Nilantha Ilangamuwa


Sri Lanka: Auf Messers Schneide

Von Nilantha Ilangamuwa vom 16. Februar 2012

Es gibt immer die eine trügerische Überzeugung: “Es wäre nicht das gleiche hier, solche Dinge sind hier unmöglich” – Der Archipel Gulag, von Alexander Solschenizyn.

Colombo – Der Morgen des Valentinstages (14. Februar) startet mit dem ungesund süßlichen Geruch des verbrannten Kadavers eines Menschen; der Vorfall ereignete sich im zentralen Teil von Colombo, mit Sicherheit einer der sichersten Orte im ganzen Land. Der verbrannte Körper war an einem Pfahl festgebunden. Die Menschen stehen herum und weinen und schreien, aber hat niemand eine Lösung oder eine Antwort, und alle sind sind in einem Dilemma. Viele fürchten, dass das Opfer die Person ist, die gestern, direkt vor den Toren des Gerichts von einer bewaffneten Bande entführt worden war, vor den Augen auch seiner Angehörigen. Wenn das wahr ist, dann zeigt uns der gesunde Menschenverstand sehr, sehr deutlich, wohin wir steuern.

Ist es das, was wir nach dem langen blutigen Konflikt mit der LTTE erreicht haben? Der Vorfall erinnert die Menschen an die südlichen Unruhen in den 70er und 80er Jahren, wo Tausende von Menschen lebendig auf den Straße verbrannt wurden und außergerichtliche Hinrichtungen durch staatliche Behörden zum ersten Mal erlebt werden konnten. Und nun töten die Mächtigen wieder die Hühner, um die Affen zu erschrecken.

Es ist nun sehr klar, dass wir uns wieder einmal auf eine katastrophale Situation zubewegen.

Der Frieden ist ein Mythos, in Sri Lanka, während gleichzeitig jede Schicht der Gesellschaft an irgendeiner Ecke brennt und kokelt, angezündet durch den Durst ihrer Vertreter nach Macht. Das schwarze Rauchzeichen eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs steigt in den Himmel von Serendib auf. Das ist der Alptraum unserer Gesellschaft.

Unsere Geschichte ist voll von solchen Tragödien, aber wir überwinden die Umstände, die dazu führen, nie, obwohl wir jede Gelegenheit dazu hatten, um genau dies zu tun. Vielleicht stimmt ja doch, was Karl Marx einst erläuterte, dass sich die Geschichte immer und immer wiederhole.

Der Präsident und seine Regime zeigen den Menschen im Lande eindeutig und umissverständlich, dass ihre Art des Umgangs mit den wesentlichen Probleme des Landes nicht mehr wirksam genug ist, um den vorrangigen Ziele dieser Krise zu begegnen und dass sie über keinerlei angemessene Lösungen verfügen – mit Ausnahme der gegenseitigen Schuldzuweisungen und dem Blockierung von Informationen vor der Öffentlichkeit.

Inzwischen hat die Regierung ein Video mit dem Titel “Ruthless” (Rücksichtslos) veröffentlicht, das auf LTTE-Aktivitäten basiert. Die Regierung hat diese “Anti-Produktion” herstellen lassen, um bei den bevorstehenden Sitzungen des Menschenrechtsrates im März in Genf bestehen zu können.

Doch welche Fakten und Tatsachen auch immer in dem Video dargestellen werden, sie alle können nicht die Rechenschaftspflicht der Regierung für ihre eigenen Aktionen negieren!

Mit anderen Worten: diese Art von drastischem Video zu veröffentlichen, während die Regierung dem noch lebenden LTTE-Führer namens Shanmugam Kumaran Tharmalingam, alias Selvarasa Pathmanathan, alias Kumaran Pathmanathan, oder einfach “KP” eine VIP-Behandlung zukommen lässt – das ist schlicht und einfach lächerlich.

Wenn der Staat behauptet, eine Person nach dem Gesetz verhaftet zu haben, dann muss sie auch gegen diese Person einen ordentlichen Prozess wegen seiner Taten  führen.

Als “K.P.” behauptete, er habe sich in der Führung der LTTE unter den Nagel gerissen, nach Angaben der Regierung die skrupelloseste Terror-Organisation überhaupt, dann muss es ein gerichtliches Verfahren gegen “K.P.” geben.

Alles andere ist unglaubwürdig.

