Von der LTTEwatch-Redaktion vom 22. Februar 2012
London – Gefragt, warum sie von den Kriegsschauplätzen dieser Welt berichtet, sagte Marie Colvin, dass sie damit am besten das Unwesen von Dikataturen aufdecken und den unterdrückten Menschen dort eine Stimme geben könne. Wenn es irgednwo auf der Welt krachte zwischen Volk und ungeliebten Machthabern, dann war Marie Colvin vor Ort und berichtete, was das Volk zu sagen hatte.
Marie Colvins starke Stimme erstarb heute, am 22. Februar 2012 in der syrischen Stadt Homs, von wo sie über die Bombardierungen der zivilen Bevölkerung durch den syrischen Despoten Assad berichtete.
Marie Colvoin starb zusammen mit ihrem französischen Fotografen und Kameramann Rémi Ochlik, als das Haus, in dem sie sich mit Aufständischen zu Interviews aufhielten, von Regierungstruppen bombardiert wurde.
Zuletzt hatte Marie Colvin gestern Abend live vor Ort für CNN, ITN News und Channel 4 berichtet.
Die LTTEwatch-Redaktion trauert um eine großartige Freundin und Kollegin.
Die im Bundesstaat New York geborene, mehrfach ausgezeichnete Vollblut-Journalistin, arbeitete zuletzt für den britische Sunday Times. Ihre markante Augenklappe hat sie dem Krieg in Sri Lanka zu verdanken, wo sie 2001, beim Versuch, die Demarkationslinie zwischen srilankischen Truppen und LTTE zu queren, in einen Granatenangriff der Armee geriet und durch ein Schrapnel ihr linkes Auge verlor.
Sri Lanka, ganz besonders die derzeitige Regierung dort, wird künftig noch oft an Marie Colvin denken. Ihr haben wir die Aufdeckung des sogenannten “White Flag” Falles zu verdanken, sie war die Journalistin, die von den LTTE-Führern wegen einer Kapitualtion kontaktiert wurde.
Zum Gedenken an Marie Colvin nachfolgend noch einmal der ursprüngliche Bericht zum “White Flag” Vorfall vom Mai 2009, der mit Sicherheit auch weit nach ihrem Tod noch Wellen schlagen wird.
Prophetisch und weitsichtig war und ist der Artikel noch immer…
R.I.P. Marie Colvin.
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Der mysteriöse Fall der Weissen Flagge
von Marie Colvin
Es war eine verzweifeltes, letzte Telefonat – aber er klang nicht wie ein Mann, der innerhalb der nächsten Stunden tot sein würde. Balasingham Nadesan, der politische Führer der Tamil Tigers, konnte sich nirgendwo merh hin bewegen, so schien es.
“Wir legen unsere Waffen nieder”, sagte er mir am letzten Sonntag spät abends per Satellitentelefon von dem winzigen Streifen von Dschungel und Strand an der Nordostküste Sri Lankas aus, wo die Tigers ihren letzten Widerstand fochten. Ich hörte Maschinengewehrfeuer im Hintergrund hämmern, während er ungerührt fortfuhr:
“Wir ersuchen um eine Sicherheitsgarantie von der Obama-Regierung und der britischen Regierung. Wird es eine Garantie für unsere Sicherheit geben? “
Er war sich sehr wohl bewusst darüber, dass die Kapitulation gegenüber der siegreiche Armee Sri Lankas einer der gefährlichste Moment sein würde, in dem 26-jährigen Bürgerkrieg zwischen den Tigers und Sri Lankas singhalesischer Mehrheit.
Ich hatte Nadesan und Seevaratnam Puleedevan, den Chef des “Friedens-Sekretariats” der Tigers kennen gelernt, als sie mich vor acht Jahren in das Rebellengebiet eingeschmuggelt hatten.
Damals kontrollierten die Tigers ein Drittel der Insel; nun versuchten diese beiden Männer verzweifelt, das Leben der restlichen 300 Kämpfer und deren Familien zu retten, viele von ihnen verletzt. Weitere, zehntausende von tamilische Zivilisten waren mit ihnen gefangen, zusammen gekauert in per Hand ausgehobenen Gräben, wo sie das ständige Bombardement ertragen mussten.
