Übersetzt aus dem sinhalesischen Tageszeitung The Island vom 18. November 2008
Von John C. Thompson – Präsident des Mackenzie Instituts in Toronto, Kanada
Seit ihres Auftauchens als eine lokale terroristische Gruppe aus einer kriminellen Unter-Gemeinschaft in Jaffna auf Sri Lanka, haben die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) verschiedene Veränderungen durchgemacht. Die nächste könnte die sein, die am längsten andauert – und am gefährlichsten ist.
Die Organisation und Disziplin der LTTE hat sie zu interessanten Studienobjekt gemacht. Sie sind sehr innovativ, einfallsreich und fleißig: Diese Eigenschaften würden ihre Mitglieder zu einem Erfolg in jedem friedlicheren und profitableren Feld der Bemühung werden lassen. Doch leider wurde für die Tamilen von Sri Lanka und für die anderen Völker der Inselnation ihr Talent auf die Revolte hin ausgerichtet. Jetzt, nach Jahrzehnten des Krieges, sieht sich die 25 Jahre alte Tiger Guerilla der Niederlage gegenüber, und was als nächstes kommt, das könnte sogar noch mehr von dem Charakter der Bewegung hinter ihnen enthüllen.
Wenn man angesichts der realen Niederlage einen spirituellen Sieg erklärt, dann kann dies beruhigend sein (fragt nur die Serben)… aber mit dem kriminiellen Reich der LTTE und ihrem Griff auf die srilankische tamilische Diaspora wird es Konsequenzen geben.
Bei den Modellen der Rebellion, welche in 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden, kann ein politischer Grund aus einer ideologischen Bewegung – gewöhnlich Marxismus oder radikalisierter Nationalismus – Gestalt annehmen. Dann beginnen an einem Punkt die radikaleren Elemente, terroristische Zellen zu schaffen. Wenn diese weitermachen, dann spaltet sich die Gesellschaft und den Leuten bleiben zwei Wahlmöglichkeiten: Sie können sich entweder unter den Behörden sammeln oder unter der Bewegung. Wenn die Bewegung wächst, schafft sie genauso Guerilla-Streifkräfte wie terroristische Zellen.
Schließlich sind diese stark genug, um die militärischen Kräfte der Regierung im Feld anzugreifen und bis zum Sieg weiterzumachen. Danach ist das Gras grüner, der Himmel ist blau, und es gibt Erdbeeren und Sahne für alle – außer für jene bösen Kräfte der Unterdrückung, welche „soziale Gerechtigkeit“ (gewöhnlich eine Kugel in den Hinterkopf) erhalten.
Dies ist das Drehbuch, aber oft sieht die Realität anders aus.
Im Fall der LTTE, welche oft ihre eigene Geschichte verdunkelt, war ihr Gründer Vellupillai Prabhakaran ein Straßengangster, der sich auf Erpressung und Schmuggel spezialisiert hatten und früh in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts politische Ambitionen bekam. Er machte aus seiner Clique eine kleine Terroristengruppe, verbrachte Jahre damit, langsam Stärke aufzubauen und folgte dem klassischen Muster, indem er Terrorismus gebrauchte, um einen Zyklus von Aktion und Gegenreaktion zu schaffen und zu beschleunigen, um den jeder Rebell inständig bitten würde. Im allgemeinen tritt der klassische Terrorist die Behörden ins Schienbein, bis sie zurücktreten, und dann schreit der Terrorist: „Hilfe! Hilfe! Wir werden unterdrückt! Ihr habt gesehen, wie sie mich unterdrückt haben, nicht wahr?“ (Zitat mit Entschuldigung von Monty Python genommen).
Die srilankanische Polizei und das Militär waren damals weniger als erfahren als heute und haben sich zuvorkommend genau so verhalten, wie es in dem Drehbuch steht. Dies erlaubte den Tigern, an Stärke zuzunehmen. Dann, nachdem in einem Hinterhalt der LTTE im Juli 1983 15 Soldaten getötet worden waren, spielte die Armee in Jaffna völlig verrückt – und das taten auch singhalesische Mobs anderswo in Sri Lanka – und ermordeten Hunderte von Tamilen und trieben Zehntausende (und mehr) in Furcht aus ihren Häusern weg. Es war wie bei dem vorläufigen Flügel der IRA und dem „Massaker des Blutigen Sonntags“ von 1972: Die LTTE hatte schließlich den Zwischenfall, den sie wünschte, und sie hat seitdem alles gerechtfertigt, indem sie sich auf diese Gewaltorgie des Mobs zurückbezog. In der Tat wird oft ihre ganze Geschichte vor 1983 passenderweise vergessen.