Was wir verstehen, ist, dass heute Strafverfahren zu einer “Ja-Vielleicht-Mal-sehn-Politik” verkommen sind, etwas, was wir als “Ja-Sager-Politik” auch in anderen Bereichen zivilen Lebens beobachten können. Doch diese sind eben auch Paradebeispiele für den Zusammenbruch der Rechtsstaatlichkeit in diesem Land.

Die wirkliche Bedrohung ist jetzt nicht mehr die LTTE, die es nicht mehr gibt auf diesem Boden, es ist der Zusammenbruch der gesellschaftlichen Institutionen in diesem Land.

Eine Person, die eine Grundrechte-Petition beim Obersten Gerichtshof eingereicht hatte, wurde vor den Augen seiner seine Frau und seiner Tochter am helllichten Tag in Colombo entführt. Dann tauchten Nachrichten auf, dass er entführt worden sei, von einer unbekannten Gruppe, um Lösegeldzu erpressen.

Weiter hieß es in den Nachrichten, “Ramasamy (Ramasamy Prabaharan) hatte zuvor eine Petition wegen Verletzung seiner Grundrechte beim Obersten Gerichtshof eingereicht u.a. gegen hochrangige Offiziere der Colombo Crimes Division (Kripo der Hauptstadt) gerichtet, und der Fall sollte heute angenommen werden. Ramasamy klagt auf Rs 90 Millionen Schadensersatz, so The Island in ihrem Bericht, die Klage wurde, dies an sich schon eine überraschung – zugelassen.

Laut den unvollendeten polizeilichen Ermittlungen soll die unbekannte Entführer-Gruppe 100 Millionen Lösegeld fordern… Ramasamy wurde entführt, als er aus der Polizeistation von Athurugiriya zurück kam, wo ein häuslicher Streit mit einem seiner Mieter begleichen werden konnte.

In einem vorher von ihm abgeschickten Brief an das UN-Sekretariat des Ausschusses gegen Folter – Petitions-Abteilung, erklärt Ramasamy sehr dramatisch das Ausmaß seiner eigenen Erfahrungen. “Meine Grundrechte sind von der srilankischen Polizei und den Geheimdiensten verletzt worden und ich bitte demütigst Ihrer Exzellenzen humane und gerechte Regierungen darum, mir aus dieser tödliche Zwickmühle zu helfen, in die ich zwangsweise durch den Staat gedrängt wurde. Eure Exzellenzen, ich bitte Sie, meine Beschwerden zu untersuchen und ich bitte Sie, mir zu helfen bei der Sicherung meiner Entlassung aus dieser grob ungerechten Situation.”

Weiter erklärte er: “Ich habe während meiner Karriere als Geschäftsmann, immer wieder Briefe an den Verteidigungsminister Sri Lankas gesendet in Bezug auf die Entwicklung des Landes und auch dazu beigetragen, dass viele Offiziere der Armee Terroristen fassen konnten, die bereit waren, das Leben Unschuldiger zu nehmen.”

“Aufgrund der brutalen, unmenschlichen und barbarischen Angriffe auf mich und der Folter in der Haft – ich wurde mit dem Kopf nach unten fast einen ganzen Tag lang aufgehängt und schwer mit einem Holzprügel geschlagen, etwa achtzehn mal, meine Fingernägel wurden mir ausgerissen, mein Kopf mit Nägeln gespickt; nach all dieser Folter musste ich den Boden mit meiner Zunge von meinem Blut reinigen. Dies geschah fast vier Monate lang, und jetzt noch leide ich unter quälenden Schmerzen am ganzen Körper und ich musste mich behandeln lassen, aber als sie mich ins Krankenhaus brachten, war der Arzt schockiert zu sehen, dass ich noch am Leben war, nachdem ich das durchgemacht hatte und er versuchte, sie zu zwingen, mich da zu lassen, aber das durfte ich nicht…

En Detail hat er den UN-Berichterstattern gesagt, was mit ihm geschah.

Jetzt wird hektisch versucht, seine Geschichte unter den Teppich zu kehren, zum Beispiel mit dem Nonsens von der Lösegeld-Forderung.