Seit einigen Tagen schon hatte ich als Mittler zwischen den Tamil Tigers und der Leitung der Vereinten Nationen fungiuert, während die srilankische Armee dabei war, auch die letzte Enklave der Aufständischen am Ende einer erfolgreichen militärischen Kampagne einzunehmen.
Nadesan bat mich, drei Punkte an die Verantwortlichen bei der UNO weiter zu geben: sie würden ihre Waffen niederzulegen, sie wollten dafür eine Garantie für ihre Sicherheit von den Amerikanern und/oder den Briten, und sie wollten die Zusicherung, dass die srilankische Regierung einem politischen Prozess zustimmen würde, der die Rechte der tamilischen Minderheit garantieren würde.
Durch hoch gestellte britische und amerikanische Beamte hatte ich Kontakt mit dem UN-Sondergesandte in Colombo etablieren können, Vijay Nambiar, dem Stabschef des Ki Moon, dem Generalsekretär Ban Ki Moon. Ich hatte ihm die Bedingungen für die Kapitulation mitgeteilt, und er sagte mir, er würde diese umgehend an die srilankischen Regierung weiterleiten.
Es schien, als könnte dem Konflikt ein friedlicher Ausgang gesetzt werden. Puleedevan, ein gut genährter, lebenslustiger, bebrillter Kerl, hat sogar Zeit gefunden, mir eine MMS mit einem Foto von sich, lächeln in einem Bunker hockend, zu schicken.
Nach der letzten Sonntagnacht jedoch, während die Armee immer weiter vorrückte, gab es plötzlich keine weiteren politische Forderungen von den Tigers und auch keine Fotos mehr. Nadesan weigerte sich, das Wort “Kapitulation” zu verwenden, wenn er mich anrief, doch das war es, was er tun wollte. Er wollte, dass Nambiar dabei anwesend ist, um den Tigers Sicherheit zu gewährleisten.
wieder einmal stellt emich die rund um die Uhr besetzte UNO-Zentrale in New York durch, damit ich Nambiar in Colombo sprechen konnte, wo es war 5.30 Uhr am Montagmorgen war. Ich weckte ihn.
Ich sagte ihm, die Tigers hatten ihre Waffen niedergelegt. Er sagte mir, er sei persönlich von Mahinda Rajapaksa, dem Präsident von Sri Lanka versichert worden, dass Nadesan und Puleedevan sicher seien bei ihrer Kapitulation. Alles, was sie tun müssten, habe er gesagt, sei, “eine weiße Fahne hoch zu halten”.
Ich fragte Nambiar, ob er nicht besser nach Norden reisen sollte, um die Übergabe mitzuerleben. Er sagte, nein, das sei nicht notwendig: des Präsidenten Zusicherungen seien genug.
Es war noch spät am Sonntagabend in London. Ich versuchte, das Satelliten-Telefon von Nadesan zu erreichen, aber scheiterte. Ich rief einen Kontakt-Tiger in Südafrika an, um Nambiar Botschaft weiter zu geben: sie sollen eine weiße Fahne hoch halten.
Ich wurde Montagmorgen um 5 Uhr durch einen Anruf von einem anderen Tiger-Kontakt in Südostasien geweckt. Er sei nicht imstande, Nadesan telefonisch zu erreichen. “Ich denke, es ist alles vorbei”, sagte er. “Ich denke, sie sind alle tot”.
An diesem Abend, stellte die srilankische Armee ihre toten Körper zur Schau. Was war bei der Kapitulation falsch gelaufen? Ich sollte es bald herausfinden.
Ich entdeckte, dass Nadesan am Sonntagabend auch Rohan Chandra Nehru, einen tamilischen Abgeordneten im srilankischen Parlament angerifen hatte, der widerum sofort Rajapaksa kontaktiert hatte.