Jedoch brauchen Guerillas Zeit, um sich zu organisieren, und fast jeder vergißt, dass die LTTE schon eine Guerilla-Streitkraft hatte, als dieser Zwischenfall geschah. Überdies hat Sri Lanka seitdem ein paar Waffenstillstände (die gewöhnlich von den Tigern beendet worden waren) abgeblockt und sich einem andauernden Guerilla-Konflikt gegenübergesehen.
Aber nach 25 Jahren hat das srilankische Militär die Werkzeuge, die Technologie und die Führerschaft, die es braucht, um endlich die Guerilla-Streitkräfte der LTTE zu besiegen. Heilige Gebiete auf der Insel, die seit langem von den Tigern gehalten worden sind, sind gefallen. Die legendären Bunkersysteme der Tiger im Dschungel wurden durch neue sensorische Systeme entdeckt und mittels intelligenter Bomben aufgesprengt. Die inoffizielle LTTE Hauptstadt, die Stadt Killinochchi könnte bald fallen, obwohl die Tiger behaupten, dass dies ein „tamilisches Stalingrad“ wäre; und ganze Gebiete von Sri Lanka sind seit Monaten von den LTTE Angriffen befreit.
Wenn man jedoch von den Pro-Tiger Webseiten und Chat-Räumen her urteilt, dann heißt es: “die LTTE kämpft tapfer und sicher muss die korrupte und dekadente srilankische Armee bald auseinanderfallen… die tapferen Tiger können nicht versagen … nun, tote Armeeangehörige sind wie Klafterholz aufgeschichtet, obwohl ein paar geheiligte Verteidiger des Grundes glorreich gestorben sind…” Und so weiter, bis zum Erbrechen. Wenn man keinen Sieg zum Greifen nahe sieht, dann kann ein Sieg in der Vorstellungskraft sehr befriedigend sein. Es gibt unheilvolle Zeichen, dass die Führerschaft der Tiger erkennt, dass das Menetekel für ihre Guerillastreitkräfte im Feld und für die geheiligten Gebiete, die sie lange gehalten haben, an der Wand geschrieben steht.
Am 27. November 2008 wird erwartet, dass der Tiger Apparat im Ausland den „Heldentag“ ihrer Bewegung feiern wird. Prabhakaran wird wahrscheinlich seine gewöhnliche Radioansprache abliefern. Dieses Mal kann es per Tonband sein, aus Furcht, dass der Ort, an dem er sich aufhält, auf eine intelligente Bombe der Luftwaffe geschrieben und diese abgeschickt wird, wenn er bei einem Radiosender auftaucht. Dies wird eine andere Abweichung von den gewöhnlichen Sitten der LTTE sein.
Durch die Führerschaft der Diaspora kreist schon der Satz, dass das Thema des Heldentages in diesem Jahr sein wird: “Unser Land kann eingenommen werden, aber unsere Bestrebungen können nicht besiegt werden.”
Es hat Bewegungen gegeben, deren Führerschaft Erklärungen herausgegeben hat, wie: “Wir wurden geschlagen. Wir haben es so gut versucht, wie es ging, aber der Kampf ist vorbei und das, was jetzt einzig verantwortlich ist, ist, sich zu ergeben.“ Darum hat der Amerikanische Bürgerkrieg so geendet, wie er es in Wirklichkeit tat, mit einer würdevollen Kapitulation durch Robert E. Lee und dessen würdevollem Akzeptieren durch Ulysses S. Grant. Die Tiger scheinen nichts in der Art zu planen.
Statt dessen scheinen die Tiger dabei zu sein, sich in den tröstlichen Mythos eines spirituellen Sieges als eine Alternative zu einer realistischen Niederlage zurückzuziehen. Dies haben auch die Serben getan, als sie ihren Stolz nach ihrer Niederlage, die ihnen in der Schlacht von Kosovo Polja 1389 durch die Türken bereitet worden war, genährt hatten. Ihr zerbrechliches Nationalgefühl hat seitdem 600 Jahre angehalten.