Das hat uns daran erinnert, dass zumindest in diesem Punkt, nämlich den Rechtfertigungen der srilankische Polizei, was sie mit denen gemacht haben, mit denen sie fertig sind, verbessert hat… Ein ehemaliger leitender Polizeibeamter sagt diesem Autor in einem Interview vor drei Jahren: “ape polisiyata goraka mas karannath… mas goraka karannath puluwan.”

Mit anderen Worten, fast so viele Leute, die überlebten und behaupten können, dass die Polizei sie aus politischen Gründen verhaftet habe, sind in polizeilicher Obhut gestorben. Die Polizei wird sagen, dass sie jemand erschießen mussten – “in Notwehr” natürlich, weil das Opfer versucht habe, eine Handgranate zu werfen. Oder ähnliches.

Darauf weist schon ein großer Schriftsteller, Alexander Solschenizyn, in seinem Buch mit dem Titel: “Der Archipel Gulag” hin: “Die Wahrheit, so scheint es, ist immer schüchtern, sie ist leicht zu reduzieren auf eine Schweigen gar, durch allzu offensichtliche Lügen.”

Niemand weiß, was mit Ramasamy geschehen wird. Aber es gibt keine Garantie über die Sicherheit des menschlichen Lebens auf dieser Insel unter dieser Regierung. Das ist nichts anderes, als ein ernstes, komplettes Versagen der Polizei und der Justiz in diesem Land. Heute wird das Land von einer unbekannten bewaffneten Bande geführt, die die Freiheit von der Öffentlichen gestohlen hat. Der weiße Lieferwagen (“White Van”) ist zu einem Symbol dieses Alptraums geworden.

In seiner ersten offiziellen Erklärung des Sieges im Krieg wider die LTTE, erklärte Präsident Mahinda Rajapaksa vor dem Parlament:

“Dieser Sieg wird Ihnen noch viel Grund zur Zufriedenheit geben… Die gesamte Bevölkerung des Landes wird diese Zufriedenheit genießen können. Alle Abschnitte des Volkes, und alle politischen Parteien, die zu meinem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2005 beigetragen haben, können diese Zufriedenheit teilen”.

Und er zitierte aus seinem eigenen politischen Buch, genannt “Mahinda Chinthanaya”:”Die Freiheit in unserem Land ist das Höchste. Ich werde keinerlei Separatismus zulassen. Ich werde auch nicht zulassen, dass jemand die Demokratie in unserem Land zerstört… Ich werde alle ethnischen und religiösen Identitäten respektieren, und es unterlassen, Gewalt gegen Einzelne zu verüben und ich werde eine neue Gesellschaft aufbauen, die Individuen und die sozialen Freiheiten gleichermassen schützt.”

Drei Jahre nach dieser Erklärung der “Befreiung” in der Öffentlichkeit – kann, darf man da beurteilen, wohin uns die Worte des Präsidenten und seine Aktionen gebracht haben?

In der gleichen Rede bemerkte Rajapaksa: “Unser Volk fing an, sich mit einer defätistischen Mentalität konfrontiert zu sehen, ob wir mit einem derart bedrohlichen Problem fertig werden könnten, wozu viele andere Länder in der Welt sich nicht in der Lage sahen… Terrorismus ist wie eine giftige Schlange, die die gefährlichsten Eigenschaften herauszieht aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und allem Anderen in der Welt.”

Jetzt, heute, im Angesicht all dieser Tatsachen, wenn Wir uns jetzt die gegenwärtige Situation des Landes ansehen, dann steigt doch die grundlegende Frage in jedem von uns auf: kann sich das Land selbst befreien von der Angst? Wenn die Entführer selbst es sind, die die Nation beherrschen und die White Vans, die weißen Transporter, zu einem Symbol der alllmächtigen Regierungskontrolle geworden sind?

Dieser Nazi- oder auch stalinistische Kultur hat eine lange unrühmliche Geschichte in der Welt – und auch in Sri Lanka. Diese Kultur wird uns nie in die Freiheit leiten, aber sie wird immer neue Alpträume gebären. Mit anderen Worten, dieser Kannibalismus macht uns niemals zum “Wunder von Asien” , sondern es wird die eigentliche Ursache unserer Selbstzerstörung sein.

Dieses Szenario erinnert uns heute an die eindringlichen Worte von Martin Niemöller, einem prominenten evangelischen Pfarrer, der sich dem Naziregime in Deutschland widersetzte – und letztlich dafür starb. Niemöller schrieb aus dem KZ:

 

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

 

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