Der Abgeordnete erzählt die Ereignisse der nächsten Stunden: “Der Präsident selbst sagte zu mir, er würde persönlich die volle Sicherheit von Nadesan und dessen Familie zugestehen. Nadesan sagte, er habe 300 Menschen mit sich, einige davon verletzt.
Nehru: “Ich sagte zum Präsidenten: ‘Ich werde hingehen gehen und ihre Kapitulation entgegen nehmen. Rajapaksa sagte, ‘Nein, unsere Armee ist sehr großzügig und sehr diszipliniert. Es besteht keine Notwendigkeit für Sie ins Kriegsgebiet zu gehen. Sie brauchen nicht Ihr Leben in Gefahr setzen.”
Chandra Nehru sagte, dass Basil, der Bruder des Präsidenten, ihn auch angerufen habe. “Er sagte, ‘Sie werden sicher sein. Sie müssen nur eine weiße Fahne hissen.’ Und er erklärte mir den genauen Weg, den sie gehen sollten.”
Der Abgeordnete erreichte Nadesan um etwa 6.20 Uhr Ortszeit am Montag. Der Klang der Schüsse war lauter denn je.
“Wir sind bereit”, sagte Nadesan zu ihm. “Ich gehe zu Fuß raus und wir hissen die weiße Fahne.”
“Ich sagte ihm:’Halte die weisse Flagge hoch, mein Bruder – sie müssen sie sehen können. Ich werde dich am Abend sehen”, sagte Chandra Nehru.
Ein tamilischer Zivilist, der in einer Gruppe war, die der Todes- Zone entkommen konnte, beschrieb, was dann passiert ist.
Diese Quelle, der sich später an einen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation wandte, sagte, dass Nadesan und Puleedevan auf die Linien der srilankischen Armee mit einer weißen Fahne zugingen, in einer Gruppe von etwa einem Dutzend Männern und Frauen. Er sagte, sobald die Gruppe aus der Deckung kam, eröffnete die Armee das Feuer mit Maschinengewehren auf sie.
Nadesans Ehefrau, eine Singhalesen, schrie in Sinhala den Soldaten zu: “Er versucht, sich zu ergeben, und ihr schießt auf ihn.” Auch sie wurde nieder geschossen.
Die Quelle sagt, dass alle in der Gruppe getötet wurden. Er lebt nun versteckt und hat Angst um sein Leben. der Abgeordnete Chandra Nehru hat das Land umgehend verlassen, nachdem er durch den Präsidenten und dessen Bruder bedroht worden war.
In den vergangenen Tagen ist Nambiars Rolle als UN-Gesandter in Frage gestellt worden. Nambiars Bruder, Satish, war seit 2002 bezahlter Berater der Armee Sri Lankas. Satish schrieb einmal, dass General Sarath Fonseka, der Kommandeur der srilankischen Streitkräfte, “scheint die herausragenden Qualitäten eines großen militärischen Führers zu haben”.
Obwohl die Tamil Tigers aufgrund von vergangenen Akten des Terrorismus, einschließlich Selbstmordanschlägen, weltweit verboten sind, bevorzugten Nadesan und Puleedevan eine politische Lösung des Konflikts. Hätten sie gelebt, wären sie glaubwürdige politische Führer der tamilischen Minderheit gewesen.
Es war Velupillai Prabhakaran, ihr Kommandeur, der die Bewegung in eine militärische Tötungs-Maschine umbaute. Er war paranoid und rücksichtslos, und er blieb militärische Mittel verpflichtet, selbst als die Tamil Tigers mehr und mehr an Boden verloren im Angesicht des Ansturms der Armee Sri Lankas.
Letzte Woche, obwohl Gerüchte kursierten, dass Prabhakaran überlebt habe, war die Organisation in kompletter Unordnung. Überlebende tamilischen Führer sprachen von der Hinwendung zu einem politischen Prozess, während die militanten Vertreter der LTTE mit Racheakten drohten.
