beziehen sich auf den Zeitraum zwischen Januar bis Mai 2009, als sich die einst so mächtigen LTTE im Norden und Osten zurückzog, während die srilankische Armee vorrückte. Als die LTTE dies tat, wurden rund 300.000 Zivilisten mit ihr gefangen; LTTE-Führer Velupillai Prabhakaran nahm sie mit in der Absicht, sie als sowohl als Puffer vor der Armee sowie als Faustpfand für die eigene Flucht zu benutzen.

Zeugen haben berichtet, dass LTTE-Kader auf Zivilisten schoßen, die in die von der Regierung kontrollierten Gebiet zu entkommen suchten.

Nachdem das LTTE-Hauptquartier in Killinochi Anfang Januar 2009 gefallen war, fluteten Massen von Zivilisten in den Osten entlang der A35 in Richtung Mullaitivu; dorthin, wo die letzten Kämpfe stattfanden. Eine Gegend, die bis heute tabu ist für Zivilisten, aber auch für Journalisten. Heute sind sowohl in Killinochi wie auch entlang dieser holprigen Straße, wo der Monsunregen klebrigen karminroten Schlamm hinterlässt, fast jeder entweder auf der Suche nach einem verloren Freund oder einem Verwandten, oder jemanden anderen vermissten.

In einem Friseursalon in Killinochi, weint Ponnathurai Suriyakumar hemmungslos, während er erzählt, wie er mit seiner Familie gezwungen wurde, nach Osten zu gehen, bis sie die so genannte „No Fire Zone“ erreichten, die durch die Regierung als solche deklariert worden war. Zahlreiche Augenzeugen haben berichtet, wie sowohl die Regierung als auch die LTTE das Feuer auf und von diesem Stückchen Land aus fortsetzten – mit verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Am 8. Mai hat eine einzelne Granate das Leben von 13 Menschen gefordert, die Zuflucht bei ihm suchten, sagt Herr Suriyakumar, einschließlich seinem acht Jahre alten Sohn, Sakinder. Herr Suriyakumar, dmals selbst schwer verletzt, sagt, seine 23-jährige Cousine fehle seit diesem Tag. „Wir haben keine Informationen über sie“, sagte er. „Man kann sich das nicht vorstellen, [wie die Situation dort war]. Alles wurde zerstört. Es war chaotisch.“

Ein Bauer namens Bala Singham, die in der Nähe der A35 lebt, sagte, dass seine Familie floh, bis sie zum Dorf Pokkanai kamen, das von Regierungstruppen eingenommen wurde. Es war dort, dass sein Bruder vermisst wurden. „Alle Leute rannten auf die Armee zu. Er war nicht da. Wir rannten über Leichen“, sagt Singham, der aus einem Lager der Regierung im Mai dieses Jahres entlassen wurde. „Wir haben überall gesucht. Wir haben uns an das IKRK (Internationales Komitee des Roten Kreuzes), die Polizei, die NGOs gewandt. Ich bin noch immer auf der Suche nach ihm.“

In kompletter Abwesenheit von hverwertbaren Informationen gibt es viele Familien, die Priester und Astrologen aufsuchen, in der Hoffnung sie könnten Einblicke bieten. Offizielle sagen, dass die Verwandten hin- un dhergerissen sind zwischen der Annahme, dass eine Familienmitglieds tot ist, zu trauern und sich dann weiterzubewegen mit ihrem Leben, und dem Glauben, dass die betreffenden Personen noch am Leben sind. Junge Frauen, deren Männer fehlen, sind besonders anfällig. Offizielle vermuten, dass nicht alle Astrologen – oft hochbezahlt für ihre Dienste – verantwortungsvoll handeln.

In Jaffna, Hochburg der tamilischen Gemeinschaft und ein Ort, der intensive Gewalt und Konflikte gesehen hat, sagt ein Hindu-Priester namens Sivashanmuga Nandakurkal, dass die Leute schon lange zu ihm kommen würden, um Informationen über Angehörige zu bekommen, die „verschwunden“ seien. Doch die Zahlen der Vermissten sei seit 2006 gestiegen, nachdem ein Waffenstilstand mit der LTTE zusammenbrach und Präsident Mahinda Rajapaksa die Entscheidung zu einer erneuten militärischen Operationen gegen den separatistischen Aufstand fällte, der insgesamt bis zu 100.000 Menschen tot hinterließ.

„Sie kommen mit dem Horoskop der vermissten Person. Durch das Horoskop können wir sagen, ob die Person am Leben ist oder nicht,“ sagt der Priester. „Wenn wir von der jüngeren Geschichte sprechen, sind die meisten der gesuchten Menschen nicht mehr am Leben. Nur in ganz wenigen Fällen ist die gesuchte Person noch am Leben.“

Der Priester, der behauptet, eine Trefferquote von 95 Prozent zu haben, sagte, er würde die Verwandten in ihrem Schicksal mit ihren Lieben nicht verführen. Doch er sagt, bei dem Versuch, ihren Schmerz zu lindern sage er nie direkt, jemand sei gestorben. „In jenen Fällen sagen wir: ‚Es wird sehr schwierig, sie zu finden‘,“ erklärte er.