Als er sich der drohenden Niederlage in der Schlacht 1918 gegenübersah, hat der deutsche Generalstab (der begierig war, den Ruf der Armee zu schützen) die Zügel der Macht einer zivilen Regierung zurückgegeben. Diese neue Regierung – und nicht so sehr General Ludendorff – musste die Bedingungen für einen Waffenstillstand aushandeln. Aus diesem entstand später die tröstliche „Dolchstoß-Legende“, welche Politiker in den bitteren Folgejahren des Ersten Weltkriegs erfanden. Die Armee konnte vorgeben, dass sie in Wirklichkeit nicht geschlagen worden war. Dieser Mythos half den Nazis an die Macht.
Schottische und irische Nationalisten bauten eine Menge romantischer Legenden um ihre zahlreichen Niederlagen. Die Engländer haben vielleicht alle Kriege gewonnen, aber die Schotten und Iren haben die guten Lieder… Einige von diesen Liedern haben aus schmutzigen kleinen Episoden tröstliche glorreiche Epen gemacht.
Wenn es den Tigern ebenso ergehen wird, dann wird es Konsequenzen geben. Zuerst ist es möglich, dass die Niederlage ihrer Guerilla-Streitkräfte und der Verlust ihrer geheiligten Gebiete nicht in Gewalt endet. Es wird immer Raum für eine konventionelle terroristische Kampagne unter dem Erscheinungsbild einer neuen Gelegenheit, um Guerilla-Einheiten zu schaffen, sein. Wie gewöhnlich könnten sie sich zuerst weiterhin darauf konzentrieren, die unverblümt sprechenden Tamilen zu vernichten – Tamilen, welche fühlen, dass die größte Hoffnung für ihr Volk innerhalb des Gesetzes und des srilankischen politischen Systems liegt.
Werden die Tiger freundlich genug sein, den Gebrauch von Gewalt zu stoppen? Wahrscheinlich nicht. Ein großzügiger Geist und Respekt für das Leben anderer befinden sich nicht unter Prabhakarans Charakterzügen.
Die Diaspora der srilankanischen Tamilen, welche die Tiger förderten und welche sie noch durch vorgeschobene Organisationen kontrollieren, wird ihr Schlüssel-Guthaben sein. Würde es Prabhakaran versuchen, ins Ausland zu flüchten, um zu sehen, ob er eine direktere persönlichere Kontrolle darüber erhält, oder würde er versuchen, irgendwo ein sicheres Exil auszuhandeln? Als ein heimlichtuerischer Mann mit einer sorgfältig geformten Persönlichkeit, einem quasi-öffentlichen Leben ohne Beschränkungen auf seine Bewegung wird dies wahrscheinlich nicht mögen. Aber wenn er in Sri Lanka bleiben will, dann würde dies bedeuten, dass er von Zufluchtsort zu Zufluchtsort schlüpfen müsste, immer eine besonders dafür ernannte Spezialeinheit auf seinen Fersen; und das könnte nur das eine Ende dieser Geschichte sein.
Das organisierte kriminelle Reich der LTTE inmitten der Diaspora Gemeinschaften wurde sorgfältig darauf ausgerichtet, die Tiger in Sri Lanka zu unterstützen. Polizisten in Westeuropa, Kanada und Australien, welche das tamilische organisierte Verbrechen überwachen, haben wenig Zeichen dafür gesehen, dass Führer von Pro-Tiger Gemeinschaften das Luxusleben führen, welches gewöhnlich mit den Führern des organisierten Verbrechens verbunden wird. Aber Drogen, „Kriegssteuern“, Schmuggeln und andere Unternehmen werfen eine Menge Geld ab und bezahlen den politischen Apparat der Tiger. Jene Aktivisten werden sich wahrscheinlich nicht um ehrliche Arbeit kümmern.
Es gibt eine Falle, in welche viele andere terroristische Organisationen in den vergangenen paar Jahrhunderten gefallen sind. Wenn man die Zuflucht zum organisierten Verbrechen sucht, um für den heiligen Grund zu bezahlen, dann endet dies gewöhnlich damit, dass die Reste des geheiligten Grundes benützt werden, um das organisierte Verbrechen zu rechtfertigen. Schließlich ist die Verwandlung von einer aufständischen Bewegung zu einer kriminellen Gesellschaft vollständig… Erinnert sich noch jemand an die ursprünglichen Absichten der chinesischen Triaden oder der sizilianischen Mafia?