Ich bin als Journalistin in einer schwierigen Position diese Geschichte zu berichten. Ich ging zuerst nach Sri Lanka im Jahr 2001, um Berichte zu untersuchen, dass die Regierung Nahrungsmitteln und medizinischen Hilfsgütern für ein halbe Million Tamilen blockiere. Journalisten waren seit 6 Jahren weitgehend verbannt vom nördlichen Tamilen-Bereich.
Ich fand Menschen, die in Elend hausten und Ärzte, die um die Medizin für sie bettelten. LTTE-Führer wie Nadesan und Puleedevan sagte mir, sie hätten ihre Forderungen für eine Unabhängigkeit, auf eine Autonomie innerhalb von Sri Lanka reduziert.
Als ich aus der Gegend, wo wir uns getroffen hatten, nachts hinausgeschmuggelt wurde, wurden wir von der srilankischen Armee überfallen. Ich war unverletzt, bis ich schrie “Journalist, Journalist.” Dann haben sie einen Granatwerfer auf mich abgefeuert, und ich wurde schwer verletzt und verlor ein Auge.
Nach unregelmässigen Kontakten mit den Tamilen seitdem hatte ich in den letzten Monaten eine Reihe von Anrufen von der LTTE-Führung, während die Tigers immer mehr zurückfielen angesichts der neuen Offensive der srilankischen Armee. Bei einem Aufruf sagte Nadesan, die Tigers würden sich an das Ergebnis einer Volksabstimmung halten und er bat darum einen Waffenstillstand zu gewähren. Seine Bitte und sein Plädoyer wurde von Colombo abgelehnt.
Es wurde getanzt auf den Straßen der Hauptstadt letzte Woche nach der Niederlage der Tigers. Der Seig ist endlich da – jedoch zu schockierend hohen Kosten für die tamilischen Zivilisten.
Die Vereinten Nationen sagt, dass mindestens 7.000 im letzten Angriff gestorben sind, obwohl die Zahl vermutlich viel höher ist. Etwa 280.000 Menschen, die von den Kämpfen eingeschlossen worden waren, wurden in “Wohlfahrts”-Lagern eingepfercht, von Stacheldraht umgeben, wo die Bedingungen sich sehr schnell verschlechtern.
Gestern behaupteten internationalen Hilfsorganisationen, dass bis zu drei Familien sich in jedem Zelt drängten und dass die Menschen in den Lagern Stunden für Trinkwasser und Lebensmitteln anstellen müssen. Ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation sagte mir, es gebe nur einen Arzt in einem Lager, das 44.000 Menschen beherbergt.
Flüchtlinge, die von The Sunday Times über Hilfsorganisationen erreicht werden konnten, entluden ihren Zorn. “Schaun Sie, wie wir leben”, sagte mir eine Frau in einem Lager mit ihren zwei Kindern. “Wir haben keinen Platz, keinen Schutz vor der Sonne. Wir sind Gefangene mit bewaffneten Wachen und Stacheldraht um uns herum. Was denken die, dass ich tun werde – eine Mutter und ihre beiden Kinder? Warum sind wir hier?”
Berichte kursierten, dass Mitglieder der paramilitärischen Banden der Regierung junge Menschen aus den Lagern heraus pickten, denen sie vorwerfen, Tigers zu sein; man bringe sie zu geheimen Einrichtungen und misshandle sie dort - obwohl dies nicht bestätigt werden konnte.
Präsident Rajapaksa redet davon, der tamilischen Gemeinschaft die Hand zu reichen, dem Land die die Einheit zu bringen und er verspricht 80% der Wiederansiedlung der Flüchtlinge bis Ende des Jahres zu erreichen.
“Ich glaube nicht, dass das realistisch ist”, sagte Anna Neistat, von Human Rights Watch. “Es gibt kein Verfahren, niemand wird entlassen.”
Unabhängig von den erklärten Absichten der Regierung, scheint es wenig Aussicht auf eine Einigung Sri Lanka in absehbarer Zeit zu geben – es sei denn, die Missstände, die die Tamil Tigers zur einstigen Blühte brachten, werden angesprochen sind.










Veröffentlicht am 22. Februar 2012
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