Ein Bauer namens K Sathyanantharaja, der Reis anbaut in seinen überfluteten Feldern neben der A35, sagt, sein Schwiegervater und -Schwester seien in den Kämpfen getötet worden, während seine 21-jähriger Neffen noch fehle. Nach ergebnislosem Kontakt mit dem IKRK, habe die Familie eine Priesters kontaktiert. „Wir wissen nicht, ob er durch die LTTE oder die Armee mitgenommen wurde“, sagt er. „Wir befargten auch einen Astrologen. Der sagte, er sei noch am Leben. Er sagte, er könne im Moment nicht kommen, aber dass er in drei oder vier Monate zurückkehren würde.“

Die Regierung von Präsident Rajapaksa hat Millionen von Pfund für Nachkriegs-Projekte im Norden ausgegeben, für die Verbesserung der Straßen und der Infrastruktur, für die Bereitstellung von Notunterkünften, Lebensmitteln und der finanziellen Unterstützung sowie für eine große Anzahl von Militärstützpunkten auf dem Territorium, das zuvor von der LTTE gehalten wurde. Doch Aktivisten und tamilische Politiker sagen, das Problem der Vermissten bleibe eine Quelle des fortwährenden Traumas. Nuwan Bopege, Präsident der Students for Human Rights (Studenten für Menschenrechte), hat die Regierung aufgefordert, die Namen und Details der festgenommenen und vermuteten ehemaligen LLTE-Mitglieder, die noch immer ohne Verfahren in Haft sind, endlich zu veröffentlichen.

Die Umstände, unter denen die letzten Wochen des Krieges ausgefochten wurden, sind nach wie vor stark umstritten. Anfang dieses Jahres befand ein drei-köpfiges Experten-Panel, von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon eingerichtet, dass es „glaubwürdige Anschuldigungen“ gegen sowohl die Armee Sri Lankas als auch der LTTE gebe, wonach Kriegsverbrechen begangen wurden in der Endphase des Krieges. Der Bericht besagt, dass Zehntausende von Zivilisten getötet wurden und fordert eine unabhängige, internationale Untersuchung. Zu den gravierendsten Vorwürfen gehört, dass die Armee Krankenhäuser in der „No Fire Zone“ beschossen hat.

Die srilankischen Behörden haben die Panel-Ergebnisse in Bausch und Bogen zurückgewiesen. Die Regierungs-eigene Untersuchungskommission zum Konflikt soll ihren Bericht der Regierung noch in diesem Monat vorlegen. Prof. Rajiva Wijesinha, Regierungs-Abgeordneter und ein Berater des Präsidenten bezüglich „Versöhnung“, behauptet, das fast alle der 11.000 ehemaligen LTTE-Kämpfer, die von der Regierung gehalten wurden, nun freigelassen seien und dass „ungefähr“ 200 von ihnen vor gericht gestllt werden würden. „Die Namen [von den noch festgehaltenen] sind bei der National Human Rights Commission… Die Namen sind den nächsten Angehörigen verfügbar“, erzählt er.

Auf die Frage nach der Zahl ziviler Opfer, sagt Wijesinha, er glaubte, dass insgesamt rund 5.000 Menschen gestorben seien, einschließlich der von der LTTE getöteten, als auch diejenigen, die als Folge von „Kollateralschäden“ zu Tode kamen. Er sagt, die Regierung habe eine Reihe von Schritten zur Versöhnung unternommen, einschließlich wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen; er sagte aber auch, es gebe noch viel zu tun. Er fügt hinzu: „Wir müssen die Menschen davon überzeugen, in Richtung einer pluralistischen Gesellschaft zu arbeiten.“

In der Zwischenzeit gibt es für die Menschen wie die Familie des kleinen Abi, der nun neun Jahre alt wäre, weniges, was sie tun können, außer warten und hoffen. Seine Mutter sagt: „Ich glaube fest daran, dass er irgendwo ist.“

Abspann: Wahrheit und Schuldzuweisungen

Nach der Offensive von 2009 gegen die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die mit deren Niederlage endete, gab es weit verbreitete Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung der Vorwürfe, dass es Kriegsverbrechen gegeben habe – Sri Lanka wies die Forderungen vehement zurück.

Im Frühjahr 2010, sagte der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, er würde ein Expertengremium benennen, das ihn beraten solle in Sachen Sri Lanka. Fast zeitgleich kündigte Präsident Mahinda Rajapakse seine „Gelernte Lektionen- und Versöhnungskommission“ (LLRC) an, um die Ereignisse zwischen 2002 bis 2009 zu untersuchen. Es wird angenommen, dass die LLRC ihren Bericht noch in diesem Monat vorlegt, aber viele haben diesem Bericht bereits Einseitigkeit vorgeworfen, außerdem, dass die Zeugen ungeschützt seien. „Sri Lankas LLRC ist kein glaubwürdiger Rechenschafts-Mechanismus. Das Mandat ist äußerst mangelhaft und in der Praxis entspricht die Arbeit der Kommission bei weitem nicht den internationalen Standards von nationalen Untersuchungskommissionen“, sagt Amnesty International.

Der UN-Bericht fand inzwischen „glaubwürdige Anschuldigungen“ dafür, dass sowohl die Regierungstruppen als auch die LTTE Kriegsverbrechen begangenen haben. Zu den gravierendsten Vorwürfen gegen Sri Lankas Armees zählt der „systematische“ Beschuß von Kliniken in der „No-Fire Zone“. Der Bericht der UNO beschuldigte die LTTE der Zwangsrekrutierung, der Verwendung von Zivilisten als menschliche Schutzschilde, und dass die LTTE die Menschen gewaltsam davon abhielt, sich auf den Weg in die von der Regierung kontrollierten Gebieten zu machen. Der UN-Bericht besagt, dass Zehntausende von Zivilisten umkamen, die meisten von Regierungstruppen getötet. Die Regierung weist die Vorwürfe zurück.

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