In Anbetracht der Ursprünge der LTTE und der Haupteinnahmenquelle in den letzten 25 Jahren, könnte sich viel von ihrem internationalen Apparat leicht in ein großes trans-nationales kriminelles Reich verwandeln. Für die Srilankaner könnte darin ein gewisser perverser Trost liegen – all jene Nationen, welche den Tigern viele Jahre lang bei ihren Operationen eine gewisse Freiheit zugestanden haben, werden nun dafür einen höheren Preis zu bezahlen haben.
Für die Diaspora könnte eine romantisierte verlorene Sache andere Auswirkungen haben. Wenn nachfolgende Generationen von Tamilenkindern ohne irgendeine Erfahrung mit dem Leben in Sri Lanka aufwachsen, dann könnten sie gut und gern diese romantischen Mythen der verlorenen Sache annehmen, anstatt sich mit ihrem Erbe und ihrer Identität zu verbinden. Die Enkel und Urenkel der irischen Immigranten hatten in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts geholfen, die IRA zu unterstützen. Die Enkel der Flüchtlinge aus dem Jugoslawien von 1940 kehrten zurück, um in den Kriegen von 1990 mitzukämpfen.
Jetzt, im Augenblick, könnte ein Tamile in Sydney, London oder Toronto die LTTE nicht wirklich unterstützen. Aber er könnte sich morgen von ihrer Existenz weniger bedroht fühlen. Ohne das Risiko, dass seine Kinder zu einer Guerilla-Streitkraft eingezogen werden, könnte er sich frei fühlen, wirklich dem Unterstützungsapparat der Tiger als Wächtern seines Erbes zuzustimmen.
Es ist ironisch, dass das Ende des Aufstands der Tiger in Sri Lanka sehr wohl ihren Einfluss auf die Diaspora Gemeinschaften verstärken könnte.
Es läge im Interesse von Sri Lanka, nach Maßnahmen zu suchen, welche die Führerschaft der Tiger-Diaspora jetzt untergraben könnte, damit sich ein militärischer Sieg auch in einen politischen verwandelt. Privilegien und Ehren könnten vielleicht jenen Tamilen gegeben werden, welche sich gegen die Tiger zur Wehr setzen; und es wäre klug von den srilankanischen Diplomaten, andere Regierungen dazu zu bekommen, dass sie jetzt über das tamilische organisierte Verbrechen nachdenken.
Was die kanadische Regierung betrifft: Wenn die Tamilen, welche hierher aus Sri Lanka gekommen sind, jemals Kanadier statt Tiger-Unterstützer im Exil sein sollen, dann muss die Macht der LTTE Tarnorganisationen gebrochen werden. Überdies: Kann es sich Kanada in Anbetracht der internationalen Verschiedenheit unserer organisierten Verbrecherkreise, wirklich leisten, dass der Übergang der Tiger vom Rebellen zu Gangstern hier ohne Widerstand geschieht?
Könnten wir nicht einmal ein Problem voraussehen – anstatt hinterher nur darauf zu reagieren?
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Anmerkung der LTTEwatch-Redaktion:
John C. Thompson ist der Präsident des Mackenzie Instituts in Toronto, Kanada. Das Institut wird von kanadischen Zeitungen und Medien als eine von Kanadas führenden Forschungsorganisationen bezeichnet. Man ist im Institut stolz auf seine objektiven und unabhängigen Blick auf einige der umstrittensten Punkte der öffentlichen, politischen Agenda. Die Arbeit des Instituts wirkte in der Vergangenheit oft als Beschleuniger einer informierenden Debatte und damit u.U. auch eines politischen Wechsels. Das Institut führt Untersuchungen durch über nationale und internationale politische Instabilität sowie über organisierte Gewalt (z.B. Terrorismus, Krieg, organisiertes Verbrechen, Konflikt, Gründe für Instabilität, politischer Extremismus, usw.).
Thompson selbst ist ein früherer Geheimdienstoffizier der kanadischen Armee. 1989 bekam er den höchsten Orden der kanadischen Streitkräfte. Er war Hauptmann, als er den Dienst verließ. Er ist ein Mitglied von Civitas, dem Rat des York Rangers Regiments der Königin, dem Königlichen Kanadischen Militärinstitut außerdem Mitglied von Fair Vote Canada und der Internationalen Vereinigung von Offizieren gegen den Terror.



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